Impressionen zur Concord Million – Das ungarische Problem – Alles über Busen und gutes Essen


Ich spüre diesen Blick auf mir. Diesen brutalen Blick, der gnadenlos versucht bis tief in mein Inneres zu blicken. Der versucht meine Gedanken zu lesen, meine Gefühle zu manipulieren und dem nichts zu entgehen scheint. Ich versuche die Augen zu schließen, ich versuche wie gelangweilt über das Board zu schauen. Dann spiele ich wieder hastig mit den Jetons bis ich es nicht mehr aushalte und den Kopf hebe. Ich fühle wie meine Halsschlagader leicht zu pochen beginnt und beschließe mich der Gefahr zu stellen und zurück zu starren. Ein dicklicher Ungar, irgendwo zwischen Benny Spindler und Jake Harper, und er will eine Entscheidung und er will sie jetzt. Nur ich bin es nicht der helfen kann.  Ich habe keine Karten! Die hatte ich schon vor dem Flop entsorgt. Das „starring down“ gilt meinem  Nachbarn. Nach meiner Vermutung wird der vom rechten Auge des dicklichen Ungarn angestarrt. Zur sonderbar deformierten Figur und der unvorteilhaften Frisur, deren Unvorteilhaftigkeit darin besteht, dass sie nur das halbe Gesicht verdeckt, hat ihm der Liebe Gott noch eine krassen Sehfehler mit auf den Lebensweg geschickt. Deswegen habe ich das linke Auge auf mir und nur das linke! Quasi als optischen Kollateralschaden. Irgendwann entsorgt mein Nachbar seine Karten und flucht leise und das ebenfalls auf Ungarisch. Mein rechter Sitznachbar macht einen ungarischen Witz, und dann lachen noch zwei mehr auf meinem Tisch, und auch der Dealer grinst verständig, aber professionell zurückhaltend. – Hilfe, wo bin ich hier gelandet?

Concord Simmering und das Eine Million Euro Turnier. Die Maschine läuft auf Hochtouren. Sie schnurrt und arbeitet ohne jeden Fehler. Ich als Alt-Concordianer bin stolz mal dabei gewesen zu sein und jeder kann stolz sein, der heute noch dabei sein darf. So ein Turnier mit 2000 Spielern mit so einer Präzision und Ordnung über die Bühne zu bekommen, da kann man Johnny Luetkenhorst und seinem Team wirklich nur gratulieren. Nur, ich bin ja nicht als Sachverständiger für präzise Casinoarbeit vor Ort. Da hätte ich als bekannt kritischer Geist nach zehn Minuten mein Prüfsiegel für 5 Sterne Deluxe vergeben können, und mir einen schönen Tag machen. Ich bin hier, weil ich das Ding gewinnen will. Nicht mehr und auch nicht weniger. Viele drücken mir per Facebook die Daumen, und gerade als ich den ersten Eintrag machen möchte, fällt mir dieses Inserat neben meinem Profil auf. „Bist du ERfolgReich? – 99.9% deines Erfolges hängt von deinen Einstellungen ab. Teste sie einfach direkt hier!“.  Daneben ein Bild von Donald Trump mit Betonfrisur. Danke Donald, denke ich mir. Vielleicht ein Zeichen, und wenn der Erfolg von meiner Einstellung abhängt, wird meine Einstellung eine Positive und Gute sein.  – Es wäre nur schön, wenn mich nicht schon wieder der dickliche Ungar anstarren würde, und wenn ich endlich mal dazu auch die passenden Karten hätte (oder überhaupt Karten). Mein Gegenüber raist, und spielt quasi jeden Pot. Wahrscheinlich nennen das manche dann gut spielen. Mich erinnert das an die armen Soldaten im 1. Weltkrieg, die anfänglich mit Hurra rufen ins feindliche Feuer gelaufen sind. Wenn dann einer drüben ankam, war er wahrscheinlich ein Held und hatte in den Augen des Kaisers alles richtig gemacht. So ähnlich muss das sein mit dieser forschen Spielweise und der Qualifikation zum großen Finale. Hunderte laufen bei jeder Gelegenheit in jedes offene Messer und irgend jemand überlebt trotzdem. Immerhin ein Konzept mit einer kleinen Überlebenschance, und bei Turnieren geht es ja nur ums Turnierleben und vor dem Turnier ist nach dem Turnier. Wo bitte geht´s zum Phrasenschwein?

In der Pause werde ich an die Fotowand gebeten, und ich sage selbstverständlich sofort zu. Keineswegs aus Eitelkeit, sondern mehr aus journalistischer Neugier. Wo Fotowände sind, sind meist auch Mädchen. Schöne gepflegte Mädchen mit aufregenden Figuren, duftenden Haaren und spannenden Gesichtern. Irgendwann drängt uns dann der Fotograf immer ein wenig zusammen, so als ob die Pixel rar wären im Netz, oder zu einer guten Pokerparty die Enge einfach dazugehört, und ich weiß nichts davon. Für einen kurzen Moment  drückt sich dann immer der Busen der jungen Damen gegen meinen Ellbogen, und diese halbe Sekunde möchte ich einfach nicht missen. Allerdings bin ich da auch ein wenig wählerisch und ein großer Freund der natürlichen Busendrückung. Hart und gefährlich soll es nicht sein am Ellbogen, besonders nach meiner langwierigen Schleimbeutelentzündung vom letzten Herbst. Das beste Gefühl hatte ich nebenbei bemerkt definitiv bei Vanessa Selbst. Die hat eine sehr sexy Figur und da nützen all die tarnenden Maßnahmen wie weite Sweatshirts gar nichts. Bei so was bin ich Experte. – Und so stiefelte ich nach der Pause zurück an meinen Expertentisch und bereute weiterhin nicht Ungarisch als Wahlfach in der Schule belegt zu haben. 

Meine Chips passen stimmig zu meinen Turnier-Skills. Gerade mal durchschnittlich bis knapp darunter. Nur ausbluten will ich nicht, wenn schon wie ein Held untergehen oder besser noch, wie ein richtiger Held siegreich sein. Mein Gegenüber terrorisiert weiter den Tisch mit Bets und Raises. Zeitweise herrscht er über massive Stapel an Jetons jeglicher Couleur, dann wieder rasselt es nach unten. Inzwischen haben wir einen neuen Dealer. Sauberes Hemd, sauberer Pitch und gefühlsmäßig mal südosteuropäische Wurzeln. Großer Pot, am Turn wandern alle Chips in die Mitte. Der Dealer scheint seine Arbeit zu lieben und das Spiel an sich auch. Keiner von denen, die einfach emotionslos die Karten runterdrücken. Die Spannung steigt. Der Dealer verbrennt eine Karte. Greift nach dem River. Zieht die Karte vorschriftsgemäß verdeckt über das Board. Doch dann scheint ihn die Neugier zu übermannen. Quasi im letzten Teil des Landeanflugs hält er für einen Moment inne, wendet die Karte für einen Bruchteil einer Sekunde zu sich und schüttelt für einen Millimoment den Kopf, bevor der Rest der Spieler auch erfahren darf, was der River an Überraschungen bereit hält. Ich grinse in mich hinein, aber ich verurteile den Jungen kein bisschen. Die Welt steht immer noch und wer so wie ich, jeden zweiten Tag kräftig Scheiße baut, kann sich über so etwas nicht zu sehr aufregen. Ich schenke dem Dealer einen Blick, der bedeuten soll: „Junge lass dich bei so was nie vom Johnny erwischen.“ Bin mal neugierig, ob er den Blick verstanden hat. 

Seat open heißt Platz für einen neuen Spieler und es kommt Alex Teufel neu an unseren Tisch und ich beginne mich zu fürchten. Alex Teufel ist meines Wissens  Manager vom Montesino, auf jeden Fall was enorm Wichtiges dort, und ich hatte ja so böse über das WPT- Buffet geschrieben. Irgendwie erwarte ich, dass er mir jetzt eine Unterlassungserklärung in die Hand drückt oder so. Stattdessen gibt er mir einfach die Hand, drückt diese und lächelt. Ich traue der Situation nicht, und bleibe vorerst distanziert. Aber ich denke unwillkürlich an meine Zeilen und bekomme Hunger. Vielleicht eine Chance, auch was Böses über das CCC zu schreiben. Wenn man sich mit der Gastronomie von beiden großen Casinos anlegt, ist man auch irgendwie wieder neutral. Ich öffne die Speisearte und sehe ein Bild von einem wunderbaren und perfekt abgehangenen Steak. „Service bitte“ rufe ich, während mir das Wasser im Munde zusammen läuft. „Service bitte, ich möchte…..“ und dann lese ich weiter „Coming soon  – ab 4. Mai“. – Was soll denn das bitte schön? Essen ist doch etwas Animalisches. Man sieht es, man will es haben. Wie eine nackte Frau im Bett, die überraschend auf einen wartet. Da will man auch kein „vielleicht nächste Woche“ hören. Ich merke wie ich langsam wütend werde, ich merke wie ich bereit werde mich gründlich daneben zu benehmen. Wie sonst auch immer, und dann höre ich ihre Stimme. „Bitte schön Herr Götz, was darf ich ihnen bringen?“ Ich schaue in große schöne jugoslawische Augen, passend zu einer schönen großen Frau, und werde butterweich. So wie das Champiognonschnitzel mit den exzellenten Beilagen, das ich dann später bekomme. Dieser Johann Lorenz ist ein abgefahren schlauer Hund. Die denken einfach an alles im CCC. Kann mir das Mail schon vorstellen. Wahrscheinlich vier Monate vor dem Event. Präzise und perfekte Planung in allen Details. Ich erahne den Text: Von: J.Lorenz An: CCC- Gastro, Cc. P. Zanoni „Vorsicht  vor Schrage. Psychopath, arbeitet aber für Hochgepokert.com, die mit Abstand wichtigste deutsche Poker-News Seite. Wir schicken die beste und hübscheste Kellnerin. Dann benimmt er sich (hoffentlich)“.  – Ich habe mich benommen und ich habe exzellent gespeist und wurde bestens bedient. Im Taumel der kulinarischen Glückseligkeit waren dann irgendwann mein Chips weg und es war mir egal. Ich setzte mich noch ein wenig an die Bar und betrachtete den Trubel an den Cashgame-Tischen. Mit Abstand der beste Platz, wenn ich so darüber nachdenke. Wie ich ausgeschieden bin? Das interessiert doch keinen. Das interessiert nicht einmal mich. Immerhin bin ich zwei Hände nach Alex Teufel vom Montesino ausgeschieden. – So wie es sich für einen echten CCC-Veteranen gehört. 

Götz Schrage 

PS: Wie ich jung war, schwammen die Ungarn noch mit Luftmatratzen über den Neusiedlersee. In mondlosen Nächten, wenn die Patrouillenboote keine Sicht hatten und der Eiserne Vorhang zwar eisern war, aber eben doch nicht ganz unüberwindbar. Ich trauere den alten Zeiten nicht nach.  – Aber manchmal könnte man doch den Tag des Eisernen Vorhangs feiern. Einfach nur für einen Tag so tun, als ob alles so wäre wie früher. Am besten nehmen wir das Datum, an dem ich mein nächstes großes Turnier spiele.  – Nur so als Idee. 

Foto Credits: Bülent Toluay 

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