Der dumme und der arme Junge – Regelfragen und Affenfragen – Das ungeklärte Glück

Zwei junge Menschen habe ich heute in temporäres Unglück gestürzt. Der eine ist selber schuld und beim zweiten wiederum fühle ich mich schuldig. Tatort in beiden Fällen das Concord Card Casino Simmering. Fangen wir mit dem erfreulichen Teil der Story an. Kleines Turnier mit €15 000 garantiertem Preispool. Freundliche Struktur, gute Dealer und ich nach der Pause noch mitten drinnen, statt nur draußen dabei. Das kam dann später, aber darüber zu schreiben verbietet mir das Kleingedruckte im 14-seitigen Hochgepokert.com Dienstvertrag. Erste Bad Beat Story zieht eine Abmahnung nach sich, beim zweiten Mal fliegt man dann raus. Als Chip-Runner bei der Pokerbundesliga will ich auch nicht enden, deswegen riskiere ich da besser gar nichts. 

Zurück zum Turnier, ich sitze da vor richtig Chips und ein junger Mann, den ich noch nie vorher gesehen habe, spielt die erste Hand seines Lebens gegen mich. Ich raise ganz brav meine Könige. Der Flop kommt J 7 2  in allen verfügbaren Farben des Regenbogens. Wie das ältere Herrschaften so tun, spiele ich brav den Pot an und bekomme vom jungen Mann ein massives all-in zu hören. Selbstverständlich habe ich einen Moment überlegt. Spiele ich gegen ein Set und wenn ja, wo schaue ich mir den Klitschko-Kampf an? Gleich im Casino oder fahre ich nach Hause oder sonst wohin? Dieser ganze Prozess des Nachdenkens war allerdings in weniger als einer halben Sekunden beendet. „Bezahlt!“ Ich öffne meine Könige, mein Gegner zeigt 10 6 ohne jeden Flushdraw. Es bleibt auch bei Zehn hoch. Turn und River helfen nicht. Der Handschlag wird verweigert, stattdessen bekomme ich eine jammernde Suade über meine mangelnden Fähigkeiten des „foldens“ zu hören. Logisch, wenn ein apfelessender Dümmling all-in spielt muss der alte Mann seine Könige am besten gleich unter den Tisch werfen, weil fold alleine nicht reicht. Während der Dealer die Karten für das nächste Spiel austeilt, reicht es beim stehenden Exturnierspieler dann doch für einen Moment der Selbstkritik. Die Augen nach oben gedreht, die Arme zum Casinohimmel geöffnet folgt ein: „Selber schuld, es stimmt einfach. Never bluff a monkey“. – Mit dem Affen war wohl ich gemeint und es gab Zeiten, da habe ich mich aus viel nichtigeren Anlässen ordentlich daneben benommen. Nur da hatte ich nicht so viele Chips und für Boxen gibt es ja RTL in High Definition und das sollte dann schon reichen für den Abend. Wenn er schon meinen Handschlag nicht wollte, gab es immerhin noch einen Ratschlag von mir auf den weiteren Lebensweg. „Mein Junge, immer nur Poker spielen in Lokalen mit Security. Besser ist es.“ Dann musste ich schon aufhören mit den guten Tipps, weil ich dann bald ein Paar Neuner hatte und…… STOP! Ich muss jetzt abbrechen, weil am Ende gibt mir der Tassilo keinen Job, obwohl ich als Chip-Runner sicher eine Verstärkung wäre.  

 Kommen wir zum zweiten jungen Mann, der wohl zukünftig ebenfalls auf meine guten Ratschläge verzichten wird. Ein junger deutscher Dealer, den ich seit Jahren kenne und der zumindest bis vor kurzem regeltechnisch enormen Respekt vor meinem Fachwissen hatte. Ob spät in der Nacht, früh am Vormittag oder wann auch immer, ich half, wenn ich helfen konnte und wie ich dachte, konnte ich das praktisch immer. Jetzt hat der junge tüchtige Dealer eine Wette verloren und weil er sich, dank meines Zuspruches so sicher war, gleich in fünffacher Ausführung. Folgende Regelfrage: Wenn ein Spieler außerhalb der Reihe checkt, hat er dann noch alle aktive Optionen? Oder hat er nur noch das Recht für call/fold? – Fallbeispiel wäre die Battle of the Blinds. Am Flop checkt der Spieler in Position, bevor der Spieler, der eigentlich dran wäre, eine Aktion gesetzt hat. Der Dealer greift korrigierend ein und gibt das Sprachrecht dem Kleinen Blinden. Der macht seine Wette und der Spieler, der sich gerade noch checken wollte bevor er dran war, meldet sich mit einem Raise zurück. – Um es kurz zu machen, laut aktueller Regelauslegung ist das möglich und erlaubt. Dem Grundsatz folgend, dass das kleine Blind durch seine Wette quasi eine neue Spielsituation geschaffen hat, wird das sonst zu wertende „Vor-Checken“ außer Kraft gesetzt und der Spieler hat wieder alle Optionen. So auch zu raisen. Weder unlogisch, noch unmoralisch, aber trotzdem hat mir die alte Regelauslegung besser gefallen. Früher konnte man in solchen Situationen nur noch callen oder folden. Schon alleine um  Manipulationen zu vermeiden. Mit einem forschen Vorcheck als Zeichen von Schwäche, könnte man ja seinen Gegner ermutigen, Chips in die Mitte zu schieben, um dann die wahre Stärke der eigenen Hand auszuspielen. 

Während ich mir sonst praktisch im anderen Leben gar nichts merke, funktioniert mein Casinogedächtnis ausgezeichnet. Aus meiner Zeit im CCC erinnere ich mich sogar noch an das Meeting mit Thomas Kremser und Thomas Lamatsch, in dem wir damals (2000) quasi das Gegenteil beschlossen haben als gültige Regel. Anlass war ein Meister des Angle-Shootings, der besonders das strategische Vorchecken in Perfektion beherrschte.  – Kein Grund zu jammern aus heutiger Sicht. Alles ändert sich, alles ist in Bewegung. Regeln und Recht sind nicht in Stein gemeißelt. Manches verbessert sich, manches wird den Realitäten angepasst und manches ist einfach anders als früher und keiner weiß so recht warum. Man muss die Regeln kennen und man sollte sich auch tunlichst mit den aktuellen Rechtsauffassungen des Hauses anfreunden. Kleine spitze Bemerkungen allerdings sollten doch erlaubt sein. – Mir sollte es erlaubt sein zu bemerken, dass das Paar Neuner meine Schicksalshand sein sollte. Aus und vorbei der Traum. Der Turn brachte den Untergang und meinem Gegner einen Monsterpot. Wir haben uns freundlich die Hand gegeben und ich bin dann schnell weg. Den apfelessenden Dümmling suchen, der mich einen Affen geschimpft hatte. Gefunden habe ich ihn weder im Spielsaal, noch draußen am Parkplatz. Wahrscheinlich ein Glück. Vor zehn Jahren hätte ich auch noch gewusst für wen. 

Götz Schrage

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