No Limit Holdem wird sterben – Heraklit hat recht – Griechenland hat unser Rakeback verdient

Alles fließt und niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen. Der alte Heraklit wusste eine Menge, dagegen weiß ich kaum etwas, dafür das aber wieder zumindest ganz sicher. Die Dinge bewegen sich und ändern sich und ohne, dass man merkt warum und wieso, ist plötzlich alles ganz anders. Ich bin mir zum Beispiel ganz sicher, dass die große Zeit von No Limit Holdem vorbei ist. Ich war schon bei drei großen Revolutionen am Pokertisch dabei und freue mich schon auf die Vierte. Was genau kommen wird, weiß nicht mal ich und Heraklit wüsste es wahrscheinlich auch nicht. Es darf also spekuliert werden und jeder, der sich berufen fühlt dazu, darf gerne mitspielen. Der kleinste gemeinsame Nenner unserer Erwartungen sollt einfach sein, dass alles fließt und auch die   scheinbar unverrückbaren Dinge, irgendwann vom Zeitgeist weggespült werden. Die Asservatenkammer der Irrungen und Wirrungen ist voll mit den Dingen, von denen man dachte, sie seien für immer. Poker in all seinen Variationen ist da ein ganz gutes Beispiel und all die NL-Spezialisten, die glauben, dass was sie können und beherrschen, wird sie bis zur Rente begleiten, werden sich noch wundern. Hochgepokert.com-Leser sind da – wie überhaupt – deutlich privilegiert. In meiner Kolumne erfahren sie schon jetzt, mit welchen Bad Beats, sie sich in spätestens fünf Jahren herumärgern müssen.

Wenn man jung ist glaubt man, so wie es jetzt ist, bleibt es immer. Erinnere mich noch an die langen Haare und die Glockenhose der 70er-Jahre. Wer kurze Haare hatte, war entweder Fußballer oder Polizist. Manchmal auch beides. Poker spielen bedeutete damals zweifelsfrei Draw Poker. Kurzes Deck mit 32 Karten – Flush schlägt Fullhouse, oder alle 52 Karten am Tisch (und manchmal vereinzelt ein paar mehr Karten unter dem Tisch, aber das wäre dann eine andere Kolumne). Erst in den 80er-Jahren kam dann langsam 7 Card-Stud in Mode. In kleinen feinen Privatrunden. Oft durchsetzt mit amerikanischen Diplomaten und Mitarbeitern von der OPEC. „Moves“ wie „check-raise“ waren zwar theoretisch erlaubt, galten aber als wenig ehrenhaft und man musste damit rechnen, nicht mehr eingeladen zu werden. In Österreich hatten die Casinos Austria große Verdienste um 7 Card-Stud. Ein großer Schritt für den klassischen Draw-Spieler, dem es so gar nicht geheuer schien, Teile seines Blattes für den Gegner sichtbar zu wissen. Trotzdem setzte es sich irgendwie durch und ich erinnere mich an meinen ersten Besuch im Concord Card Casino im Herbst 1993. Vierzehn Cashgame-Tische und auf allen Tischen wurde 7 Card-Stud gespielt. Klingt heutzutage unglaublich, war aber so. Gott und Herr Kremser sind meine Zeugen. 

Und, um jetzt den historischen Rückblick stark zu verkürzen, es folgte dann rasch die Herrschaft von Limit Holdem. Anfänglich sowohl von den Draw-Veteranen, als auch den Stud-Kämpfern als reines und langweiliges Glücksspiel abgetan. Die Idee, dass es klar definierte „Nuts“ gibt, gab Anlass am sportlichen Wert dieser Variante zu zweifeln. Bei Draw etwa spielt man da doch  vergleichsweise im Blindflug und kann sich seiner Hand niemals so sicher sein. Besonders im Kaffeehaus – aber damit wäre ich fast wieder bei einer anderen Geschichte. Jedenfalls Limit-Holdem setzte sich rasant durch und war zweifelsfrei über fast zehn Jahre der absolute Marktführer, wenn man von der kleinen, feinen Omaha-Ecke absieht.  – Spätestens ab jetzt ist die Geschichte wohl jedem bekannt, Chris Moneymaker und der telege No Limit Boom. Alles wurde groß und größer. Die Turniere  – früher eher eine Art Pflichterfüllung der Cardrooms  – erlebten ihre eigene Erfolgsstory. Die Preispools explodierten förmlich in, für seinerzeitige Verhältnisse, schier unerreichbare Höhen. Noch 2001 galt ein von Partypoker über Monate angekündigtes $1.000.000-Event als der Gipfel des Möglichen. Heute haben wir bei Pokerstars.com solche Turniere jedes Wochenende und niemand bekommt feuchte Hände, oder nimmt sich extra Urlaub, oder stellt drei Wecker, um zu nacht schlafener Zeit nicht unabsichtlich einzunicken. Noch dazu, wenn man deep ist und das virtuelle Geld zum greifen nah scheint. 

Im Rückblick verblüfft mich – und jeder, der dabei war, wird mich im zumindest im Ansatz bestätigen, wie sicher wir uns waren, dass das was gespielt wurde, quasi auf alle Zeit die Pokervariante unserer Wahl sein würde. Einfach, weil man sich das Unvorstellbare eben nicht vorstellen kann. Ich zermartere mir auch meinen Kopf darüber, ob wir eine Renaissance einer bereits durchlebten Phase erleben werden, ob es den wirklichen Omaha-Boom noch geben wird, oder ob doch irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft etwas gänzlich Neues kommen wird. Eines allerdings weiß ich sicher und erlebe es täglich aufs Neue. No Limit Holdem hat seinen Zenit schon lange überschritten. Die Stimmung an den Tischen ist mehr als morbid. Der Glaube an den Kick, der Moment des Rausches, wenn man selbst die Nuts hat und der Gegner schiebt alles rein und man muss quasi nur noch die Arme ausbreiten wie im Pokerschlaraffenland, ist mittlerweile verloren gegangen. Es regieren die Defensivkünstler und es wird nicht mehr darüber nachgedacht, wie man in einem Pot am meisten gewinnen kann, die Themen drehen sich eher um die Kunst mit starken Händen weniger zu verlieren. – Somit ein untrügliche Zeichen für einen nahenden Paradigmenwechsel, weil wenn der eigentlich Spirit eines Spiels, nämlich Geld zu vermehren, durch Angst und rake (in der Reihenfolge) dermaßen pervertiert wird, dass man nur noch danach trachtet das Tempo des Verlierens zu kontrollieren, dann ist es zappenduster und am Ende dieses Tunnels kommt garantiert kein Licht. – Was kommt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Heraklit recht hat und dass alles fließt. Als Optimist bedeutet das für mich, dass alles gut wird. Irgendwie zumindest. – Ich freue mich drauf. Auf was auch immer. 

Götz Schrage

PS: Wir sollten auch, nebenbei bemerkt, kein Problem haben, dass unsere Euros nach Griechenland fließen. Ohne die griechische Kultur, ohne die griechischen Philosophen und   Rechtsgelehrten, säßen wir Germanen wohl noch in Sümpfen und würden die Innereien unsere Altvorderen in groben Tongefässen verscharren. Casinos gäbe es garantiert keine und Kaffeehäuser auch nicht. – In diesem Sinne, geben wir den Griechen ein wenig Rakeback. Verdient haben sie es allemal. 

 

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