Schorfi in Las Vegas – „I am the Hustler!“

Es ist Halbzeit bei der World Series of Poker 2009! Bei einem Fußballspiel bedeutet der Halbzeitpfiff, 15 Minuten ausruhen, viel Trinken, vielleicht eine Banane essen und neue Anweisungen vom Trainer entgegennehmen, wenn man mit seiner Mannschaft hinten liegt.

In meinem Fall, als Pokerreporter in Las Vegas, bedeutet der Halbzeitpfiff, den Lesern die besten Anekdoten aus den ersten Wochen in der hochgepokert-Villa in meiner Kolumne nicht vorzuenthalten.

Zum Pausentee liegen wir als hochgepokert-Mannschaft aus geldtechnischer Sicht beim Pokern fast aussichtlos hinten. Der eine mehr, der andere weniger. Das führt dazu, dass man nach neuen Möglichkeiten sucht, um sein verlorenes Geld wieder zu gewinnen – man wird regelrecht kreativ, was Sidebets angeht. Lebensmittelpunkt in der hochgepokert-Villa ist die Küche. Genauer gesagt, die Tischtennisplatte, die neben Kühlschrank und Herdplatte steht. Ein willkommender Ort für verrückte Wetten. So genug der Vorinformation.

Jan Heitmann, den der „Brand“ besonders heftig erwischt hat, kommt eines Abends zu mir, als ich gerade noch einen Blogeintrag mache und meint: “Schorfi, komm spiel mal zur Entspannung ein Match gegen mich!“ Da lasse ich mich nicht zweimal bitten. Mit 11:3 und 11:4 siege ich klar und deutlich in zwei Sätzen. Am Anfang wundere ich mich, dass Jan genau wie ich auch den Schläger in der linken Hand hält. Aber seine Bewegungen sehen so natürlich aus, dass er für mich als Linkshänder durchgeht.

Ein paar Tage später fragt er mich, ob ich mir nicht etwas Geld dazuverdienen möchte. Easy money sei das, schließlich hätte ich bereits das erste Spiel dominiert. „20 Dollar Einsatz, zwei Gewinnsätze“, schlage ich selbstbewusst vor. „Lass uns um 100 Dollar spielen! Wer einen Satz zu Null verliert muss 500 Dollar extra zahlen“, schlägt Jan vor. „Ich bin ein armer Journalist, eigentlich ist mir das zu viel“, antwortete ich in Erinnerung an das erste Match trotzdem siegessicher und schlage ein!

Im gleichen Augenblick grinst mich Jan an und meint: „ Schorfi, heute spiele ich aber mit der anderen Hand“. Sofort bekomme ich ein mieses Gefühl in der Magengegend, mein Adrenalinspiegel steigt. Hat mich Jan Heitmann, dem seit Jahren das „liebe Schwiegersohn“ Image anhaftet und von dem man nie denken würde, dass er einen über den Tisch zieht, gehustlet? Hat mich dieser so korrekte Typ, der immer so hilfsbereit und nett zu mir war, und sofort als Oberstufenlehrer oder Sparkassendirektor durchgehen würde, geködert und dann wie ein Goldfisch im Aquarium auf seinen fetten Angelhacken beißen lassen?

Um es vorweg zu nehmen: Jan hat mich bis auf die Unterhose ausgezogen! 5:11, 7:11, wir sind im dritten Satz beim Stand von 0:8. Ja ihr lest richtig. 0:8! Jan Heitmann spielte, als wer er der große Bruder von Timo Boll und hätte seine ganze Jugend im Keller angekettet an der Tischtennisplatte verbracht.

Da war doch noch was: Richtig, Herr Heitmann hatte eine Extraklausel mit ins Spiel gebracht, die da besagte: „500 Dollar extra für den, der einen Satz zu null gewinnt“. Meine Nerven lagen blank. Ich wusste, sollte ich jetzt mit meinem letzten Aufschlag nicht punkten, hätte Jan mit seinen drei Aufschlägen in der Hinterhand, nicht nur das Match gewonnen, sondern mich auch gleich um 600 statt um 100 Dollar erleichtert. Ich konzentrierte mich, wie das letzte Mal zu Fußballzeiten in der C-Jugend im Kreismeisterschaftfinale gegen TuS Bad Essen. Damals hielt ich den entscheidenden Elfmeter und auch dieses Mal sollte ich das Ass schlagen. Der Jubel war grenzenlos, ich war soeben dem größten Hustle der Geschichte entkommen. Klar ich war um 100 Dollar ärmer und einige Nerven hatte ich bei diesem Match auch gelassen – aber wer für´s Leben lernen will, der muss manchmal eben auch Lehrgeld zahlen.

p.s. Ich konnte es mir leisten;-) Hatte ich doch einen meiner Mitbewohner, der verständlicherweise ungenannt bleiben möchte, früher am Abend in sieben aufeinanderfolgenden Spielen bei 20 Dollar Starteinsatz im doppelt oder nichts Modus, sieben Mal hintereinander besiegt und ihm eine vierstellige Summe abgenommen. Und das, obwohl der Namenlose ab Spiel drei immer zwei Punkte Vorsprung gewährt bekam. Vielleicht sollte ich selbst Tischtennis-Hustler werden!


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