Der Ivo Donev Blog: WPT Montesino – Der Pokerboom in Wien!

Hallo liebe Pokerfreunde,

schon seit langer Zeit versucht die World Poker Tour (WPT) festen Fuß in Europa zu fassen. Leider hat dies bis jetzt noch nie so richtig geklappt, denn ihre kleine europäische Schwester, die European Poker Tour, hat die WPT immer in den Schatten gedrängt. Ein krasses Beispiel: Ich erinnere mich an meine Teilnahme vor zwei Jahren bei der WPT in Bratislava, wo mit großer Mühe knapp 100 Teilnehmer zusammenkamen, jedoch einige Monate zuvor bei der EPT San Remo über 1000 Pokerfreunde mitmachten. Diesmal aber war es in Wien (20.bis 25.März 2011) ganz anders: 555 begeisterte Spieler engagierten sich bei der größten WPT die je in Europa stattgefunden hat.

Ich entschied mich, an Tag 1A zu spielen. Die Turnierstruktur war fast die gleiche wie bei der EPT: 30.000 Startchips, 1 Stunde Levels und Start bei 50/100. Wenn jemand aber beide Strukturen genau unter die Lupe nimmt, dann ist zu sehen, dass die WPT-Struktur langsamer steigt. Den Unterschied spürt man besonders ab Level 7. Bei der WPT haben wir Blinds 250/500 mit 50 Ante und bei der EPT 300/600 mit 50 Ante. Insgesamt gesehen empfand ich persönlich die WPT-Struktur angenehmer als die aktuelle der EPT.

Mein erster Tisch (Foto rechts) setzte sich wie folgt zusammen:

(1) Manuel Blaschke – ein junger, guter Spieler aus Wien.
(2) Peter, ein erfahrener und solider Spieler.
(3) Ein russischer Businessman und Schwergewicht, der oft seine Hände überschätzt.
(4) Euer Ivo!
(5) Michael Csango, Inhaber eines Caféhauses in Wien und High Limit Spieler.
(6) Ein Tscheche, der gigantische Wetten macht. Vor und auch nach dem Flop gefährlich!
(7) Ein junges Internet Kid.
(8) Ein unbekannter ungarischer Spieler.
(9) Ein unbekannter Englisch sprechender bwin-Spieler. Er machte auf mich einen soliden Eindruck.

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Level 2 (75/150): Ich war am Hijack (so nennt man den zweiten Platz rechts vom Button) mit [Kx][Kx]. Drei Spieler limpten für 150. Was nun? Klar, raisen, aber wie hoch? In solchen Situationen ist es optimal nicht zu wenig zu raisen, um nicht alle Gegner zu behalten. Aber auch nicht zu hoch, um alle Gegner zu verjagen. Man muss angepasst klein raisen, um seine Gegner im Feld zu behalten. So hatte [Kx][Kx] für mich maximale Gewinnchancen: [Kx][Kx] gegen nur einen Gegner hat 82% Gewinnerwartung. Aber [Kx][Kx] gegen drei Gegner hat nur 58% Gewinnerwartung!

Im Pot waren momentan 4×150 + SB 75 = 675. Somit ist ein Raise in Potgröße ein gutes Hilfsmittel in solchen Situationen. Ich raiste auf 700 und überraschenderweise unterstützten mich der Small Blind, der Spieler auf Platz 7., und der letzte Limper, der russische Bär, mit diesem Betrag. Der Flop: Ts2s2h. Super, ein Traum-Flop! Ich hatte nun ein Overpair zum Flop und hatte keine Angst, dass jemand einen Drilling mit Zweien hatte, weil ich vor dem Flop kräftig geraist hatte. Ich hatte somit wahrscheinlich alle Hände die eine Zwei hielten zum Folden gebracht. Wie gut erzogene und brave Kinder haben meine Kontrahenten gleichzeitig den meistverbreiteten Poker Term „Check“ als Schutzschild genommen! Trotz des ungefährlichen Flops wettete ich mit Absicht 2000:

a.) um keine freie Karte zu geben.
b.) um den Pot mit meiner Monster Hand aufzubauen.


Der „grüne“, sorry, der junge Spieler im Small Blind fand irgendwelche Ideen und nach langer Überlegung callte er. Der russische Bär verließ hungrig geblieben das Schlachtfeld. Was denken Sie, was der Turn wohl brachte? Wie in einem bösen Märchen die schrecklichste Karte für mich aus dem gesamten Paket – nämlich noch einen Zehner: Td.

Jetzt checkte mein Gegner glücklicherweise. Ich wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte, wenn er am Turn eine hohe Wette schießen würde. Nun begann ich Vor- und Nachteile abzuwägen über Check und Bet am Turn. Am Schluss entschied ich, dass hier ein Check der wesentlich bessere Zug als eine Bet war:


a.) Vermeiden eines unangenehmen Check-Raise.
b.) Um Pot-Kontrolle gegen nur einen Gegner in Position zu haben.
c.) Dazu könnte mein Gegner einen Check als Schwäche interpretieren und ich ihn am River zu einem Bluff verleiten.

Also Check! River: Qc. Jetzt zeigte mein Gegner seine Krallen und schoss 3.300 in einen Pot von 6.400. Was nun? Fold, Raise oder Call? Bitte überlegen Sie selber, bevor Sie weiterlesen!

In dieser Situation erkennt man den großen Unterschied zwischen Limit und No Limit Hold’em. Im Limit Hold’em wäre die richtige Antwort eindeutig ein Raise, weil mein Gegner im schlimmsten Fall nur noch eine Wette draufsetzen könnte. Bevor man im No Limit am River raist, muss man sehr gut nachdenken. Falls ich beispielsweise auf 8.000 raisen würde und mein Gegner daraufhin All-In für 27.000 ging, dann stünde ich vor einer sehr schweren Entscheidung. Hatte er wirklich Drillinge mit Zehnen? Hatte er [Qx][Qx] in der Hand oder [Ax][Qx] oder sogar [Ax][Ax] slow gespielt? Oder hatte er seinen Flush Draw verpasst und wurde durch mein Check am Turn verleitet, sich mit einem Bluff den Pot zu schnappen?

Mit einer solchen River-Bet setzte ich mir oft selbst einen „Igel in die Hose“. Nein lieber nicht! Ich callte und sah, dass er mit Siegerpose mir stolz [Ax][Qx] off zeigte. Weil ich nur callte, hatte er gedacht, dass sein Top Paar mit Top Kicker gewinnen würde. Ich meinerseits mit meinen [Kx][Kx], den „haarigen Brüdern“, strich diesen Pot mit Erleichterung ein. FAZIT: Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! In der Pokersprache gesagt: „Lieber den kleinen Pot sicher, als den großen Pot unsicher!!!“

In Level 6 wurde ich an einen neuen, wesentlich schwereren Tisch platziert. Ganz kurz die neue Mannschaft: Platz 1 ich, Platz 2 Leo Margets, Platz 3 Daniel Schweizer, Platz 4 ein Pro aus Litauen, Platz 6 ein Pro aus den USA, Platz 7 Marin, ein junger Pro aus Bulgarien, Platz 8 Johannes Strassmann und Platz 9 High Stake Pro Frederik Keitel.


Nach kurzer Zeit hatte ich in Level 7 wieder die „bärtigen Brüder“ (so nenne ich [Kx][Kx] oder besser doch King Kong?) am Button bekommen! Alle foldeten bis zum Cutoff, Frederik Keitel, der 1.300 verlangte.

Das Problem war nur, dass er die Chips nicht eindeutig gleichzeitig gesetzt hatte (ein möglicher String Bet). Der Big Blinde hat sofort reklamiert! Der Dealer rief den oberen Boss, Matt Savage, um zu entscheiden, ob nur ein Call oder doch ein Raise akzeptiert wird. Ich habe stillschweigend gehofft, dass das Raise erlaubt wird, tat aber keinen Mucks. Nach langen Diskussionen wurde für mich die Ampel auf Grün gestellt – Raise wird akzeptiert. Meine Möglichkeiten: Call oder Reraise.


a.) Wenn ich callte, verstecke ich die Stärke meiner Hand und bliebe nach dem Flop in bester Position. Die Gefahr bei einer solchen Spielweise bestand darin, dass ich gute Pot Odds an die beiden Blinds gäbe, die somit leicht in den Flop-Zug einsteigen könnten! Wie oben erwähnt – ein großes Paar spielt sich optimal nur gegen einen Gegner.

b.) Wenn ich raiste, verjagte ich vermutlich die beiden Blinds und pumpte den Pot auf. Außerdem konnte es sein, dass mein aggressiver Gegner dachte, dass ich ihn mit einer mittelmäßigen Hand verjagen wollte, da ich in Steal-Position war.

Hier habe ich mich für Variante B entschieden und reraiste auf 3.300 – sozusagen eine „Komm friss mich auf“-Einladung.

Nachdem die Blinds schnell verschwanden begann Keitel tief nachzudenken und packte schlussendlich seine schwere Artillerie aus: Reraise auf 9.500. Entweder hatte er wirklich eine starke Hand oder er glaubte nicht, dass ich etwas Seriöses vorzuweisen hatte. Jetzt stand ich wieder an der Kreuzung: Call oder All-In für 33.000?! Er hatte übrigens einen Stack von 30.000 Chips.

Falls ich callen würde, wäre es für ihn klar, dass ich eine Bombenhand hatte und so würde ich nach dem Flop keine Action bekommen, außer, er selbst hätte gut getroffen. Darum entschied ich mich auf 30.000 zu reraisen, was ihm überhaupt nicht schmeckte. Er seufzte tief und foldete …


Aber sehr bald hatte er seine Verluste mit folgendem Kunststück wieder wettgemacht: Johannes Strassmann saß am Button mit AhKd und alle foldeten zu ihm. Er raiste Standard und nur Keitel im Big Blind hatte etwas dagegen. Reraise, weil er selber auch AsKh hielt. So schaukelten sich beide bis zum All-In hoch. Beim Showdown (Foto links) hatte der glückliche Keitel mit AsKh in der Hand und Runner-Runner-Flush gewonnen! Johannes schied sehr verbittert aus!


Schlussendlich hatte ich Tag 1 mit einem Stack von 86.600 Chips und damit über Average beendet. Am nächsten Morgen hatte ich Details über die neue Mannschaft erhalten, die mich am Tag 2 an meinem neuen Tisch erwartete erfahren. Ich habe meine Gegner unter die Lupe genommen und analysiert. Wie ich mich vorbereitete, werde ich im kommenden 2. Teil meines WPT Wien Blogs darlegen!

Euer Ivo „The Chessmaster“ Donev

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