Pius Heinz und der flüchtige Effekt – Die treuen Veteranen – Meine Autogrammkarte

Pius Heinz hat jetzt endlich seine eigene Autogrammkarte. Schöne Augen und Statusmeldungen bei Facebook können nicht lügen. Ich habe  eigentlich noch keine Autogrammkarten und vor allen Dingen habe ich immer noch keinen Durchblick. Was blieb jetzt vom allseits erwarteten Pius-Effekt? Verursachten die $8.000.000 lediglich Bewegungen auf dem Bankkonto des neuen Pokerpapstes, oder gab es einen Schub für Poker in Deutschland generell und darüber hinaus?  – Ich weiß es nicht, aber ich weiß generell nicht viel. Ich lese  halt, was es so zu lesen gibt und mache mir meine schrägen Gedanken zu allerlei Nebensächlichkeiten. Immerhin weiß ich, dass Jan Heitmann den George Danzer interviewt. Ich weiß, dass Cardcoaches ohne Sandra Naujoks auskommen muss, dass Dragan Galic auch Party ohne Partypoker wird feiern können und dass in wenigen Monaten die WSOP 2012 starten wird. Aber hat sich jetzt etwas geändert seitdem Pius Heinz das Größtmögliche erreichen konnte, was ein Pokerspieler nur erreichen kann? Ehrlich gesagt, ich fürchte nicht, und ich merke noch weniger. Daran ist niemand schuld, schon gar nicht der durchaus sympathische und telegene Pius Heinz. – In meiner heutigen Kolumne versuche ich eine Bestandsaufnahme aus meinem streng limitierten Winkel. Drei unterschiedliche, und wahrscheinlich teilweise widersprüchliche Gedanken zum aktuellen Status. 

Poker wird immer noch nicht wahrgenommen, von denen, die sonst so schnell bereit sind auf jeden Zug aufzuspringen. Die Werbewirtschaft verweigert sich der zweifelsfrei spannendsten aller Gedankensportarten. Wir kochen quasi weiterhin im eigenen Saft. Der Pokerspieler als seriöser Konsument wird bestenfalls ignoriert. Kaum eine Branche mit so viel Umsatz generiert so wenig an spezifischem Marketing. Jeder Brieftaubenzüchter steht mehr im Fokus der Überlegungen der Werbeagenturen. Da könnte man jetzt mit Recht einwerfen, dass es die Brieftaubenzüchter auch geschafft haben einen passenden Verband zu gründen. Wir Pokerspieler sind beim Versuch eine Interessensvertretung zu gründen noch jedes Mal in Peinlichkeit gescheitert. Aber egal, es gibt uns trotzdem. Unorganisiert, doch mit einer Menge an charmanten und eloquenten Köpfen. Wieso läuft eigentlich immer noch der dämliche Axel Schulz mit einer Fackelmann-Kappe herum und warum hat nicht etwa Katja Thater einen Folgevertrag von Jil Sander bekommen, oder zumindest vom TUI-Reisebüro? Oder warum hat keiner den Michael Keiner auf der Liste? Jahrzehntelang dabei, immer zu Recht ein grundseriöses Image. Wenn der Doc etwa eine deutsche Versicherung und ein japanisches Auto empfiehlt (oder umgekehrt), ich würde auf der Stelle beides kaufen. Kosmetikprodukte von Sandra Naujoks (obwohl die so hübsch ist, dass ich zwanzig Jahre auf einer einsamen Insel ohne Drogeriemarkt mit ihr leben möchte). Pius Heinz für Coca Cola und sollen sie ihm eine Million Euro dafür zahlen im Halbjahr und er hätte es sich verdient, und wäre mir lieber diese Strandbubis, die aus mir unerfindlichen Gründen immer ganz nasse Haare haben und sich dann so ekelig schütteln, dass ich regelmäßig fürchte mein Fernsehgerät würde inwendig verschmutzen. 

Es gibt allerdings auch Dinge, die mir Mut machen. Kürzlich in der Pokerworld hatte ich ein wenig Zeit und Muße im neuen PokerMagazin von Stefan Roboch zu blättern. Da fand ich neben lesenswerten Artikeln ein schön gestaltetes Inserat für die McDonalds Kinderhilfe und dann noch ein Inserat im Pokerstyle für KIKA, ein großes österreichisches Möbelhaus (nicht zu verwechseln mit  KiKA dem Kinderkanal).  – Vielleicht tut sich da jetzt etwas. Dank dem löblichen und strategisch schlauen Engagement von Pokerstars.de wurden mit Pro7 und Sport1 mit der „TV Total Pokerstars.de Nacht“ und den „German High Roller“ die privaten Sender erobert. Jetzt sollte sich das konservative Geld revanchieren. Die Pokerprominenz wäre sicher bereit für die dicken Werbeverträge und wir einfachen Konsumenten hätten gerne mehr Inserate in unserer Sprache. Schon aus Respekt und weil es cool ist so zu sein und zu sprechen wie wir. 

 Manches allerdings ändert sich nicht, und das ist gut so. Kürzlich gab am großen Omaha-Tisch im Wiener CCC ebenso große Aufregung. Eine falsches Annocement zur falschen Zeit, ein desperater Bluff vom Mann dahinter , ein aufgeregter Spieler in der Mitte und danach ein wildes Tohuwabohu. Der Floorman wurde gerufen und traf die Entscheidung, die zu treffen war. Langsam beruhigte sich die Situation. Statt zu brüllen, wurde wieder in normaler Casinolautstärke diskutiert und der verwirrte Dealer tat, was er zu tun hatte. Ich blickte auf meine Chips und einmal quer über den Tisch. Drei persische Spieler, ein russischer und ein ungarischer Jude, ein lauter Chinese, ein einsamer Österreicher, ein bulliger Kroate und ich. Bis auf den jungen Wiener die komplette Zeitreise. Mit all denen, die da saßen und wieder lachten, nachdem sie gerade noch so echauffiert diskutiert hatten, war ich schon vor siebzehn Jahren am Spieltisch gesessen. Bis auf den Wiener war da keiner dabei, den man auch nur irgendwie mit dem Pokerboom in Zusammenhang hätte bringen können. Wäre Pius Heinz samt seinen Autogrammkarten vorbeigekommen, wäre ihm ein netter und entspannender Abend garantiert gewesen. Keiner hätte ich ihn auf irgendetwas angesprochen, oder nach irgendetwas gefragt. Auch nicht nach Autogrammen, höchstens nach einer Zigarette und mit viel Pech, hätte er sich eine Bad Beat Story anhören müssen. Am Omaha-Tisch sind die ja in der Regel doppelt so übel zu ertragen. Vier Karten entfalten für den Erzähler so viel mehr an tragischem Potential. Da dann die richtige mimische Mischung zu finden, um vermeintliches Zuhören vorzutäuschen, ist eine Herausforderung für sich.  – Doch zurück zur generellen Betrachtung der Lage. Aus Sicht der Casinos eine wunderbare Stabilität. Quasi eine Art Reservat der goldenen, alten Zeit. Was auch immer passieren mag in der Welt oder sonst wo, auf diese ethnische Mischkulanz ist Verlass. Solange sich die Erde dreht werden auf diesen Tischen die Karten fliegen und die Chips wandern. Manchmal wird auch gestritten werden, aber kurz danach haben sich wieder alle halbwegs lieb. Die wunderbare Spielerromantik gibt es tatsächlich und ich bin immer wieder aufs neue stolz, auch ein klein wenig dabei zu sein.  – Wenn jetzt auch noch die mit dem pokerfremden Geld einen Sinn für diesen wunderbaren Kosmos entwickeln, kann es nicht mehr lange dauern. Irgendwann kommt die Red Bull Poker-Tour und die BMW-Millionen Challenge. Ganz sicher sogar. Bis dahin habe ich dann hoffentlich die Fackelmann-Mütze von Axel Schulz auf dem Kopf. Von meinem ersten selbst verdienten Werbegeld lasse ich mir dann Autogrammkarten drucken. So wie mein Nicht-Facebookfreund Pius Heinz. Die schicke ich dann jedem Leser, der meine Artikel böse kommentiert. – Vielleicht fange ich gleich heute damit an Namen zu sammeln. Auch ohne Wunsch gibt es eine persönliche Widmung. 

Götz Schrage

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