Full Tilt unterm Hund – Greensteins Ansichten – Von Waffen und leere Kassen

Das Wichtigste vorweg. Mein Hund kann wirklich nichts dafür. Quasi ein Symbolfoto, irgendwie um die, zugegeben, äußerst gelungene Überschrift zu rechtfertigen. Mein Hund hat sich auch keineswegs aufgedrängt oder so. Eigentlich springt er für mich nur ausnahmsweise in die fotografische Bresche. Meine Augen sind nach einer harten Pokernacht doch recht verquollen und die Kommentare unter den letzten drei Selbstportraits nagen ein wenig am Selbstbewusstsein. Außerdem, wer mag schon bei der Kälte zum Friseur gehen, mir reicht der Gang zum Supermarkt als Tagesausflug allemal. Obwohl genau da traf ich kürzlich einen meiner besserwisserischen Altfreunde aus längst verflossenen Schultagen: „Dein Poker ist ja jetzt ganz schön unter den Hund gekommen.“ Eigentlich hätte ich den Klugscheißer raushängen lassen müssen und mit einem korrigierenden „auf den Hund“ oder „unterm Hund“ antworten sollen. Stattdessen habe ich schnell genickt, um mich dann hintern Brot-Regal zu verstecken. – Weit haben wir es gebracht. 

Jetzt auch noch mein Idol Barry Greenstein. Wir von Hochgepokert.com haben ausführlich berichtet. $400.000 sind mehr als nur eine Kleinigkeit und überhaupt wirken die Erklärungen von Greenstein mehr als nur ein wenig dürftig. In einem Interview mit den Kollegen von Pokernews rechtfertigt sich Barry Greenstein folgendermaßen: „Full Tilt Poker never asked me back for it…..“ und an anderer Stelle: „So I didn´t pay. They weren´t bugging me.“  – Fairerweise muss man anmerken, dass Greenstein weiters ausführt, er würde schon zahlen, wenn alles geklärt sei und es etwas Vergleichbares wie einen Insolvenzverwalter gäbe. Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack. Im Gegensatz zu den Meisten anderen Schuldnern war Barry weder Mitbesitzer, noch Teil des Full Tilt Teams. Bei aller Häme und berechtigter Erregung, dass die eigenen Leute in der eigenen Firma nach einem Vorschuss fragen, um die große Show an den eben so großen Tischen am Laufen zu halten, kann man ja noch irgendwie nachvollziehen. Barry Greenstein war einfach ein Highroller, der sich Geld geliehen hat. Insofern in absoluter Bringschuld. Niemand muss ihn stupsen, erinnern oder nerven. Die $400.000 gehören nun mal definitiv nicht ihm, sondern ebenso definitiv wem anderen. Bis das geklärt ist, könnte er sie ja bei einem Notar hinterlegen oder sonst wie eine Lösung finden. Ich hoffe, dass wird mein Immer-noch-Idol Barry auch schleunigst tun. 

Doch zurück zu den großen Schuldnern aus dem direkten Full Tilt Lager. Phil Ivey, David Benjamine und  – wenn es denn wahr ist – Mike Matusow. Insofern wären da doch Zweifel angebracht, weil welcher vernünftige Geschäftsmann würde dem liebenswerten Mike the Mouth schon Geld zum pokern leihen. Aber wie auch immer, natürlich müssen diese Jungs auch zahlen und sollten ebenso rasch versuchen eine Lösung zu finden bevor der Ruf ganz ruiniert ist. Es gibt ein Pokerleben nach Full Tilt und da sollte man doch erhobenen Hauptes durch die Turniersäle schreiten dürfen.  – Natürlich gebe ich Greenstein Recht, wenn er betont, dass er Tapie und seiner Gruppe kein Geld schulde, sondern eben Full Tilt Poker. Das Selbe gilt für Ivey, Benjamine und Matusow natürlich ebenso. Nicht nachvollziehen kann ich diese patriotischen Anflüge von wegen, es müsse gesichert werden, dass die amerikanischen Spieler ausbezahlt werden. Das ist schlicht und einfach anmaßend, wenn man wo was schuldig ist und an die Rückzahlung der Schuld Bedingungen über den Verwendungszweck stellt. Sollte es einen Rechtsnachfolger geben und der fängt bei A wie Aserbaidschan und Angola an mit den Auszahlungen, mag das zwar ärgerlich und ungerecht sein, aber Barry Greenstein hat das relativ wenig anzugehen (und D wie Deutschland käme auch bald dran nebenbei bemerkt).

Und um jetzt ein wenig aus dem realen Casinoleben zu plaudern. Wenn die Bosse in kleineren Häusern spielen kommt es in der Kassa immer wieder zu einer massiven Unterkapitalisierung. Selbstverständlich nicht in den großen Wiener Cardcasinos, sondern eher in den kleinen liebenswerten Kaschemmen der Vorstadt. Habe selbst schon schwitzend an der Kasse gesessen, wenn 30 000.-Euro an Chips draußen waren und nebbiche 200.-E in der Lade. Kein Problem, solange der Tisch hält und immer frisches Geld nachkommt und kein Problem solange die Chefs nicht allzu viel verlieren. Oder ich erinnere mich zurück an eine Nacht in einem Hinterzimmer eines Kaffeehauses. Kein Cent in der Kasse. Null und nichts. Dafür aber drei Pistolen und ein Revolver, weil die werten Gäste gebeten wurden doch dem Anlass entsprechend abgerüstet zum Spieltisch zu gehen. Sicher gefühlt habe ich mich deswegen kein bisschen und war entsprechend froh, dass dann irgendwann ein stadtbekannter Geldverleiher kam (Gott hab ihn selig) und die Finanzlage der Kasse gegen gute Zinsen wieder in Ordnung brachte.  – Wie eine Weisheit aus dem Bauernkalender kann ich aber an dieser Stelle eine goldene Casinoregel für Mitarbeiter geben. Sobald die besonders lieben und hausloyalen Stammgäste diskret gebeten werden „ausnahmsweise“ die großen Chips doch erst morgen zu wechseln und sie statt dessen mit nach Hause zu nehmen, wird es eng. Zeit sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Spätestens vier Wochen danach ist die Kasse für immer geschlossen und der Rest des Clubs meist auch.

 Bei Full Tilt Poker wird es keinen Geldverleiher geben, der das gerade machen kann und die virtuellen Dollar kann man auch so schwer mit nach Hause nehmen. Selbst wenn man wollte. Aber abschließend werde ich noch meinem von Gott und Ben Kang gegebenen Bildungsauftrag nachkommen. Heute mal wieder eine etymologische Ausführung zur Redewendung „auf den Hund gekommen“. – Immerhin führt Wikipedia mein Schulwissen unter einer möglichen Interpretation. Wir hatten das seinerzeit im Geschichtsunterricht als zweifelsfreie Herkunftsinterpretation dieser Phrase bekommen. Zur Zeit des 30jährigen Krieges wurden die Söldner aus einer stabilen Holztruhe – der Kriegskassa –  bezahlt. Ganz unten als Symbol für einen Wächter war ein Hund aufgemalt (bzw. geschnitzt wenn man Wikipedia mehr glauben mag als meinem seinerzeitigen Geschichtslehrer). Sobald es dünn wurde mit den Reserven konnte man den Hund am Boden der Truhe sehen und musste sich als Söldner Sorgen machen um die Gage und war somit „auf den Hund gekommen“. Immerhin gab es für absolute Notfälle noch ein Lade darunter womit wir elegant bei „unterm Hund“ wären. – Bei Full Tilt Poker knallt einen der nackte Boden der Geldtruhe an und es gibt auch garantiert keine Lade unterm Hund. Nichts ist da und Tapie und Gruppe legen da auch garantiert nichts rein. Aus, Ende, vorbei. So lautet meine Prognose. – Alles andere wäre ein Wunder. 

Götz Schrage

 

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