Studie zeigt: Fast eine halbe Million Bundesbürger spielsüchtig

Es ist nichts Neues, dass Politiker sich oft widersprechen, nur um einem Trend oder Interessen von Lobbyisten gerecht zu werden. Der Pokerspieler hierzulande erfährt dies immer wieder. Auf der einen Seite werden Lotterien und Rubbellose toleriert – zumindest wenn sie staatlich sind. Auf der anderen Seite wird einem eingeredet, dass man beim Pokern Haus und Hof verspielt und deshalb dieses höchst gefährliche Kartenspiel überwacht und kontrolliert werden muss.

Wir von Hochgepokert wollen es nicht schönreden. Natürlich birgt Poker Gefahren und so mancher Spieler hat schon über seinem Limit gespielt und mehr verloren, als er sich leisten konnte. Aber der Großteil der Spieler betreibt das Spiel als Hobby und nicht exzessiv. Manch einer gewinnt sogar regelmäßig und gönnt sich vom Geld kleinere Freuden, wie einen neuen Fernseher oder einen Urlaub.

Ohnehin ist Poker in der Skala der ’süchtig machenden Spiele‘ nicht oben angesiedelt. Diese Plätze nehmen Sportwetten und die viel verbreiteten Spielautomaten ein. Eine am Mittwoch in Berlin vorgestellte Studie der Universitäten Greifswald und Lübeck hat nun gezeigt, dass fast 500.000 Deutsche spielsüchtig sind. Als ob diese Zahl nicht erschreckend genug wäre: mehr als vier Millionen hatten schon ernsthafte Probleme mit Glücksspiel.

Die wissenschaftliche Arbeit „Pathologisches Glücksspielen und Epidemiologie“ ist die erste Studie die lückenlos die verschiedenen Glücksspiele untersucht. Telefonisch wurden mehr als 15.000 Personen zwischen 14 und 69 Jahren befragt. Zusätzlich wendeten sich die Forscher an Medien, Selbsthilfegruppen, stationäre Behandlungseinrichtungen, Suchtberatungsstellen, Spielhallen und Spielbanken, Schuldnerberater sowie Einrichtungen der Bewährungshilfe, um noch mehr Meinungen einzuholen. Somit wurden 575 Personen mit „Glücksspielproblemen“ gefunden und intensiver befragt.

Auf Grundlage der Festnetztelefonstichprobe ergibt sich, dass 0,9% der 14- bis 64-jährigen bundesdeutschen Bevölkerung im Laufe des Lebens […] die Diagnose [für] Pathologisches Spielen erfüllen. Weiterhin ergeben die Schätzungen, dass zusätzlich 1,4% Problematisches Glücksspielen […] im Laufe des Lebens erfüllten […].

Hochgerechnet ergeben sich folgende Zahlen für die Bevölkerung in der Gruppe der 14-64-Jährigen: 480.557 Pathologische Spieler, 756.919 Problematische Spieler […] und 2.925.996 Personen, die […] Problematisches Glücksspielen im Lebensverlauf erfüllt haben.

Es finden sich deutlich erhöhte Raten bei Männern, jüngeren Personen, Personen mit niedrigerem Bildungsstatus, Personen mit Migrationserfahrung oder -hintergrund und Arbeitslosen. So betragen die Raten für Pathologisches Glücksspielen 3,3% bei Arbeitslosen, 1,8% bei Personen mit Migrationshintergrund und 2,7% in der Gruppe der 14- bis 30-jährigen Männer.“ so PD Dr. Hans-Jürgen Rumpf via Presseschreiben (hier nachzulesen)

Mehr als die Hälfte der intensiv Befragten gab an, dass Geldspielautomatenam meisten zur Entstehung des [Glücksspiel-] Problems beigetragen hat.“ Auf Rang zwei (10,3%) wurde das kleine und große Spiel im Casino genannt. Immerhin gaben 48 der 575 befragten an, dass sie Poker als Hauptursache nennen würden.

Das Spiel am Automaten ist nur nicht die größte ‚Einstiegsdroge‘, sondern auch das weitverbreitetste Glücksspielgerät. Fast überall finden sich diese blinkenden Geldschlucker und sogar in Kneipen dürfen diese Zockermaschinen aufgestellt werden.

Schlimmer sind jedoch die unzähligen Spielhallen, die vor allem in den Bahnhofsbezirken und Industriegegenden oder den Vierteln mit hoher Arbeitslosigkeit wie Pilze aus dem Boden sprießen. Die marktführenden Ketten trimmen ihre Mitarbeiter darauf, dass sie die spielenden Kunden mit Gratisgetränken bei Laune halten. Sogar warme und kalte Mahlzeiten gibt es mehrmals am Tag und kleine Sonderaktionen wie Gutscheine sollen ebenfalls als nette Geste, die Spieler im Laden halten.

Die Beschränkung, dass die Spieler dabei nur zwei Automaten gleichzeitig bespielen dürfen, wird dabei nicht immer eingehalten. Wie denn auch, wenn ein Mitarbeiter 50 oder mehr Geräte überwachen muss. Mechthild Dyckmans (FDP), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, forderte vor kurzem die Automaten in Kneipen, Tankstellen, Einkaufszentren und Flughäfen zu verbieten, wurde jedoch von Gesundheitsminister Philipp Rösler zurückgepfiffen“ (Zitat: Tagesschau Online). Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht vom Fachverband Glücksspielsucht vermutet, dass das von FDP-Mann Brüderle geführte Wirtschaftsministerium die Linie vorgibt.

Gerade gestern wurde bekannt, dass die Gauselmann AG in den letzten zehn Jahren mehr als eine Million Euro an Parteispenden getätigt hat. Die Mitglieder der Gauselmann Familie und die Mitarbeiter in der Führungsebene haben stets darauf geachtet, dass die Spenden nie über €10.000 gingen und somit nicht gemeldet werden mussten.

Edda Müller, Vorsitzende der Antikorruptionsorganisation Transparency International verlangt eine verschärfte Regulierung der Parteienfinanzierung: „Die Vorstellung, hier wäre ohne erwartete Gegenleistung gespendet worden, ist naiv.“

Die Automatenindustrie reagiert mit einer ‚innovativen‘ Idee. So sollen mit Spielkarten die Verluste eines jeden Spieler in Grenzen gehalten werden. Pro Tag und Spielstätte soll ein Spieler maximal €200 (!) verspielen können. Ein Schlag ins Gesicht aller Spielsucht-Verbände: „Soll man einem Jugendlichen vermitteln, es ist okay 150 oder 200 Euro zu verspielen?„, so Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht.

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