Der Markt für Onlinepoker: Ingo Fiedler antwortet den Lesern von Hochgepokert.com (Teil 2)


Im zweiten Teil seines Gastkommentars zur Studie „Der Markt für Onlinepoker: Spielerherkunft und Spielerverhalten“ geht Ingo Fiedler (Universität Hamburg, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät) auf den Zusammenhang zwischen Sucht und Onlinepoker ein.

Onlinepoker und Sucht

Unsere aktuelle Studie zum Pokermarkt behandelt die Suchtfrage nur am Rande. Aus anderen Studien geht jedoch hervor, dass Onlinepoker zu den (Glücks-)spielen mit dem höchsten Suchtpotenzial gehört. Dies zeigt eine qualitative Analyse des Spiels anhand der für Glücksspiele gängigen Suchtkriterien. Das wichtigste dabei ist die Ereignisfrequenz. Onlinepoker läuft sehr schnell ab und kann durch das Multitabling sogar beliebig schnell gestaltet werden. Aber auch die weiteren Faktoren zur qualitativen Bestimmung des Suchtpotenzials eines (Glücks-)spiels sind beim Poker besonders stark ausgeprägt.

Dazu gehören zum Beispiel die hohe Verfügbarkeit (an jedem Rechner mit Internet und zu jeder Tages- und Nachtzeit), die hohe Varianz der Ergebnisse, die beliebige Skalierbarkeit des Spiels in Bezug auf die Einsätze und das Hervorrufen von Kontrollillusion durch Einflussmöglichkeiten (Verluste werden dem Zufall, Gewinne dem Geschick zugeschrieben).

Quantitativ gesehen lässt sich das Suchtpotenzial messen, in dem das Verhältnis von pathologischen Spielern (Süchtigen) zu allen Spielern gebildet wird oder in dem der Zusammenhang zwischen der Teilnahme an Glücksspielangeboten und der Diagnose von pathologischem Glücksspiel gebildet wird. Letzteres wurde in der hoch geachteten und kürzlich veröffentlichten PAGE-Studie (Hinweis: Kurzbeschreibung dieser Studie als PDF) durchgeführt. Demnach ist es für einen Pokerspieler fünfmal so wahrscheinlich eine Glücksspielsucht zu entwickeln wie für den Spieler irgendeines Glücksspiels. Zum Vergleich: Sportwetten haben einen Faktor von 4,7 und Automaten in Spielhallen von 6,3.

Um die Bedeutung eines Spiels für die Glücksspielproblematik insgesamt beurteilen zu können, muss allerdings auch die gesamte Nachfrage nach einem Spiel berücksichtigt werden. Hierbei ergibt sich aus der PAGE-Studie, dass 49% der Glücksspielsüchtigen angeben, dass Geldspielautomaten in Spielhallen am meisten zu der Entstehung ihrer Abhängigkeit beigetragen haben. An Platz zwei steht Poker mit 14,5%.

In Bezug zu Onlinepoker ist es noch wichtig zu erwähnen, dass der Markt noch relativ jung ist und es etwa 5 bis 7 Jahre dauert, bis sich eine Glücksspielsucht vollständig entwickelt hat. Entsprechend ist es durchaus denkbar, dass das gesamte Ausmaß noch nicht erkennbar ist.

Bedeutend für die Regulierung von (Glücks-)spielen ist jedoch nicht ausschließlich das Suchtpotenzial, sondern ebenfalls die Schadenshöhe pro Süchtigen. Beide Größen miteinander multipliziert ergeben das Gefährdungspotenzial. Ist ein Suchtgut mit keinerlei Schaden verbunden, so ergibt sich auch kein Gefährdungspotenzial und damit auch kein Grund für einen Markteingriff des Staates. In Bezug auf Glücksspiele müssen also neben dem Suchtpotenzial eines Spiels auch die Kosten pro Süchtigen nach dem Spiel mit einbezogen werden. Hierzu stehen leider keine verlässlichen Zahlen zur Verfügung.

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Es ist jedoch anzunehmen, dass der Schaden umso größer ist, je höher der durchschnittliche Verlust pro Stunde wird. Demnach würde das relativ preisgünstige Poker(-spiel) mit einem von den Deutschen durchschnittlich gezahlten Rake in Höhe von $2,68 pro Stunde pro Tisch einen geringeren Schaden pro Süchtigen hervorrufen als beispielsweise das Automatenspiel mit 10 bis 15 Euro Verlust pro Stunde pro Gerät. Dies sind jedoch nur Spekulationen. Man könnte genauso gut argumentieren, dass ein Glücksspielsüchtiger alles Geld verspielt, was ihm zur Verfügung steht, und er bei „günstigen“ Spielen einfach länger spielt.

In unserer Studie zum Pokermarkt gehen wir detailliert auf die Gruppe der Vielspieler ein. Wir haben diese (willkürlich) als die Gruppe definiert, die bei einer Variablen des Spielverhaltens zu den Top 10% gehören.

Die Variablen des Spielverhaltens sind: Spieldauer über 6 Monate, Anzahl der Sessions, Spieldauer pro Session, Anzahl simultan gespielter Tische, Spielintensität (in Form von $ Rake pro Stunde, welcher abhängig ist von der Pokervariante, der Setzstruktur, der Anzahl der Spieler am Tisch und dem Anbieter) sowie das Spielvolumen über sechs Monate in Form des gezahlten Rakes in dieser Zeit.

Wir haben diese Gruppe besonders unter die Lupe genommen, weil uns aufgefallen ist, dass auf sie der Großteil des gesamten Spielvolumens entfällt. Besonders auffällig war dann eben, dass nur 1% der Spieler 57% des Spielvolumens ausmachten.

Die Einnahmen der Anbieter konzentrieren sich also auf eine sehr kleine Gruppe an Spielern. Hierbei sei jedoch noch erwähnt, dass diese Gruppe aufgrund von Lerneffekten mit hoher Wahrscheinlichkeit besser spielt als ihre Mitspieler und demnach von ihnen im Durchschnitt Geld gewinnt. Dies bestätigt auch eine unserer vergangenen Studien zum Skill im Poker.

Außerdem haben wir Brutto-Rake-Zahlungen gemessen. Die Spieler erhalten jedoch im Durchschnitt 25% in Form von Boni und Rakeback zurück und die Vielspieler sogar noch mehr. Es ist also durchaus möglich, dass die Gruppe der Spieler mit dem Top 1% an Spielvolumen insgesamt sogar Winning Player sind. Dies liegt darin begründet, dass in dieser Gruppe die professionellen Spieler enthalten sind.

Im Gegensatz zu reinen Glücksspielen kann man daher beim Poker nicht sagen, dass die exzessivsten Spieler wahrscheinlich eine Spielsucht aufweisen. Um die Gruppen der pathologischen und der professionellen Spieler zu trennen, muss man vielmehr ihr Spielverhalten detaillierter analysieren. Dies ist jedoch nur in Form von Hand Histories möglich. Eine unserer derzeitigen Studien nimmt sich dieses Themas an.

Der 3. Teil des Gastkommentars widmet sich der Skill-Chance-Debatte. Die Frage: Überwiegt beim Poker der Zufall oder das Geschick hinsichtlich des Spielergebnisses?

Anmerkung der Redaktion: Um eine weitere gezielte Diskussion über den Themenkomplex und die Studie zu ermöglichen, wurde der Gastkommentar von Ingo Fiedler in die drei Bereiche Studie, Poker und Sucht sowie Skill-Chance-Debatte unterteilt.

Der Markt für Onlinepoker: Ingo Fiedler antwortet den Lesern von Hochgepokert.com (Teil 1)

Der Markt für Onlinepoker: Ingo Fiedler antwortet den Lesern von Hochgepokert.com (Teil 3)

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