Von Haien und Fischen – Eine geschwätzige Rezension – Wolkenstein und das Meer

Wenn man als Rezensent vergisst warum man gerade tut, was man gerade tut, dann muss etwas Magisches geschehen sein. Die mühsam aufgesetzte Distanz des vorgegeben Professionalismus weicht einer unschuldigen Begeisterung. Sonst passiert mir das, wenn ein Buch zu gut, eine Sauce zu gelungen, oder eine Frau einfach zu anziehend ist, um einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Der Film „Von Haien und Fischen – Dokumentation über das Kartenspiel Poker“ hat mich gefesselt. Mehr als ich vor hatte und auch mehr als es mir jetzt während der Reflexion gut tut. Regisseur Rolf S. Wolkenstein erzählt in schönen und behutsamen Bildern vier verschiedene Geschichten über Poker. Drei davon habe ich ihm geglaubt – eine ziemlich gute Bilanz für einen misstrauischen  Menschen wie mich. 

Das Meer hat es Wolkenstein angetan, oder eigentlich mehr die Metapher vom Fisch den es zu fressen gilt im brutalen Pokerozean. Wenn Darwin an seinem 203. Geburtstag schon feiermäßig verhindert ist, darf er wenigstens recht haben. Der stärkere Fisch frisst den schwächeren und so weiter. Für den stärkeren Fisch steht der Hai im Titel und Haie, beziehungsweise temporäre Kurzzeit-Haie, sieht man einige in dieser Dokumentation. Verlierer, also „Fische“ sieht man natürlich auch. Zu meiner Zeit nannte man schlechte Spieler schlicht „Freier“. Da hätten all die schönen Aufnahmen vom zart bewölkten Himmel über der stillen See wenig Sinn gemacht. Bei „Freier“ hätte der Regisseur für Zwischenschnitte auf Bilder von leicht bekleideten, tanzenden Mädchen vor roten Plüschvorhängen zurück greifen müssen. „Von Haien und Fischen“ kommt komplett ohne tanzende Mädchen aus, und auch ohne rote Plüschvorhänge. Der ganze Film bleibt vordergründig sauber. Keine Hascherei nach billigen Effekten. Nüchtern, nordisch, trocken wie es sich für den Dokumentarfilmer mit Ethos und Eigentumswohnung auch gehört.

Gäbe es bei „arte“ Rakeback wäre ich wohl reich. Als Bildungs-Messie sauge ich immer schon alles auf, was mir irgendwann irgendetwas nützen könnte. Wirklich weit hat mich das nicht gebracht nebenbei bemerkt.  – Allerdings weiß ich vorab, was uns die bilingualen Titel: „ Ein Film von / Un Film de  – ROLF S. WOLKENSTEIN“ dezent verraten. Wir sind in der arte-Welt und da spricht man französisch (wenn man nicht gerade deutsch spricht). Eine gute Wahl, weil eine Kooperation mit einem serbischen Sender hätte doch eine Menge Verwirrung gestiftet. Der Serbe an sich nennt seine Freundin sicher nicht Hase, sondern weit wahrscheinlicher „ribu“ (zumindest, wenn sie nicht in der Nähe ist). Und „ribu“ heißt Fisch und kann durchaus zärtlich gemeint sein. Zumindest theoretisch. Was würden sich monolinguale serbische Pokerspieler über all die schönen zarten Meereswellen wundern. – Aber ich merke, ich komme ins plaudern und verliere mich. Geh quasi unter wie ein schreibender Fisch im Meer der Nebensächlichkeiten und die Leser sind dann die Haie, die mich fressen, weil ich es einfach auch nicht anders verdient habe. 

Christophe Gross aka „Crazy Sheep“ wohnt jedoch definitiv am Meer. Drei Pokerexilanten in Malta bilden eine kleine, feine Wohngemeinschaft. In schönen Bildern und Sequenzen wird das Leben zwischen tiefgekühltem Nasi Goreng und 30 Zoll-Bildschirmen auf denen die Online-Pros ihrem Nachtwerk nachgehen, beobachtet und feinsinnig aus dem Off kommentiert. Wobei der Regisseur darauf zu achten scheint, dass der begleitende Text zwar erklärend kommentiert, aber niemals urteilt, oder gar verurteilt. – Ich als unfeinsinniger Rezensent bin da keiner Ethik verpflichtet. Wenn ein Mitbewohner von Crazy Seep unverhohlene Sätze sagt wie: „Sobald der Fisch pleite ist verlasse ich auch den Tisch, weil sonst verschwendet man seine Energie für weniger Geld“, schäme ich mich fremd und gewaltig. Obwohl der Junge als Person nicht so recht viel dafür kann. Er ist ein Produkt der Zeit und seiner Optionen. Heute gilt Geld für alles. Mehr braucht es nicht, mehr hält nur auf und das zeigt dieser Teil des Filmes doch recht überzeugend. 

Ein zweiter Handlungsstrang ist der wunderbaren Sandra Naujoks gewidmet. Wir dürfen ein wenig an ihren Gedanken teilhaben und begleiten sie zu einem Fototermin. Für mich persönlich die wohl wichtigste Sequenz. Ich kenne Sandra und ich kenne jedes einzelne dieser üblen Bilder. Als gelernter Fotograf habe ich mich immer schon gefragt, mit welcher fatalen Perfektion man das Licht dermaßen falsch positionieren muss, um eine wunderschöne Frau so fatal schlecht zu fotografieren. Das Geheimnis dieser PR-Bilder ist gelüftet und per Screenshot festgehalten. Jahrhundertelang könnte man das in der Ausbildung für die „so-nicht-Abteilung“ verwenden und ich glaube spätestens nach diesem Artikel wird das auch so passieren.  – Doch weiter im Film. Gemeinsam geht es nach Monte-Carlo. Wieder gibt es schöne Kamerafahrten, hochwertig komponierte Bilder und der inzwischen lieb gewonnene Moderator aus dem Off sagt den schönsten der vielen schönen Sätze dieser Dokumentation: „Monte Carlo – Die Stadt in der selbst die Häuser anmuten wie monströse Stapeln von Chips.“ Fein beobachtet und wohl formuliert. Der Mann aus dem Off ist auf jeden Fall ein Freund im Geiste und wenn er ein Facebook-Profil hat, werde ich ihn adden. 

Die dritte Geschichte ist die vom kleinen unschuldigen Spiel im Wohnzimmer und unser Held und Repräsentant heißt Ingo. Quasi der studentische Zugang mit der Perspektive über einen Geldgewinn beim Turnier aufzusteigen. Früher hat man als Student kellneriert oder Zeitungen ausgetragen, jetzt wäre Poker immerhin eine Option. Mein Freund im Geiste kommentiert das Wesen eines Turniers folgendermaßen: „Ein Turnier ist sozusagen die sozialistische Variante des Pokerspiels. Jeder Spieler zahlt das gleiche Startgeld. Jeder hat die gleiche Menge an Chips. Jeder hat die gleichen Chancen aber nur ein Spielerleben. Wer sein Stack verloren hat ist unwiderruflich raus. Gewonnen hat der, der am Ende alle Chips aller Spieler vor sich stehen hat.“  – Perfekt auf den Punkt gebracht und wohl formuliert. Nur gegen das Gleichnis mit dem Sozialismus würde sich sogar der Gazprom-Schröder wehren (und das nebenbei bemerkt völlig zu recht). – Trotzdem ist dieser Strang vom unschuldigen Pokern im Freundeskreis und den gelegentlichen Ausflügen ins Casino authentisch und schön gelungen. Unschuldiges Poker als kleiner „thrill“ der zukünftigen Mittelschicht. Spätestens wenn es so weit kommt, muss die Politik ihren Standpunkt bezüglich Legalisieren überdenken. Inwieweit man als Politiker Sender wie „arte“ sieht, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht tun es ja manche besonders am Sonntag Abend, schon um am Montag in der Bundestagskantine anzugeben. Wäre ich Politiker, genau so würde ich es machen. Freitag und Samstag Abend die Chuck Norris DVD einlegen und am Sonntag eben „arte“. Fürs Image und so.  

„Von Haien und Fischen – Dokumentation über das Kartenspiel Poker“ ist mehr als nur „fürs Image und so.“ Ein sorgfältiger Film, behutsam in der Annäherung an diese unsere Passion. Nichts was man sieht ist wirklich neu, aber niemals zuvor im deutschen Sprachraum wurde uns die immer gleiche Geschichte des Pokerspiels so schön erzählt. Die Kamera von Horst Markgraf zeichnet unaufdringliche und schöne Bilder weit weg von der glatten Werbewelt und trotzdem in jeder Sequenz edel und durchkomponiert.  – Gelungen, mit Respekt gesehen und zur Kenntnis genommen.

(Das böse)PS: Warum soll ein Regisseur nicht auch einmal Glück haben. Irgendwie ist doch das ganze Leben ein Turnier. Mir sind zwar nicht die Chips ausgegangen, aber der Platz. Zur vierten Geschichte dem „verschwiegenen Hinterzimmer“ hatte ich mir einige böse Notizen gemacht. „Man meint den DHL-Fahrer zu spüren, der den Spieltisch in die Hinterzimmer-Kulisse gebracht hat.“ Oder „Der Mauerputz ist halbherzig abgeschlagen, wahrscheinlich hat „arte“ einen Mauerputz-Stylisten spendiert“. – Und so weiter in der bösen Tonart. Vielleicht mache ich es ganz anders. Vielleicht kommt ja Wolkenstein mal nach Wien und dann zeige ich ihm die spannenden echten Hinterzimmer. Spätestens dann wird er den Plan fassen eine Fortsetzung zu drehen, aber weil Wolkenstein ein gesuchter und sorgfältiger Regisseur ist, wird er dafür frühestens in zehn Jahren Zeit haben. – Ich warte gerne. 

Götz Schrage 

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