Geschenktes Geld und Spulwürmer – Der serbische Stolz – Lutschers Editorial und die Sinnfrage

Gute und klare Fragen und selbstverständlich gibt es von mir weniger gute aber dafür höchst unklare Antworten. Lutscher möchte von mir wissen, wieso ich den Verlockungen der sogenannten „Begrüßungsjetons“ widerstehe. Quasi geschenktes Geld und für einen vernünftigen Menschen laut Lutschers Thesen quasi unablehnbar. Nun wenn man daran glaubt, dass man als Pokerspieler ein gewinnoptimiertes und vernunftorientiertes Dasein fristen sollte, muss man natürlich alles nehmen, was man auf dem ohnedies steinigen Weg so abgreifen kann. Nach meinem verschrobenen Ethos des wahren Pokerspielers kann ich diese Dinge einfach nicht leiden. Bonusspiele, Stundensammlungen und in Zwangsmaßnahmen verpackte Treuebekenntnisse sind meine Sache nicht. Wenn ich Lust habe 999 Hände zu spielen und dann ins Cafehaus zu gehen um mit der vollbusigen Kellnerin zu flirten, soll mich kein Hamsterrad in die 1000. Hand zwingen dürfen. Wenn es im Supermarkt zwei Fanta zum Preis von anderthalb Fantas gibt kaufe ich mir ein Sprite. Wenn mir meine Friseurin eine Kundenkarte anbietet, bei der ich nach sechs Haarschnitten den siebten Haarschnitt umsonst bekomme, lasse ich sie mir lieber wachsen und bewerbe mich bei ZZ Top als Schlagzeuger. Einfach zu Fleiß und weil ich Schlagzeug spielen kann (quasi als berufliche Chance für die Alterssicherung).  – Ich bin nun mal Pokerspieler mit aller Unvernunft und Gier nach Unabhängigkeit und bevor ich zum Bonusjäger und Rakebackidioten werde, lass ich mich lieber als Schuhverkäufer anlernen, weil ein Schuhverkäufer hat da nach meinem Empfinden doch deutlich mehr Sex Appeal.

Nun wird so mancher Leser wohl sein weises Haupt schütteln. Was will uns der böse alte Mann aus Wien eigentlich vermitteln mit seinem sentimentalen Gewäsch? Um was es beim Pokern wirklich geht, dass wissen doch die, die am schnellsten am meisten gewinnen und doch ganz sicher nicht die, die nur darüber schreiben. Als Argument hätte ich anzubieten, dass die Zeitrechnung des Zockens nicht mit dem ersten Affililate-Deal begonnen hat. Poker gab es schon vorher und Poker hatte schon vorher einiges zu bieten, an spannendem Style und spektakulärem Reiz. Poker war über Jahrzehnte schon so spannend und spektakulär, dass es vielen sehr reichen Leuten einiges an Geld wert war, nur ein klein wenig dazu zu gehören. Man hat zwar verloren, dafür aber eine Menge gewonnen an Abenteuer, durfte sich mit interessanten Menschen auseinandersetzen, konnte lachen und streiten, und fühlte sich doch irgendwie verbunden durch die gemeinsame Passion für das spektakulärste aller Kartenspiele.  – Kürzlich gab es im Wiener Concord Card Casino am Omahatisch einen großartigen Showdown. Exakt formuliert gab es eigentlich keinen Showdown und genau das war ja das Großartige daran. Ein Serbe, der sein eigenes Spiel trefflich mit „bumm-bumm-bumm“ charakterisierte, wütet wie ein Berserker durch die Pots. Blindes Reraise, hundert Punkte auf der nach oben offenen Checkraise-Skala und alles wurde an jeder Stelle nur so teuer gemacht, wie es nur teuer gemacht werden konnte. Nicht wirklich billig diese Herangehensweise, aber eben mächtig „bumm-bumm-bumm“. Mein durchaus langweiliges Spiel  wurde respektvoll folgendermaßen kommentiert: „Du bist kluger Kopf. Du spielst mit Kalkulation. Für mich ist das nichts. Mich interessiert nicht Kalkulation. Ich spiele mit …….“. Irgendwie schien er nach den richtigen Worten zu suchen. „Mit bumm-bumm-bumm vielleicht“ wollte ich ihm helfen den Satz würdevoll zu beenden. „Ja genau so!“ bestätigte er stolz und auch ein wenig dankbar. 

Wenig später kam es zu folgendem spannenden Nichtshowdown. Kein Karo am River und mein serbischer Kollege und Freund im Geiste, sah sich zu seinem achtundvierzigsten Bluff gezwungen. „Pot“ – Reza, der persische Regular, erspürte nach längerem Überlegen die slawische Schwäche und zahlte. „Gewinnst du“ deklarierte sich der Pokerrabauke, und schüttelte sein ertapptes Haupt. Wie zur Bestätigung seines Unvermögen am River zu kaufen, schob er Karo-Ass samt Beikarte nach oben, um dann spät aber doch zu erkennen, dass es genau die beiden scheinbar unwichtigen Karten gewesen wären, auf die er sich hätte konzentrieren sollen. Nuts! Straße, und was Besseres war gar nicht möglich am Board. Reza hatte inzwischen seine zwei Paar stolz auf den Tisch gelegt. Im Pot zirka €400.- Für einen kurzen Moment schob der Serbe die zwei entscheidenden Gewinnerkarten nach oben, kämpfte einen augenscheinlichen Kampf mit sich selbst. Pot gewinnen und dabei wie ein slowrollendes Arschloch aussehen, oder den schnöden Mammon ziehen lassen mit Style. Ein letztes Seufzen des Abschieds und seine Hand flog in den Muck. Meinen Respekt hatte er jedenfalls gewonnen und wenn man bedenkt, was ein Ferrari – der zugegeben auch Style besitzt – alleine im Unterhalt für Kosten verursacht, war es doch eine ziemlich billige Investition in eine Menge Coolness. 

Kürzlich kam ich ein Gespräch mit einem respektlosen Lebensabschnittsgewinner, der offensichtlich gerade sein „one year“ hat, und dabei einen blasierten Habitus an die Nacht legt, dass ich am liebsten zuschlagen würde bis mich die Security abholt. Nur bin ich ja jetzt stolzer Kolumnist bei Hochgepokert.com und da gehört sich das nicht. „Du dein Blog ist ja ganz gut geschrieben, nur deine Zeit ist vorbei. Wir sind jetzt Poker, verstehst du und keinen interessiert wie es vor dem Krieg war.“ Ich hab dann gar nichts gesagt, weil ich so fest an diese riesigen Grizzlybären denken musste. Die haben auch ihre Probleme mit den lästigen Spulwürmern und vielleicht glauben diese lästige Spulwürmer dann auch, dass sie die eigentlichen Bären sind, weil sie vergessen haben wo sie herkommen und noch nicht wissen können, über welchen Ausgang es wieder raus geht. Erheitert von diesem doch recht trefflichen Bild habe ich dem jungen Gewinner kurz zugenickt und mit dem Satz: „Da wirst du wahrscheinlich recht haben. Ihr seid jetzt Poker“ gelogen, dass sich die Casinobalken nur so gebogen haben.  – Privat bin ich auch tatsächlich optimistisch. Es wird alles am Kartentisch so wunderbar bleiben, wie es schon immer war. Die Spulwürmer bellen und die Bären ziehen weiter oder so ähnlich. Und wenn es mal wirklich eng wird, kann man immer noch ostwärts ziehen und in Serbien siedeln. Ein schönes Land.  – Zweifelsfrei.

Götz Schrage 

PS: Lieber Lutscher, falls Dir meine schräge Antwort nicht reicht, entscheide ich mich im Spektrum Deiner vorgegebenen Optionen für: „Man ist zu überheblich“. – Würde gerne noch ein ergänzendes „viel zu überheblich“ einfügen. Nicht, dass ich es nicht brauchen würde das geschenkte Geld, aber lieber cash-broke denn style-broke (wenn Du verstehst was ich meine). 

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