Christian Bönig: „Bei St. Pauli wird nicht übertrieben viel gezockt!“

Der Wettskandal um den Ex-Fußballprofi René Schnitzler fährt wie ein Blitz durch die Glieder der ganzen Nation. Es geht um Bestechung, Manipulation, Betrug, Morddrohungen und Spielsucht. Schnitzler kickte bis 2009 für den FC St. Pauli. Sein Sündenfall beschäftigt auch seinen ehemaligen Arbeitgeber. Christian Bönig, Team-Manager des Kiez-Klubs, gab Hochgepokert ein Interview.

Hochgepokert: Herr Bönig, es knallt auf dem Kiez. René Schnitzler soll von der Wettmafia Bestechungsgeld angenommen haben, um Spiele des FC St. Pauli zu verschieben. Sein Motiv sollen Schulden gewesen sein, die er als Folge seiner Spielsucht angehäuft hat. Als Schnitzler zu St. Pauli kam, war da bekannt, dass er spielsüchtig ist?

Christian Bönig: Nein, das war 2008 noch nicht bekannt. Wir haben erst später mitbekommen, dass er offenbar Geldprobleme gehabt hat. Dass das aber mit Spielleidenschaft und Spielsucht zu tun gehabt haben soll, dass wurde erst thematisiert, als er schon nicht mehr beim FC St. Pauli gewesen ist. Wäre uns das bekannt gewesen, hätten wir sofort etwas unternommen.

Hochgepokert: Das bedeutet?

Christian Bönig: Wir hätten sofort nach geeigneten Möglichkeiten für eine Betreuung durch Fachleute gesucht. Psychologen, therapeutische Einrichtungen, also alles, was eben verfügbar ist. So haben wir damals auch bei Andreas Biermann reagiert. Er litt an Depressionen und hatte im Herbst 2009 einen Selbstmordversuch unternommen. Unser Trainer, Holger Stanislawski, ist mit Andreas ins Krankenhaus gefahren. Er und das Team haben ihn und seine Familie so gut es nur geht unterstützt.

Hochgepokert: Kurz zu Andreas Biermann. Er hatte in einem offenen Brief im November 2009 mitgeteilt, dass er zeitweilig sehr viel Poker gespielt hat. Er schrieb auch, dass er fast in eine Spielabhängigkeit geraten wäre. Schnitzler spricht ebenfalls von Spielsucht und davon, dass die meisten Fußballprofis zocken würden. Ist das so? Ist Spielsucht ein verbreitetes Problem bei Profifußballern.

Christian Bönig: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich es nicht weiß. Ich kann nur für den FC St. Pauli sprechen, nicht für die ganze Bundesliga. Bei uns wird nicht übertrieben viel gezockt und ich kenne aus unserem aktuellen Kader auch keine Spieler, die regelmäßig ins Casino gehen.

Hochgepokert: Nach unseren Informationen war Schnitzler regelmäßig Gast in verschiedenen Casinos. Monte Carlo und San Remo hat er angeblich auch angesteuert und gespielt. Ist das Profispielern überhaupt gestattet oder gibt es im Arbeitsvertrag entsprechende Einschränkungen?

Christian Bönig: Die Verträge in der Deutschen Fußball Bundesliga sind in diesem Punkt klar geregelt. Die Spieler dürfen keine Wetten auf Fußballspiele platzieren. Das heißt aber nicht, dass sie nicht Poker oder Roulette spielen dürfen. Gleiches gilt für den Besuch von Casinos. Da endet auch der Einfluß als Arbeitgeber. Es ist die Privatsache des Spielers, wo er sich aufhält. Wenn er der Meinung ist, er will mal einen Abend in eine Spielbank gehen, dann ist das seine Privatangelegenheit. Begrüßen tun wir es nicht.

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Hochgepokert: René Schnitzler hat laut BILD bei Pauli 12.000 Euro im Monat verdient und dennoch Geldprobleme gehabt. Wird man da nicht stutzig?

Christian Bönig: Über Vertragsinhalte sprechen wir grundsätzlich nicht.  Im Allgemeinen verdienen Fußballer sicher nicht schlecht. Wenn man sich aber den Lebensstil anschaut, den Menschen mit einem hohen Einkommen oft führen, dann können dort auch Geldprobleme auftreten. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Nehmen Sie als Beispiel den Spieler Ailton. Der hat mit Sicherheit mehr Geld verdient, als jemals ein Spieler des FC St. Pauli. Und trotzdem hat dieser Top-Verdiener Geldsorgen. So etwas gibt es, dass ist leider so.

Hochgepokert: Schnitzler hat sich viel Geld bei Pokerprofis geborgt. Aber auch Mitspieler soll er angepunpt haben. Gab es eine Möglichkeit dort einzugreifen?

Christian Bönig: Wir haben davon überhaupt nichts gewußt. Hätte uns das jemand gesagt, wären wir sofort zur Stelle gewesen, um dem Spieler zu helfen.

Hochgepokert: Schnitzler soll in deutschen Casinos gesperrt gewesen sein. Wissen Sie da etwas von?

Christian Bönig: Nein. Da haben wir keinerlei Informationen zu.

Hochgepokert: Er soll auch an illegalen Pokerrunden teilgenommen haben, die in Hamburger Nobel Hotels stattfanden. Ist Ihnen das bekannt?

Christian Bönig: Nein. Diese Geschichten fallen wieder in das Privatleben des Spielers hinein. Uns hat niemand etwas davon erzählt. Für Sie hört sich das vielleicht naiv an, aber ich kenne nicht einmal Orte, an denen solche Pokerrunden laufen.

Hochgepokert: Herr Bönig, eine abschließende Frage. Welche Lehren zieht der FC St. Pauli aus dem Fall René Schnitzler und seiner Spielsucht? Was wird sich beim Kiez-Klub künftig ändern?

Christian Bönig: Man darf jetzt nicht den Fehler machen und es zu einem Generalproblem aufbauen, aber auch nicht die Augen davor verschließen. Wir müssen noch sensibler werden. Hier ist viel Fingerspitzengefühl gefordert.

Hochgepokert: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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