Der Fall „Girah“ und Kleinbetrug im Wandel der Zeit

Da bläst einem ja ein böser Wind ins Gesicht. Ein betrügerischer Portugiese, ein amerikanischer Flüchtling des schwarzen Freitags auf dem Weg nach Europa, mit genug Geld in der Tasche, aber mehr als nachlässig bei der Wahl seiner Freunde. Ein Chino Rheem, der seine Schulden nicht zahlen will, oder jetzt vielleicht doch, weil es sich nach dem Main Event Sieg bei der Epic Poker Tour noch schwerer vermeiden lassen wird? Dann hätten wir noch auf der Speisekarte des menschlichen Elends einen „Pokerräuber“ (Copyright by T.Falke), der sich bitte endlich entscheiden sollte, ob er sich jetzt mehr vor dem Knast, oder seinen Komplizen fürchtet. Nicht zu vergessen Ray Bitar und Howard Lederer, die den Ernst der eigenen Lage erst verstehen werden, wenn sie dann wirklich viel Zeit haben darüber nachzudenken. Unsere News lassen gruseln und erfunden wird gar nichts. Die Pokerschurken scheinen losgelassen von der bösen Leine. Hochgepokert.com berichtet was zu berichten ist. Nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger.

Meiner Mutter, allen verfügbaren Tanten, meinem Steuerberater, Hundezonenbesucher beiderlei Geschlechter, allen habe ich jahrzehntelang die Lehre vom sauberen und reinen Poker gepredigt. Und was nun? Hatten doch die recht, die so gar nichts davon verstehen und deren Halbwissen auf wirklich schlechten Episoden der Reihe „Derrick“ basierte? Mein scheinbar bestes Argument kann ich für alle Zeit entsorgen. Gier kennt nun mal keine Logik. Wer viel hat will noch mehr und dieser Drang nach mehr, wird von keiner Vorsicht im Wortsinn in Zaum gehalten. Skrupel und Moral kann man sich schnell in schnellen Wägen und schicken Domizilen abgewöhnen und wer braucht schon ein Standhaus ohne Swimmingpool.

Früher war alles viel besser, oder zumindest noch ein Stück weit charmanter. Betrogen wurde immer schon, nur der Aufwand war größer und der Schaden geringer. Nehmen wir den Fall Jose „Girah“ Macedo. Für all diejenigen, die unsere exzellente Berichterstattung der Hochgepokert.com News-Redaktion nicht verfolgt haben, gibt es zuerst eine kurze Zusammenfassung. Der 18jährige Jose hat sich als Pokercoach verdingt und Teil des „pädagogischen“ Konzeptes war es, dem Schüler beim Online Cashgame über die virtuellen Schultern zu sehen. In kniffeligen Situationen konnte der portugiesische Jungstar dann behutsam und beratend tätig werden. So weit, so „na ja“, weil wenn ich heads-up etwa gegen „Milchgesicht123“ spiele, würde es mich schon vorher interessieren, welcher talentierte Highroller da im Hintergrund die Knöpfe drückt. – Aber kommen wir zum Tag der Ernte. Irgendwann wurde dann ein Kumpel vom Jose als möglicher Gegner präsentiert und schnell wurde aus dem Schüler ein Opfer. Statt zu beraten, wurde verraten und es pokert sich deutlich leichter, wenn man die Karten des Gegners kennt. – Soweit so dumpf und einfallslos. Keine Eleganz im Vortrag, keine Klasse im Abgang. Einfach maximal gierig und verblödet. Mit viel Glück wird Jose Macedo einen Job bei einer Tankstelle bekommen. Irgendwo in der schönen Algarve weit weg von allen Casinos hoffe ich. Wenn Sie ihn sehen, zählen sie das Wechselgeld besser zweimal. Apropos gibt es in Portugal noch den schönen Escudo, oder quält man uns da auch schon mit dem hässlichen Euro?

Im Kern jedenfalls ein altes Format des angewandten Kleinbetrugs. Der scheinbar Verbündete ist in Wirklichkeit der Komplize und statt bei der Schlacht Daumen zu drücken, wird keck signalisiert was Daumen, Zeigefinger und Gehuste nur vermitteln können. In der klassischen Version der späten 80er Jahre besonders bei den hohen Rummy-Partien beliebt und berüchtigt. Ein vermeintlicher Sponsor sucht sich ein junges mehr oder minder talentiertes Opfer. Erst wird intern in überschaubarer Höhe gezockt und welch ein Wunder, das Opfer gewinnt. Geschickt arrangiert kommt es dann zum großen Duell gegen den angeblichen Kaffehausdümmling. Sponsor und Opfer legen zusammen und damit es nicht so auffällt, hält der Sponsor gleich 80% und das Opfer ist nur mit nebbichen 20% „dabei“, darf aber trotzdem spielen. Wer 80% hält, darf natürlich schon zusehen, ob er sein Geld gut investiert hat und damit ist gewinnen ausgeschlossen. Formvollendet wäre es noch in der Variante, dass der Sponsor als strammer und blonder CSU-Wähler ( vielleicht ehemaliger Tennislehrer mit rassistischen Tendenzen) auftritt und der reiche Kaffehausdümmling von einem dunkelbraunolivgrünen Roma gegeben wird (wenn die hinterher zusammen feiern ist man nicht eingeladen). – Wie auch immer, das Opfer fügt sich ungewollt in sein Schicksal und verliert massiv. Der Sponsor jammert scheinbar über seine schlechte Investition und wenn es wirklich gut gemacht ist, hat das Opfer am Ende noch ein schlechtes Gewissen, weil er scheinbar den Erwartungen nicht gerecht wurde, abgesehen von dem tragischglücklichen Gefühl vergleichsweise viel weniger verloren zu haben. Mit dem letzten Geld wird dann die Zeche bezahlt und dann zu Fuß nach Hause gegangen, weil man kein Geld mehr fürs Taxi hat.

Warum ich das alles so genau weiß? Nun ja, die 80er Jahre sind verdammt lange her. Selbstverständlich hätte mir das persönlich nie passieren können! Ich war immer schon der schlaueste Kopf von allen. Instinktsicher und unbezwingbar als Spieler und nebenbei Rechtschreibweltmeister und Beistrichkönig. – In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern gute Hände und schöne Grüße nach Schwabing.

Götz Schrage

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