Der Skandal von Cannes – Rechtsanwalt Axel Mittig im Interview

Nachdem uns gestern Thomas Lamatsch aus der Sicht des Turnierdirektors Rede und Antwort zu dem „Skandal von Cannes“ gestanden ist, haben wir heute Rechtsanwalt Axel Mittig zu seiner juristischen Sicht den Sachverhalt betreffend befragt.

Die erste Frage liegt auf der Hand, Partouche hat den Fall an die französische Staatsanwaltschaft übergeben. Was bedeutet das für den deutschen Staatsbürger Ali Tekintamgac? Wo wird der Fall verhandelt?

Bei solchen international übergreifenden Sachverhalten ist das immer ein wenig kompliziert. Ein Vorwurf, der sich in Frankreich zugetragen hat, begründet grundsätzlich die Zuständigkeit der französischen Staatsanwaltschaft. Das heißt: Diese ermittelt jetzt und wird – insofern es zum einem Prozess kommt – auch in Frankreich anklagen. Wenn jedoch auch Deutsche von dieser potenziellen Straftat betroffen sind – zum Beispiel deutsche Spieler, die durch Tekintamgac aus dem Turnier genommen wurden – würde dies eine Zuständigkeit der deutschen Strafverfolgungsbehörden begründen.

Könnte eine deutsche Staatsanwaltschaft auch von selbst, ohne dass einer der Beteiligten eine Anzeige macht, Ermittlungen einleiten?

Der Normalfall ist, dass die Staatsanwaltschaft durch eine Anzeige Kenntnis von einer Straftat  bekommt. Es ist aber nicht Voraussetzung. Bei solch einem schweren Vorwurf – gewerbsmäßig und in einer Bande organisierter Betrug – besteht die theoretische Möglichkeit, dass die Staatsanwaltschaft von selbst Ermittlungen einleitet. Normalerweise würden die Deutschen in so einem Fall aber abwarten, was die Franzosen machen. Falls es in Frankreich zu einer Verurteilung kommt, würde der Fall in Deutschland nicht erneut aufgerollt werden.

Die große Frage unter den Spielern ist: Was passiert mit dem Preisgeld von Ali? Wenn im Sport jemand disqualifiziert wird, rückt normalerweise das Feld dahinter einen Platz nach vorne. Sollte dies hier auch so gehandhabt werden?

Darüber habe ich mir selbst schon viele Gedanken gemacht. Das hängt vor allem davon ab, wie die Teilnahmebedingungen bei dem Turnier gestaltet sind. Wenn ich an einem Pokerturnier teilnehme, kommt ja ein Vertrag zwischen mir und dem Turnierveranstalter zu Stande. Wenn es da Bestimmungen gibt – ich vermutet, es gibt sie nicht – die so einen Vorfall regeln, muss so verfahren werden, wie diese Bestimmungen es vorschreiben.  Wenn es so etwas nicht gibt, dann finde ich das Verhalten der Partouche Group nicht besonders gut, um nicht so gar zu sagen total daneben. Denn es ist ihnen zwar hoch anzurechnen, dass sie den Fall aufgedeckt haben, schließlich stellt es einen Imageverlust für sie dar und das Preisgeld einer karitativen Einrichtung zu spenden, mag zwar dieses Image wieder aufpolieren, doch rein juristisch halte ich dies für den falschen Weg. Denn in den Prizepool haben ja die Spieler eingezahlt, um diesen dann unter den Besten wieder aufzuteilen. Der Veranstalter kann dieses Geld nicht herausnehmen und verteilen, wie er es will. Der normale Vorgang wäre, dass einfach alle Spieler einen Platz weiter nach oben rutschen. Die Frage ist natürlich, ob man als betroffener Spieler juristisch was in dieser Hinsicht unternehmen will und kann. Da sich das nach französischem Recht richtet, müsste man dies aber einmal genauer überprüfen. Aufgrund der relativ hohen Summe, um die es hier geht, wäre es dies aber bestimmt wert. Wenn ich ein beteiligter Spieler wäre, würde ich relativ schnell etwas unternehmen. Denn wenn das Geld erst einmal gespendet ist, wird es evtl. schwieriger, da noch was zu bekommen bzw. mit dem Veranstalter zu verhandeln.

Jetzt wird es richtig spannend. Wie sieht das Ganze bei vergangenen Events aus. Namentlich zum Beispiel bei der WPT Barcelona, bei der Ali ja gewonnen hat. Damals war ein junger Österreicher am Final Table, der gegen Ali in viele komische Hände verwickelt war und auf den der Deutsche scheinbar einen besonders guten „Read“ hatte. Wie siehst du es da?

Hier sehe ich in erster Linie ein Beweisproblem. Im Nachhinein zu sagen, dass Tekintamgac die Hand nur gewonnen hat, weil er wusste, was sein Gegner für eine Hand hatte, wird wohl nicht ausreichen. Da müsste man schon mehr haben…

Kann jemand Tekintamgac persönlich anzeigen wegen einem vergangenen Turnier?

Selbstverständlich. Aber man gelangt wahrscheinlich sehr schnell zu dem Punkt, an dem die  konkrete Beweisführung schwierig wird.

Indizien gibt es ja eine Menge. Zum Beispiel das Team von Pokerboom, das immer vor Ort war und von denen es Fotos und Videos gibt. Würde das deiner Meinung nach nicht ausreichen?

Schwierig. Die Frage ist: Kann ich in einem Zivilverfahren das Gericht davon überzeugen, dass da geschummelt wurde und ich genau deswegen einen Nachteil erlitten habe. Wenn man jetzt nur eine Aufnahme hat, würde das wohl nicht reichen. Es kann aber auch sein, dass ein Richter im Anbetracht der gesamten Vorgeschichte und aufgrund der Indizien sagt: Da muss irgendwas gewesen sein. Aber das ist einfach extrem dünnes Eis, man kann es natürlich versuchen, darf aber dabei nicht mit einem Selbstläufer rechnen.

Wo würde man den dieses Verfahren ansetzen. In diesem Fall: Österreicher gegen Deutschen wegen einem Vorfall in Barcelona.

Da kommt entweder der Ort des Vorfalls oder der des Wohnsitzes des Anspruchsgegners in Frage. Also entweder Spanien oder Deutschland. In Österreich dürfte es wohl nicht gehen.

Um kurz bei der WPT Thematik zu bleiben. Wie ist das rechtlich zu betrachten, kann dieser Titel wieder aberkannt werden?

Das richtet sich auch wieder nach den Teilnahmebedingungen des Turniers. Aber von Sportwettkämpfen kennt man das ja: Wenn jemand im Nachhinein zum Beispiel des Dopings überführt wird, wird er nachträglich disqualifiziert. Natürlich ist hier die Frage, ob die Veranstalter den entsprechenden Nachweis führen können und – vor allem – führen wollen.

Das ist aber eine spannende Frage, denn Ali hat mit seinem Sieg ja auch ein Ticket für das WPT Championship Event in Las Vegas bekommen und könnte da dann auch spielen.

Das ist natürlich sehr spannend. Dazu kann ich nur so viel sagen: Wäre ich Alis Gegner aus dem bekannten Youtube Video aus Barcelona, würde ich jetzt die ganz große Welle los treten. Vor allem, da der Preisgeldsprung vom Ersten zum Zweiten ja so groß ist.

Natürlich stellt sich auch die Frage, was denn jetzt mit Alis Helferlein passiert.

Nach deutschem Strafrecht wäre das eigentlich ganz klar: Im Fall eines Prozesses würden sie sicherlich als Mittäter angeklagt werden, da Ihnen ein nicht unerheblicher Beitrag zur Begehung der Tat vorzuwerfen wäre.

Was wäre das erwartende Strafmaß für Ali und seine Mittäter?

Wenn die Täter in diesem Fall wegen Betruges in einem besonders schweren Fall verurteilt werden – also gewerbsmäßiger Betrug über einen längeren Zeitraum, als Mitglied einer Bande und wenn man dadurch seinen Lebensunterhalt bestritten hat – bewegt sich der Strafrahmen in Deutschland zwischen 1 und 10 Jahren. In Frankreich dürfte es ähnlich sein.

Also gar nicht einmal so wenig. Vielen Dank für diese fundierten Auskünfte!

Kontakt: Axel Mittig – mittig at grindelallee20.de

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