Menschen im Hotel – Kakao aus Automaten – Die große Freiheit

I was neat, clean, shaved and sober and I didn’t care who knew it.“
Raymond Chandler

Guten Tag. Mein Name ist Götz Schrage. Auf meinem alten Arbeitsplatz habe ich mich irgendwie verpokert. Im Leben sowieso. Jetzt bin ich  hier auf dieser lauschigen Seite und das ist gut so und fair sowieso. Schließlich hat mich Ben Kang als erster gefragt. Außerdem hat er mir einen Kakao vom Automaten geholt und bezahlt auch noch. In meinem Alter weiß man solche Gesten zu schätzen.

Getroffen haben wir uns in der Lobby des Marriotts. Die sind dort schlau und effizient. Sucht ist Sucht und obwohl die Empfangshalle groß genug wäre, um einen mittleren Airbus zu parken, sperren sie Sportwetter und Raucher in ein düsteres  gemeinsames Glasaquarium. Das Ganze nennen sie dann blumig  „Champions Sports Bar & Restaurant“  – Der Tchibo-Shop in Delmenhorst hat mehr Style. Das würde ich aus der Ferne und bei der Stimme von Sven Regener beschwören.

„Ben. Es tut mir leid“, sagte ich noch bevor er mich überhaupt etwas gefragt hatte. „Ich habe kein Interesse. Ich war jetzt vier Jahre Chefredakteur bei Online-Seiten. Man ärgert sich mit dünnen Texten, dicken Geldgebern, schwachen  Einleitungen und oberschwachen Ideen herum. Züchtet sich werthlose Missgeburten heran, die einem dann hinterrücks auf den Kopf scheißen. Muss sich mit den Kommentaren von psychotischen Internetwixern halbwegs sachlich auseinandersetzen, weil sie auch irgendwie User sind. – Ich habe keine Lust  mehr auf den Scheiß-Chefredakteur. Wirklich nicht. Tut mir leid.“

Ob Ben Kang etwas peinlich sein kann, weiß ich nicht. Will mich da bewusst nicht festlegen. Bin mir nicht mal sicher, ob wir beide vom selben Planeten stammen. Auf jeden Fall spürte ich einen Hauch von Irritation, bevor er mir nach einem Moment des Schweigens antwortete: „Götz wir suchen keinen Chefredakteur  – wir haben bereits einen. Ich wollte dich etwas ganz anderes fragen.“ Dann stand er auf, suchte in seinen endlosen großen Taschen nach kleinem Geld und ging zum Automaten. Am Nebentisch zwei haarige Perser mit faltigen Wettscheinen in den Händen. Auf dem riesigen Bildschirm zwei riesige Tennisspielerinnen, die mit lautloser Inbrunst Bälle übers Netz droschen. Schräg gegenüber ein Amerikaner mit Stoffhut, getönten Augengläsern und einem Arsch so groß wie der Tisch vor dem ich saß und eine Zigarette mit weißem Filter rauchte. Zweifelsfrei peinlich also.

„Einfach nur eine Kolumne Götz. Jede Woche und vielleicht noch spezielle Themen, die dich interessieren.“ Kang mit Zigarette und Kaffee im schicken weißen Plastikbecher und ich hatte meinen Kakao und das dringende Bedürfnis von meiner unfertigen Kurzgeschichte zu erzählen, die eigentlich ein unfertiger Roman werden sollte. Arbeitstitel „Junkies trinken keinen Kakao“, aber ich  war dann doch zu neugierig, wie das denn sein würde bei Hochgepokert. Ob ich sie behalten könnte, die wohlige wiedererlangte Freiheit und so. „Und ich kann schreiben was ich wirklich denke? Quasi rücksichtslos und ungeordnet“, fragte ich auf den Punkt.

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„Götz, du kannst schreiben was du willst. Hauptsache du machst das regelmäßig und exklusiv bei hochgepokert.“ „Hört sich reizvoll an“, sagte ich und um mir wirklich Klarheit zu verschaffen, setze ich noch einiges hinterher.  „Und wenn ich schreiben will, dass diese ganzen Pokertracker-Wixer für mich keine Pokerspieler sind sondern Betrüger. – Kann ich das  so schreiben?“ „Klar kannst du  das“, sagte Kang

„Und wenn ich schreiben will, dass ich ganz der Meinung von Hermann Pascha bin und bei Poker frauentechnisch für eine Quotenregelung plädiere – Auf hundert Männer eine Frau und dafür bekommt sie das Add-on zum halben Preis –, kann ich das so schreiben?“ „Klar kannst du das“, sagte Kang.

„Und wenn dieser GermanfickdichHawke wieder einmal meine Frau beleidigt, kann ich dann so lange an eurem Server rumschrauben, bis ich seine reale Adresse gefunden habe, um diesem Wixer seine Wixerfinger an seiner Wixertastatur festzutackern?“ „Klar kannst du das“, sagte Kang.

„Dann will ich diesen Kolumnistenvertrag haben“, sagte ich. „Unbedingt sogar“. Und da lächelte Kang zum ersten Mal bei unserem Treffen und der eine haarige Perser am Nebentisch lächelte auch. Wahrscheinlich hat sein blondes Tennistier gewonnen. Sein Kollege lächelt nicht und zerknüllte seinen ohnedies faltigen Wettschein zu einer fast perfekten weißen Papierkugel, um sie dann achtlos in den Eimer neben dem Kaffeeautomaten zu werfen.

Wir sind dann doch beide aufgestanden wie altmodische Männer und haben uns die Hand gegeben. Deal ist Deal und so gehört das irgendwie. Mit Deutschen und Koreaner kann man so etwas machen. Mit Italienern niemals. Da mache ich Deals nur am Telefon. Die küssen einen dann wohl möglich oder so. Da ist bei Kang keine Gefahr. – Beim Rausgehen aus diesem verräucherten Aquarium warf ich noch einen kurzen Blick auf den fetten Amerikaner. War es das Dopamin, eine Täuschung oder wirklich wahr? Der Junge nickte mir zu. Irgendwie respektvoll. So als ob er wüsste, dass ich das richtige gemacht hatte irgendwie. Lebensmäßig und so von der Entscheidung. Amerikaner sind scheißschlau, wenn es um so was geht. Die wissen, wann jemand wichtig wird. Und wichtig bin ich jetzt zweifelsfrei als offizieller Hochgepokert-Kolumnist – und stolz sowieso.

Götz Schrage

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