Maltesische Wölfe und die heulende deutsche Politik

„Schildkröten können mehr von der Straße erzählen als Hasen.“ (Khalil Gibran)

Das Landesgericht Köln hat auf Antrag des privaten Glückspielunternehmens Tipico mit Sitz auf Malta folgende einstweilige Verfügung erlassen: dem Wettanbieter Westlotto droht ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro sollte ein Wettschein eines Hartz-IV-Empfängers angenommen werden. Kein Oddset-Wetten mehr für Spieler, die – und jetzt wörtlich – „Spieleinsätze riskieren, die in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen stehen, insbesondere Hartz-IV-Empfänger.“

Wenn es nicht so abgründig und verlogen wäre, könnte man sich ja fast amüsieren. Nicht der Verband der freichristlichen Pastoren hat sich da aus vielleicht berechtigter Sorge um seine klammen Schäfchen vor Gericht bemüht, ganz im Gegenteil. Um es plakativ zu formulieren – der falsche böse Wolf aus Malta will auch ein wenig wildern in den schmalen Brieftaschen der Zukurzgekommenen, und wenn das nicht geht, dann sollen das die anderen auch nicht dürfen.

SPIEGEL Online zitiert den Tipico-Geschäftsführer Stefan Meuerer wie folgt: „Uns geht es um eine vernünftige Regelung und ein geregeltes Miteinander.“ In der freien Wildbahn fernab von aalglatten  Unternehmenssprechern würde man da wohl eher von einer Erpressung sprechen. Wenn ihr uns nicht an den Futtertrog lasst, dann quälen euch unsere Anwälte. Und wenn das Ganze funktioniert, nennt sich das „faires Miteinander“.

Wobei, es geht ja nicht nur um Marktanteile und Unternehmensinteressen. Sollen die sich doch gegenseitig mit einstweiligen Verfügungen und Ordnungsgeld traktieren. Es geht um etwas wirklich Ungeheuerlicheres, eine ganze Bevölkerungsgruppe wird stigmatisiert und für die strategischen Interessen eines maltesischen Unternehmens missbraucht. Wahrscheinlich ist Tipico der erste Anbieter, der einen Wettschalter in jedem Flüchtlingslager rund um La Valetta aufsperren würde – der Libyer wettet schließlich gerne und in Deutschland soll der Hartz-IV-Empfänger geschützt werden.

Individuelle Freiheit prallt auf zu recht bestehende staatliche Regularien. Wenn Spielbanken die Einkommensverhältnisse überprüft bevor jemand die großen Plaques am Roulettetisch verschiebt, macht das Sinn und ist gut so. Hingegen wenn jemand auf der Annahmestelle im Trainingsanzug und Bierdose in der Hand eine fünf Euro Kombiwette abgeben will, bleibt das Ganze alleine seine Sache. Alles andere bis hin zum „Nicht-Hartz-V-Bezieher-Ausweis“ ist anmaßend und abstrus. Die Sarrazinierung geht weiter und der Spuk wird böse enden.

Selbstverständlich ist die kleine Sportwette zur Einkommensverbesserung grober Unfug. Die Oddset-Quoten launisch vorgetragen vor einem fachkundigen Publikum dienen höchstens dazu die Lachmuskeln anzuregen. Aber darum geht es nicht. Im Gegensatz zu all den schwachsinnigen Telefonumfragen, angefangen bei DSDS („Rufen Sie bitte am besten für alle Kandidaten an, die Ihnen gefallen haben!“) bis hin zur achtzehnten kostenpflichtigen NTV-Umfrage: „Möchten Sie, dass Gutenberg vom Rücktritt zurücktritt?“ Alles Schwachsinn! Nur jedem Tierchen sein Pläsierchen und wer ohne Laster ist, werfe den ersten Pflasterstein.

Fakt ist – und das ist der tragische Teil der Geschichte – die Politik, und im Windschatten die Justiz, bleibt feige und opportunistisch. Vor einer Woche gab es wieder einmal einen Amoklauf. Ein sogenannter „Sportschütze“ ist für den Tod von drei unschuldigen Menschen verantwortlich und ich bin mir sicher, jetzt genau in dem Moment, während ich diese Zeilen schreibe, wird irgendwo in Deutschland gerade eine Sonderkommission in Permanenz tagen. Die kümmern sich aber keineswegs um die sakrosankten Sportschützenvereine, sondern überlegen welches 25Cent/50Cent Homegame sie als nächsten aufmischen.

Da passt gut ins Bild, dass der Dreifachmörder laut BILD.de in einem Wohnheim für verhaltensauffällige Jugendliche untergebracht war und schwere Medikamente nehmen musste. Seine Waffe trug er als Sportschütze scheinbar ganz legal. Da wird es einem offensichtlich nicht allzu schwer gemacht, und solange man nicht auf die Idee kommt, als Hartz-IV-Empfänger in NRW die nächste Annahmestelle für Sportwetten aufzusuchen, bleibt ja alles in bester Ordnung. Gute Nacht Deutschland.

G.Schrage

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