Die doppelten Nuts – Die bösen Anführungsstriche – Pokerjudikatur im Hinterzimmer einst und jetzt

Wenn mich ein Leser wirklich kränken möchte, nennt er mich einen „Journalisten“. Die beleidigenden Anführungsstriche verpuffen aber rückstandsfrei an meiner sorgsam gepflegten Arroganz. Abgesehen davon, was bitte schön ist so erstrebenswert daran ein anführungsstrichfreier Journalist zu sein? Bei garantiert unrepräsentativen Umfragen teilen wir uns die rote Laterne der Akzeptanz mit Politikern, Crack-Dealern und Fußpflegern. Das Verfassen von flüchtigen Texten bedeutet doch gar nichts. Früher konnte man wenigstens noch den berühmten toten Fisch einwickeln, oder unterstandslose Hippies mit wenig Talent für Logistik konnten sich ein Tütchen rollen, weil Zeitungspapier nicht nur geduldig ist, sondern halbwegs verlässlich vor sich hin brennt. – Ich bin da ganz pragmatisch, was den Kühlschrank füllt ist man bei mir gleich von Beruf. Da braucht es keine Gewerbeberechtigung, keine Kommission und keine Zertifizierung. Obwohl…….

 

Kürzlich spielte ich in einer der auch in Wien zahlreichen semilegalen Pokerpartien. Es wurde zartes Rake kassiert und es gab einen Kartengeber, der für sein behändes shuffeln und pitchen völlig zu recht mit einem Trinkgeld rechnen durfte. Falls jetzt einer der Herren der SOKO „Glücksspiel“ mitlesen sollte, ich hatte meine Brille nicht mit und bin für meinen schlechten Orientierungssinn mindestens so bekannt, wie für mein inferiores Namensgedächtnis (schöne Grüße an Anna/Nushin/Nilou by the way). Jedenfalls passierte dann in einem der größeren Pots folgendes. Maximale Aktion am Flop. Wer Karten hatte schob seine Chips in die Tischmitte. Der Dealer hätte beide Hände voll zu tun gehabt, nur in der linken Hand hielt er geradezu vorbildlich und perfekt das Deck und zählte und sortierte Berge von Chips fachgerecht und exklusiv mit der rechten Hand. Am Turn das As in Treff gehalten und bevor auch nur irgendjemand etwas gesagt oder getan hätte erstarrte der Dealer für einen Moment, überprüfte seine „burned cards“ und sagte sichtlich zerknirscht und mit gesenktem Kinn folgendes: „Oh mein Gott, jetzt habe unabsichtlich eine Karte zuviel verbrannt!“. Dann warf er einen Blick in die hilflosen Gesichter der wartenden Spieler und setzte ein charmantes: „Aber ich lass das As jetzt da liegen, weil sonst ist jemand enttäuscht am Tisch, der sich schon über diese Karte gefreut hat“. – Immerhin eine Entscheidung des Herzens, obwohl mir persönlich jenes As so gar nicht ins Konzept passte. Floorman gab es keinen, nur eine Kellnerin, die damit beschäftigt war georderte Getränke im Minutentakt zu servieren und entsprechende Notizen über die zukünftige, wenn auch wenig wahrscheinliche Abrechnung zu machen. Mein Geld war zum Beispiel in der Tischmitte und angesichts der Milde des Dealers blieb es dort auch. Trotzdem kein Grund für mich beleidigende Anführungszeichen zu setzen, obwohl man die Situation unter Umständen einen Tick schlauer hätte lösen können. 

Floorman ist auch so eine sonderbare Berufsbezeichnung und ich meine damit sowohl den Floorman wie auch den „Floorman“. Da spräche wohl schon einiges  für eine ansatzweise Ausbildung in Regelkunde und ein gewisses Talent zur Konfliktlösung  würde auch nicht wirklich schaden. Bei den großen wie Montesino und Concord Card Casino achtet man selbstverständlich penibel auf Stringenz in der Regelauslegung. Das heißt jetzt nicht, dass man bei den kleinen Anbietern automatisch schlechter gestellt ist. Und so was in Moskau seinerzeit passiert ist, wird es im ganzen deutschen Sprachraum nicht geben. Quasi jetzt schon der Floorman des Jahrhunderts, vielleicht mit einem neckischen „epic fail“ als Zusatztitel. Maximal großer Pot. Am Board vier Herz und kein Paar. Showdown im heads-up. Der eine Spieler öffnet Herz-As mit Pik-Dame, der zweite Spieler öffnet Herz-As mit Karo-Zehn, ebenfalls Nuts. Floorman wird gerufen und entscheidet, der Kicker spielt! Herz-As mit Pik-Dame schlägt Herz-As mit Karo-Zehn. Immerhin ließ er das Deck dann austauschen. Gelernt ist gelernt und diese Entschlossenheit, dann doch nicht mit jenem historischen Deck weiterzuspielen, rettet den wackeren Moskauer Floorman vor einem „Floorman“ mit Anführungszeichen. 

Als Experte für Hinterzimmer-Judikatur kann ich nicht anders, als von alten Zeiten schwärmen. Da war zwar alles aus regeltechnischer Sicht ungerecht, aber in der milieueigenen Ungerechtigkeit zumindest kalkulierbar. Wer etwa jemals gemeinsam mit dem Chef des Betriebes im Gefängnis saß, konnte in zweifelhaften Situationen mit einem positiven Bescheid über die Potzustellung rechnen. Zweites wichtiges Kriterium die ethnische Zugehörigkeit und wenn das alles nichts half, hatte halt der Stärkere recht. Der Dealer war in solchen strittigen Situationen damit beschäftigt den Fluchtweg zu checken und sein Chiptray festzuhalten. Wie gesagt, das waren die alten durchaus guten Zeiten. Heute haben sich die Poker-Regeln bis in die abgelegensten Hinterzimmer herumgesprochen. Manchmal geht auf dem langen dunklen Weg dorthin die eine oder andere entscheidende Feinheit verloren, aber der gute Wille zählt. Kürzlich kam es zu folgender amüsanter Entscheidung Marke „Hinterzimmer Neu“. Ich hatte brav under the gun gelimpt (wie das ältere Herren so tun), zu meiner Linken der Mann mit den traurigen braunen Augen setzte ein Raise von fünf Big Blinds, ein weiterer Spieler gingt mit wenig mehr all-in. Alle foldeten bis zu mir und da saß ich nun von meinem jämmerlich gelimpten Satz von einem Big Blind und der Dealer sagte folgendes zu mir: „Du kannst jetzt nur noch bezahlen, oder folden. Raisen kannst du nicht, weil der Herr all-in ist mit weniger als dem notwendigen Satz. „Aber ich habe doch bisher nur……“ wollte ich antworten, wurde aber von einem strengen: „Es geht nicht“ unterbrochen und weil ich weiß, was sich im Hinterzimmer gehört, zahlte ich brav und machte keinen Mucks mehr.  

In diesem Sinne wünsche ich meinen Lesern ein schönes Wochenende im Hinterzimmer Ihrer Wahl. Meinen hatern wünsche ich ebenfalls viel Glück, oder doch nur „viel Glück“? 

Götz Schrage, Journalist und nicht „Journalist“.

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