Hass auf alles – Die Gier der Illegalen und die Dummheit des Staates – Wir Pokerdeppen

Für lockeres Geld gibt es doch schnelle Frauen und langsame Pferde. Man muss es nicht den Illegalen in den Schlitz werfen. Wer keine Spielbank in der Nähe hat, darf doch nicht gleich zum Opfer werden und wer sich als Pokerspieler nicht wehrt, lebt sowieso doppelt verkehrt. Meine letzte Kolumne zu den Rambo-Polizeiaktionen der Soko Heidelberg hat mir einiges an Lob gebracht. Lob ist immer gut, nur falsches Lob kränkt mich dann doch auch wieder. Bin halt der sensible Typ und so wie ich es manchem Leser scheinbar nie ganz recht machen kann, stelle ich bei Lob jeglicher Art den Anspruch, richtig verstanden zu werden. Die polizeilichen Maßnahmen in ihrer Monstrosität zu kritisieren, heißt nicht automatisch die Veranstalter der nach Gesetzeslage eben nun mal illegalen Kartenrunde zu verteidigen. Schuld ist trotzdem der Staat. Poker ist nun mal Teil unserer Freizeitkultur geworden und wenn die regulierte Pokernahversorgung nun mal nicht gegeben ist im Raum Heidelberg, müssen die Illegalen ran. Nur fair sollte es sein und verhältnismäßig ausgewogen bei den Kosten. 

Es gibt die korrekte Wirtschaft, oder besser formuliert die regulierte Wirtschaft. Alles sollte da gesetzlich geregelt und kontrolliert ablaufen und wenn nicht, verdienen zumindest die Anwälte ihr Geld. Und dann gibt es den großen Graubereich und den muss es wohl auch geben. Statt Gewährleistung gibt es einen guten Preis und bevor die junge Mutti mit den drei Kindern von zwei Vätern im Kalten sitzt, soll doch der Freund vom Nachbarn die Heizung für einen Fuffi reparieren, statt dem Installateur €270 zu zahlen, die man wohlmöglich gar nicht hat. Das Programm wird zwar auf dem angeblich vom Lastwagen gefallenen Fernsehgerät auch nicht besser, dafür gehen sich ein paar Zoll mehr in der Diagonalen aus und warum soll man sich als Hartz 4-Empfänger gleich die Augen verderben. Nach einigen Recherchen und etlichen Gesprächen mit Spielern bin ich zur sonderbaren Erkenntnis gekommen, dass die Gewährleistungen der illegalen Partien ähnlich hoch liegen wie bei der Heizungsreparatur nach Dienstschluss. Und dass Service und  Garantieansprüche am gesetzlosen Pokermarkt ähnlich viel wert sind, wie wenn man sich mit dem vom Lastwagen gefallen Fernsehgerät beim Hersteller über mangelnde HD-Qualität beschwert. Absurderweise pervertieren die Illegalen die Gesetze der Schattenwirtschaft und raken gierig und konsequent. Wer 10% vom Pot bei einem Top von €20 nimmt, oder sich ohne Top mit 5% „begnügt“, um dann ohne Skrupel auch mal €100 zu nehmen, wenn 2k im Pot sind, gehört sowieso gestoppt und durch die Stadt getrieben. Statt stürmender Polizisten, hätte man die Bude gleich von innen abfackeln sollen. Ohne richtiges Feuer natürlich, mehr so metaphorisch gedacht.

Der Spieler an sich will einfach spielen und das sollte ihm- in regulierten Bahnen – auch gestattet sein. Der pädagogische Ansatz von oben ist ja verlogen an sich. Ein Staat der junge Männer auch mal mit 300km/h über die Autobahnen rasen lässt, der nach jedem Schulmassaker dann doch vor den Schützenvereine kuscht, der regelmäßig einknickt vor Großkonzernen, soll doch nicht ausgerechnet beim 2er Blind Omaha seine gesellschaftliche Verantwortung erkennen. Purer Populismus mit einem Schuss Unwissen geißelt ein prosperierendes Element unserer Gegenwartskultur. Poker ist ein großartiges Gegenkonzept zu einer Gesellschaft, die auf der Couch zu verblöden scheint. Statt gescripteter Realität im Privatsender das pralle volle Leben am Cashgame-Tisch. Poker tut Deutschland nichts Böses. Entscheidungen zu treffen, getroffene Entscheidungen zu überprüfen, sich anzustrengen, nicht aufzugeben und an sich zu arbeiten. Das alles schadet niemand. Vielleicht will der eine oder andere auch nur der Einsamkeit entfliehen, vielleicht blickt so mancher erstmals über seinen ethnischen Tellerrand und entdeckt, was ihm bis jetzt verborgen blieb. Wir sind alle nur Menschen. Besonders am Turn. 

 Es gibt sie tatsächlich die Ehre der Gangster. Darüber schreibt man aber nicht zu viel und ich schon gar nicht. Man macht sein Ding und weil man es langfristig machen will, synchronisiert sich Ehre und Schlauheit automatisch. Private Anbieter, die gleichermaßen oder noch mehr in die Pots greifen wie die staatlich regulierten Anbieter, sind selbstverständlich nichts weiter als Abzocker der übelsten Sorte. Ein paar schmierige Brötchen, ein paar polnische Gratiszigaretten und das berühmte letzte „Taxigeld“, wenn der größte Hausfreier mal wieder broke geht, rechtfertigen das Rake auf keinen Fall. Die Casinos und Spielbanken haben ganz andere Spesen und Kosten. Müssen unter ganz anderen betriebswirtschaftlichen Faktoren kalkulieren. Scheinbar regelt aber auch da die Nachfrage den Preis. Wirklich große Spannen, lassen sich eben nur bei wirklich verbotenen Dingen verdienen. Dass Poker in die Kategorie der wirklich verbotenen Dinge gehört ist eine staatspolitische Dummheit und wird durch das martialische Auftreten der Behörden noch weiter verstärkt. Gratis Marketing made by Staatsanwaltschaft. Das hält den Preis hoch und schafft ein Problem, wo keines sein sollte.

Nur wenn ich schon dabei bin, mich mit quasi allen anzulegen, beende ich meinen Hasstext mit der bösen Nabelschau. Die Schuldfrage, die man sich da einfach stellen muss. Die Brieftaubenzüchter schaffen es, die Bierdeckelsammler könnten es und die Knopfharmonikaspieler werde es bald tun. Jeder hat so seine Interessenvertretung, seinen Verband, seine Vertretung. Wir Pokerspieler haben gar nichts. Bei uns gibt es nicht einmal eine Kultur des Respektes vor den eigenen Veteranen, die uns da helfen könnten wie etwa Michael Keiner. Würden alle, die an Poker verdienen – live und online – 0.1% des Umsatzes für einen organisierten und freien Interessenverband ausgeben, wir würden sicher alle zusammen viel besser da stehen. Stattdessen lassen wir uns behandeln, als wäre Poker irgendwas zwischen Crack und Kinderpornographie. Hauptsache die Brötchen  und die Gratiszigaretten schmecken. – Guten Appetit!

Götz Schrage


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