Die Hölle sind die anderen – Von Flaschenpinklern und neuen Helden – Bittere Zeilen über alles

„L’enfer, c’est les autres.“   – Jean-Paul Sartre 

Ist ja logisch. Da schreibe ich eine scheinbar gelungene Rezension, freue mich über Lob und virtuelles Schultergeklopfe, aber anstatt weiter zu surfen auf dieser Welle der Sympathie, hole ich mir den nächsten verfügbaren blutigen Kopf. Wenn es böse kommt, gibt es noch Tadel von ganz oben. Die Euroscheine fallen schließlich nicht direkt vom Himmel, da sind noch die Marketingmanager der Online-Pokerrooms dazwischen und die werden definitiv nicht gerne lesen, was ich da jetzt schreibe. Andererseits habe ich im Moment ganz andere Probleme. Mir ekelt gerade ein wenig vor unserm Business und somit ekelt mir auch ein Stück weit vor mir selber.  – Eine Szene aus „Von Haien und Fischen“ will mir einfach nicht aus dem Sinn. Die maltesische Wohngemeinschaft und ihr Zugang zu meiner geliebten Pokerpassion. Ein gruseliges Gefühl und ich komme mir erstmalig scheißalt vor. Drei Online-Cracks geben uns Einblicke in ihr Leben und ihr Denken. Tausende junge Menschen daheim kriegen wohl den Mund nicht zu vor Respekt und Ehrfurcht, während ich mir einsam die müden Augen reibe.  – Quasi aus therapeutischen Gründen schreibe ich mal wieder erbarmungslos, was ich mir wirklich denke. Jugendliche, angeheiterte Personen und schwangere Frauen lesen ab jetzt auf eigene Gefahr.

Eines vorweg. Ich halte diese ehemalige Wohngemeinschaft für keine Dependance der Hölle und ich unterstelle deren Bewohner auch keinesfalls, dass sie als Vertreter Satans bestimmt sind, meine heile Pokerwelt zu vernichten. Es ist noch viel, viel schlimmer! Crazy Sheep und seine beiden Mitbewohner repräsentieren einfach nur eine Generation von Online-“Spielern“ und sind somit quasi erweiterte Kollegen. Für mich ein sehr problematischer Gedanke, wie ich zugeben muss. Alleine die Szene auf der Veranda. Das Meer, die Pier und weit draußen ein malerisches Casino. So richtig dort war noch keiner von den dreien, aber einer hat zumindest schon mal vorbei geschaut. Originalton: „Man sollte es kaum glauben, aber das interessiert uns kaum. Da wird einem so schnell langweilig.“ In einem Casino langweilig? Da sind doch persische Ärzte, arabische Waffenhändler, jüdische ältere Damen mit dunkelblonden Perücken und eigenem Solarium. Da treffen sich Geldverleiher, Edelsteinhändler, Kupplerinnen und Heiratsschwindler neben japanischen Touristen und frischverliebten Pärchen, die schauen wollen, ob man nicht überall Glück zur selben Zeit haben kann. Da klappern die Chips, schwirren die Sprachen und es gibt tausendundeine Geschichten zu erzählen. Und zwar jede Nacht tausendundeine Geschichten. Mindestens! Und die drei Jungs nennen das „langweilig“, setzen sich in ihre schwulen Bürosesseln, die eigentlich den wirklich langweiligen Sesselpfurzern vorbehalten sein sollten, nehmen die Maus in die Hand und geben sich als junge Pokergötter.  – Man stelle sich vor Doc Holiday und Wild Bill Hickok kämen noch einmal auf die Welt. Vielleicht ein Revitalisierungsprogramm vom Großen Floorman da oben und dann würde man ihnen die drei Jungs aus Malta als „Pokerspieler“ vorstellen. Die beiden würden sich ja in der Minute totlachen. Das wäre eine kurze Rückkehr auf unsere Erde. – Vielleicht ist es auch besser so.

Dann die Sache mit der Pinkelflasche. Bisher hielt ich das für eine bösartige Legende ohne jeden wahren Kern. Seit „Von Haien und Fischen“ kenne ich dank der maltesischen Szenen auch den passenden Spruch dazu: „Pissing on the toilett is for the noobs and pissing in a bottle is for the pros“. Man stelle sich mal vor, da sitzt einer vor 35 Tischen und muss auf die Toilette. Querbeet einmal im Big Blind, einmal am Button und weiters ebenso irgendwo dazwischen. Da wird auch das kleine Bedürfnis zum eklatanten Verlustgeschäft und ohne Masterplan geht gar nichts. Scheinbar hat Sartre doch nicht (mehr) recht. Die Hölle sind nicht die anderen. Die Hölle bastelt man sich selber vor dem 30 Zoll Bildschirm und ist noch stolz drauf und tausende junge Menschen aus der „Ich-gewinne-nicht-beim-Pokern-kann-aber-vom-Rakeback-gut-leben-Generation“ klopfen sich auf die Schenkel, wenn sie nicht gerade eine Pinkelflasche in der Hand halten. Gruselig!

Und dann noch die Zusatzprogramme, ohne die so eine Vielzahl an virtuellen Tischen wohl kaum zu bewältigen wäre. Der wohl heikelste Punkt. –  In meiner Rezension zum Film gab es da bereits einige interessante Kommentare. Etwa wenn User „DocR“ diese Hilfsprogramme mit den verbesserten Trainingsbedingungen der Profis beim Fußball vergleicht und weiters ausführt, dass es ja jedem freistünde, sich für relativ kleines Geld einzuarbeiten in die „Little Helpers“.  So gesehen eine Chancengleichheit, die es wohl nur beim Pokern zu geben scheint.  Ein Punkt, den man nicht so ohne weiters ignorieren kann. Nach meiner Betrachtung gehören Programme, die aus anonymen Gegnern gläserne Spieler machen und einem damit die eigene Beobachtung ersparen, doch mehr in die Ecke von Blutdoping, Stereoiden und Anabolika. Abgesehen davon, breche ich ja in dem Fall nicht den Stab über die Nutzer dieser Software (obwohl es mir mehr als nur ein wenig unsympathisch ist), ich verurteile massiv die Anbieter, die nicht alles tun, um die Verwendung der Daten zum Nachteil der schwächeren Spieler abzustellen. Wie dämlich muss man denn sein, wenn man in der unermesslichen Gier nach ohnedies längst vergangenen Zuwachsraten, jeden hofiert, der auf welche Art auch immer, Rekordzahlen an Händen spielt? Und wenn dabei dutzende an ohnedies recht chancenschwachen Novizen verbrannt werden, scheint es auch egal zu sein. Das will mir nicht in den Kopf und das werde ich nie verstehen! Wenn ich meine mittleren und kleinen Partien im Netz spiele, würde ich am liebsten einen Teil meines Rakes zweckgewidmet zahlen. Die besten Techniker sollten alles daran setzen, mich vor flaschenpinkelnden Jungs zu schützen, die auf einen Blick sehen, wie viele Hände ich wann und wie spiele. -Das scheint mir an Diskretion und Sicherheit für meine Dollar nicht zuviel verlangt. 

Aber ich habe noch ein versöhnliches Ende für diese doch recht bittere Kolumne. Es ist noch gar nicht so lange her,  da spielte ich ein $30 SnG. Wir waren noch zu viert bei drei bezahlten Plätzen. Im Chat ging es lustig zu und ganz offensichtlich waren wir alle vier Online-Freizeitspieler aus vier verschiedenen Ländern. „Chuck12344“ (oder so ähnlich) auf Platz Eins hatte eine Internetverbindung von gefühlten 5%. Immer wieder gab es Verzögerungen und irgendwann war er dann weg und lähmend langsam lief die Zeitbank gnadenlos gegen Null. „Where the f… is Chuck?“ tippte das Small Blind in den Chat und dann „Keep the f….. Chuck in the game :) und foldete sein Small Blind. Eine nette Idee (leider nicht von mir, aber ich habe selbstverständlich sofort mitgemacht). Statt wie die zugekoksten Hamster so schnell wie möglich auf alle Buttons zu drücken, spielten wir mal zwei Runden so langsam wie möglich. Klar haben wir da in gewisser Weise auf Geld verzichtet, aber man verzichtet auch auf Geld, wenn man den schlafenden Obdachlosen im Park doch nicht die Pfandflaschen stiehlt. So fucking what?  – Und tatsächlich „Chuck12344“ (oder so ähnlich) war dann wieder dabei. Das Modem hatte sich erbarmt und die Connection war stabil. Ich bin dann Zweiter geworden, wenn ich mich richtig erinnere, aber es geht selbstverständlich um etwas völlig Anderes. Während der vierte Gegner mit seinem Modem kämpfte durfte ich erleben, dass man auch im Netz cool sein kann. Ziemlich scheiß-cool sogar. So cool, wie die drei Jungs in Malta niemals sein werden. Und wenn sie fünf Milliarden Hände spielen. Es wird nicht reichen.  – Nicht für mich und nicht für jeden richtigen Pokerspieler. 

Götz Schrage. 

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