Zum Gedenken an meinen Vater

Mein Vater hat diese Geschichte  wirklich gerne gemocht. Ich habe den Text seinerzeit für PokerOlymp geschrieben und möchte ihn aus gegebenem Anlass noch einmal veröffentlichen. Nehme mir für ein paar Tage frei und melde mich voraussichtlich nächste Woche wieder mit einer neuen Kolumne.

Poker spiele ich schon lange, ziemlich sehr lang. Es war der 1. Mai 1968. Also nicht irgendein beliebiger unschuldiger Start eines ebenso unschuldigen Wonnemonats. Es war eben der erste Mai 1968 und in Ermanglung eines schöneren und präziseren Synonyms verdient dieser Mai das Adjektiv „geschichtsträchtig“. All die verdienten und selbsternannten „68er“ bekommen wohl heute noch feuchte Augen und dann laufen im Kopf all die kleinen persönlichen Filme ab, die man niemals bei Youtube wird sehen können.

„Willst du wirklich und unbedingt auf den 1. Mai Aufmarsch gehen?“ fragte mich mein Vater. Und klar wollte ich, unbedingt sogar und wirklich auch noch. Das Problem war, mein Vater wollte nicht, aber versprochen hatte er es mir und bei so etwas war ich schon als Kind gnadenlos. Am Vorabend waren wir am Fackellauf der Sozialisten gewesen. Ich stolz mit geschmücktem rotweißrotem Fahrrad – trotz bundesdeutschen Reisepasses – und mein Vater genervt von lange Reden, geschwenkten Fahnen und dem ganzen Trubel rundherum.

„Oder wir bleiben daheim und ich bringe dir bei, wie man richtig Poker spielt?“ Ein spannender Vorschlag und auch als Kind kann man seine Pläne ändern, wenn es sich wirklich zu lohnen scheint. „Richtig Poker spielen und ich kann auch was gewinnen dabei?“. „Selbstverständlich richtig Pokern und gewinnen kannst du auch etwas dabei“ sagte mein Vater und um seinen durchaus respektablen Worten noch das entsprechende Gewicht zu verleihen, holte er das bis obenhin mit Münzen gefüllte schwere Gurkenglas. Die leichten 2 Groschenstücke, die dunkeln und immer leicht schmutzigen 5 Groschenstücke und quasi als Munition für die zu erwartenden großen Pots die eleganten und wertvoll scheinenden 10 Groschenstücke.

Was das für ein Spiel war und wieso die putzig bunt bedruckten Karten so geheimnisvoll gemischt, geschlichtet und getauscht wurden, wusste ich an jenem Tag noch nicht. Aber das alles an dem Spiel so spannend und wichtig schien, spürte ich tief in meiner Bubenseele. Seit wenigen Wochen hatten wir diesen Untermieter. Bis dahin hatte ich allein mit meinem Vater gewohnt. Zimmer hatten wir genug und Geld nicht immer und jetzt war da eben dieses Pärchen zur Untermiete. Wirklich wohlwollend betrachtet war sie Tänzerin und er ihr Manager. Er hatte viel zu erzählen und sie hatte lange rote Haare und eine kleine bunte Tätowierung. Höchst seltsam in den doch noch so biederen 60er Jahren. Nächtelange haben sie gezockt. Mein Vater und der neue Untermieter. Manchmal wenn ich morgens aufstand, um zur Schule zu gehen, hockten sie noch da in dichten Rauchschwaden und die Jalousien waren heruntergelassen, weil es im Wiener Frühling schon bedenklich früh hell werden kann.

Ich saß dann da neben meinem Vater mit meiner gepackten Schultasche, frühstückte und hörte spannende Geschichten. Warum man im Marseiller Gefängnis niemals zugeben darf, Österreicher zu sein und dass man im Kerker von Tanger besser mit den Füßen am Kopfpolster schläft, wenn man überleben will oder Geld hat. Oder vielleicht sogar beides.

Und jetzt sollte ich das auch lernen und dürfen und da habe ich natürlich Ja gesagt. Wir saßen dann da und ließen all die anderen marschieren an jenem geschichtsträchtigen 1. Mai. Mein Vater und ich spielten Poker. Fünf Karten, setzen, einmal tauschen und dann wieder setzen und ich verstand schnell. Gefährlich schnell. Wir spielten den halben Nachmittag und dann den ganzen. Wir spielten immer noch, als die Sonne wieder unterging. Und irgendwann saß ich dann da vor einem enormen Münzenberg und mein Vater saß mir gegenüber mit dem leeren Gurkenglas. Und stolz war ich. Richtig mächtig stolz. Wahrscheinlich der stolzeste siebenjährige Pokerspieler der ganzen Pokerwelt.

G.Schrage  – (Die Kommentarfunktion habe ich ausnahmsweise deaktiviert)