Der dicke Janssen und die Pokerbundesliga – Code Red und Zeugen zweiter Güte

Dumm gelaufen. Alles war so schön fokussiert auf Tassilo Wik und die Turbulenzen um die Pokerbundesliga, dann kommt der dicke Janssen, gibt ein böses Interview und nichts ist mehr wie es war. Allerdings aus dem geplanten Befreiungsschlag von Ralf Janssen wurde eine semisympathische Selbstbeschädigung. Was immer Tassilo Wik auch verdient haben mag an bösen Worten, Ralf Janssen fehlt die grundsätzliche Glaubwürdigkeit und die Lizenz für Rufmord sowieso. Aus dem Ankläger mit angeblichen Insider-Kenntnissen wurde eine unfreiwilliger Zeuge der Wikschen Verteidigung. –  Leider fehlt mir aktuell die passende Analogie. Als halbgebildeter Journalist mit Hang zu massiven Gedächtnislücken will mir der treffende Vergleich nicht einfallen. Vielleicht ein klein wenig wie Jack Nicholson in „Eine Frage der Ehre“. Im Eifer sich zu erklären und vom Gefühl getragen unangreifbar zu sein redet sich Jack Nicholson in einen üblen Strudel und wird noch im Gerichtssaal verhaftet. Tom Cruise hat gewonnen und alle sind zufrieden. Tassilo Wik hat noch keineswegs gewonnen, aber keinesfalls weiter verloren. Noch drei dicke Janssens, die hinter irgendwelchen Pokersteinen hervorkriechen und ich persönlich unterzeichne eine Ehrenerklärung für die Pokerbundesliga.  – Gebe Gott, dass das niemals passieren mag.

Unsere stets schlauen und scharfzüngigen Hochgepokert.com Leser haben das Interview in aller Ausführlichkeit kommentiert. Jede gute DVD hat ihr Bonusmaterial und jedes gute Interview wird im Nachspann noch mal extraspannend. Da gibt es wenig hinzuzufügen. Da ist praktisch alles geschnitzt und geschrieben und deswegen greife ich ganz bewusst nur das Beispiel von der „Mega-Hand“ heraus. Zu den leidigen Vorwürfen der wundersamen Vermehrung der Chips bietet Ralf Janssen folgende Erklärung: Die Hände weiß ich noch zu gut und die Spieler, die mit mir am Tisch saßen, können dies auch bezeugen. Ich war eigentlich schon Seat-Open, hatte nur noch 6.000 Chips. Aber dann konnte ich mein All-In gewinnen und da 6 Spieler callten war ich wieder bei rund 42.000. Und dann kam einfach die Mega-Hand. Ich hatte Jacks im Big Blind. Ein Spieler raiste und drei callten. Der Flop kam mit JJ3 perfekt für mich und ich checkte brav. Auf einmal hörte ich nur noch raise, reraise und all-in. Was soll ich denn machen? Folden? Natürlich nicht. Ich callte und im Showdown stand ich 33, QQ und AA gegenüber. Und schon hatte ich über 200.000. So kam ich am ersten Tag zu meinen Chips.“

Passieren kann alles. Jeder von uns, hat schon die Palette der mathematisch möglichen Abstrusitäten am eigenen Leib und Stack erleben und erleiden müssen. Ich selbst war dabei, wie drei Spieler AQ offsuit  halten und der vierte Glückspilz spielt die Vierer. Flop AQ4 rainbow. Da spuckt jeder Odds Calculator (aus dem gut sortierten Fachhandel )bereits am Flop dreimal „Win 0.00%“ aus. Oder der legendäre Salzburger Pott, KK, QQ, K9, J10 und der Flop KQ9. Gewonnen hat der mit den 0.12% am Flop und ich hoffe der schlaue Leser kann das im Kopf ausrechnen (beziehungsweise die Hand am ersten Versuch bestimmen). – Wie auch immer, alles ist möglich und selbstverständlich kann es diese Hand genau so gegeben haben. Allerdings eines macht mich dann doch mehr als stutzig. Über Konstellationen dieser Güte wird in der Regel heftig und auf allen Kanälen kommuniziert. Da gibt es erstmals die direkt Beschädigten, die mit ihrem emotionalen Überdruck ja schließlich irgendwohin müssen. „Stell dir vor ich spiele die Asse gegen die Damen und die Buben und dann…“. oder der andere „Einmal im Leben flop ich mit den Dreiern ein Fullhouse und spiel gleich gegen Poker“ und so weiter. In dem Pot gab es einmal drei spektakuläre Verlierer, die einen Bad Beat vom Feinsten zu erzählen hätten und das auch zweifelsfrei tun würden. Nicht zu vergessen, die nicht in den Pot involvierten Spieler, denen auch sicher irgendwann der Gesprächsstoff ausgegangen wäre an den langen Turniertagen. Da erzählt man schon mal, was so passiert ist am Tisch. „Was ich heute gesehen habe, glaubst du mir sicher nicht“. – Weitere Multi Spreader findet man in  dem üblicherweise alle Absperrungen ignorierenden Turniertross. Spätestens beim Showdown hätte es entsprechenden Wirbel, Gelächter und Gefluche gegeben. Und zuletzt der Dealer, der eines seiner kargen Breaks sicherlich genutzt hätte, um seinen Kollegen diese Partie zu erzählen: „Heute kann ich es mal wieder. Ich schwöre es euch, langsam bin ich mir selber unheimlich. Ich gebe dem Typen auf Platz X die Asse, dem Spieler am Platz Y die Damen und…… „

Das alles produziert noch direkt vor Ort Zeugen erster und zweiter Güte. Menschen die dabei waren und Menschen, die es unmittelbar danach erzählt bekommen haben – ob sie sich nun dafür interessiert hatten oder nicht. Konservativ geschätzt müssen wir angesichts der spektakulären Konstellation von vierzig bis hundert Zeugen erster und zweiter Güte ausgehen. Bei der pulsierenden Vernetzung unserer Tage halte ich es für ausgeschlossen, dass da keine Meldung kommt. Vierzig bis hundert Zeugen und keiner meldet sich bei den 83 Kommentaren? Das ist ungefähr so wahrscheinlich, wie eine Landung der Alliens in St.Pauli und keine BILD „Leser-Reporter“ schickt ein Handyfoto. Oder Sarah Wagenknecht lässt sich für den Playboy fotografieren und keiner meiner Freunde informiert mich darüber. – Zusammenfassend als Sachverständiger für casinointerne Kommunikation und basierend auf jahrzehntelanger Erfahrung, erkläre ich besagte Wunderhand für nicht passiert und freue mich auf ein mögliches nächstes Ralf Janssen Interview. – Persönlicher Rat von mir allerdings wäre ein völlig anderer. Jemand, der finanziell gut gestellt zu sein scheint (Zitat:  “ Ich bin auf so ein Package nicht angewiesen und kann mir zum Glück 3 oder 4 von den Dingern leisten.“) könnte ja ein wenig in anwaltliche Beratung investieren. Was da hinter verschlossenen Anwaltstüren alles besprochen werden wird, kann ich von der Ferne selbstverständlich nicht prognostizieren. Allerdings der mahnende Satz: „Sie sagen jetzt am besten gar nichts mehr Herr Janssen“ fällt garantiert. – Zweifelsfrei ein guter Rat, allerdings ein klein wenig spät wie ich fürchte.

Götz Schrage

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