Das Schweigen der Dealer – Der holländische Plural und andere bärtige Witze

Ich bitte um Nachsicht. Die Nacht war hart genug und manchmal kann man nicht alles so wegstecken, wie man es sich vorgenommen hat. Das Thema der folgenden Kolumne war prinzipiell klar und eindeutig. Sollen und dürfen Dealer mit den Gästen plaudern und parlieren, oder ist jedes unnotwendige Wort das berühmte Wort zu viel? „Etikette am Pokertisch im Wandel der Zeit“ wäre auch ein anderer möglicher Titel gewesen für den folgenden Text. Ich erinnere mich noch meine ersten Ausflüge an die Kartentische der Casinos Austria. Gespielt wurde 7 Card Stud und wer dran war wurde vom Croupier mit folgender Phrase sanft und formvollendet daran erinnert: „Mein Herr bitte schön, Sie haben erstes Anspielrecht“.  Kürzlich passierte mir dieses Malheur am Omahatisch in einem der zahlreichen Cardrooms. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich dran war und der mir völlig unbekannte Dealer wandte sich mit einem herzerfrischenden: „Nau, moch ma wos?“ („Na, machen wir etwas?“) an mich. Eigentlich kenne ich die Phrase „Nau, moch ma wos“ vom Straßenstrich. Da rufen einem das die Mädchen quer über die Gasse zu, wenn die Geschäfte schlecht gehen und man gar nicht genug wegschauen kann, um halbwegs unangesprochen zu passieren. – Aber das wäre dann wieder ein anderes Thema.

Im Moment habe ich einfach keine glückliche Phase. Die Karten kommen nicht so, wie ich es eigentlich bräuchte. Meine Draws versanden und meine Top-Treffer werden von fantasievollen Iranern und Chinesen spätestens am River pulverisiert. Das alles macht mir rein gar nichts. Das alles bin ich  gewohnt. Wenn es wirklich böse läuft am Omahatisch bitte ich den Floorman um eine schriftliche Bestätigung und reiche diese bei meinem Boss Kang ein. Der geht dann in seinen Geldspeicher und alles ist wieder gut. Neue Munition, die ich gerecht zwischen den Pokerasylanten verteilen kann. Was anderes macht mir viel mehr zu schaffen, ich werde verfolgt! Ganz im Ernst! Die Fips Asmussen der kartengebenden Zunft dealen immer an meinem Tisch. Ich meine, ein lockeres Wort zu rechten Zeit, kann mitunter mal Spannung aus einer scharfen Partie nehmen. So manche drohende Auseinandersetzung versandete an einer wirklich guten Pointe des Personals. Nur das ist die Ausnahme. Quasi der deeskalierende Notfallwitz für Akutsituation. Nehmen wir zum Beispiel den Uralt-Gag „Spielers“. Historisch geht das zurück auf die Zeit als das Concord Card Casino kurzzeitig eine Dependance in Amsterdam hatte. Irgendwas ging da schief und das holländische Abenteuer wurde bald beendet. Die besten Dealer durften dann allerdings an den Spieltischen im Wiener Stammhaus arbeiten und darunter leiden wir noch heute. Das Wort Spieler hat keinen Plural. So wie Gold, Milch oder eben Vernunft. Wenn mich meine Erinnerung und Wikipedia jetzt nicht täuschen gehört es zu den „singulare tantum“. Hoch wetten würde ich darauf aber nicht. Wie auch immer, im niederländischen ist das wohl anders, deswegen lautete das Annoncement folglich: „fünf Spielers“ und nach dem Turn „drei Spielers“ und am River war man dann glücklich „heads-up“ („zwei Spielers“). Der Holländer an sich neigt ja nicht zur Bösartigkeit. Sie wissen es halt nicht besser und sie wissen ferner nicht, welchen nachhaltigen Schaden sie damit angerichtet haben.

 „Spielers“ ist immer noch allgegenwärtig. Kürzlich spielte ich an einem noblen Ort eine 5er Blind Omaha und die ersten beiden Dealer brachten den Gag gefühlte fünfunddreißigmal. Zwischen zusammengepressten Lippen zischte ich zu meinem befreundeten Nachbarn: „Noch so ein Vogel und ich brettere ihm das Chiptray über den Schädl“. Der neue junge Mann gab mir dann K K 6 4 und meinem Gegner K 10 10 10. Der Flop brachte K88 und mein Gegner  – wohl in Unkenntnis der Feinheiten des Regelwerkes  – pushte gleich mal „all-in“. Ich zahlte, die anderen foldeten. „Zwei Spielers“ bemerkte der junge sympatische Dealer ganz treffend. Wenn man den Witz so gut bringt, könnte sogar ich mich daran gewöhnen.  – An den belehrenden Dealer werde mich hingegen nie gewöhnen und ich lasse es auch nicht einmal als Notwehrmaßnahme gelten. Ein jammernder und schimpfender Mitspieler, lässt sich auch von einem wohl gemeinten Rat des Dealers: „Da musst du am Turn allin gehen, dann gewinnst du den Pot“ nur äußerst selten trösten. Noch viel schlimmer ist der spielende Dealer. Besonders erinnerlich ist mir da folgende Anekdote. Ein sonst recht ruhiger Gast verliert in einem Monsterpot sein Top-Set gegen runner-runner Flush. In nicht enden wollender bilingual vorgetragener Verwünschung entsorgte der sonst so ruhige Gast die vier Karten , indem er sie einzeln und in Brusthöhe zurückwarf. Die ersten drei davon ließ der Dealer souverän am Gilet abperlen, bevor er sich mit einem: „Und Senad wie du mir vorgestern im XXXXXX meine drei Damen umgebracht hast, das hast du auf einmal vergessen.“ revanchierte – Vielleicht doch nicht so schlau, wenn Dealer und Gäste in der freien Wildbahn aufeinander treffen. Zu meinen goldenen Zeiten einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Da war dem Personal der Umgang mit Gästen strikt verboten. Wenn einen da eine hübsche Dealerin nach Dienstschluss heimlich mit nach Hause nahm, wusste man, das Mädchen ist entweder sehr einsam oder will einen wirklich näher kennenlernen.

Wie auch immer, ich merke, mir ist mal wieder das Thema ein wenig entglitten und ich habe mich mehr als nur ein wenig verplaudert. Für das Leben konnte man wenig lernen bei der Lektüre meiner Zeilen. Vielleicht doch ein bisschen, wenn man über meine geschilderte Omahahand nachdenkt. Es schadet nie, wenn der Gegner am Flop drawing dead ist. Es nimmt zwar die Spannung, aber darauf kann man ruhig einmal verzichten. Völlig aus dem Zusammenhang der einzig wichtige Ratschlag den ich allen jungen Menschen mit auf den Pokerweg geben möchte. Wenn drei Männer nach drei in der Nacht in ein Lokal kommen und alle drei bestellen Kaffee, dann sind das entweder Kriminalpolizisten oder Gangster. Darauf kann man sich hundertprozentig verlassen.  – Für meine holländischen Leser müsste es lauten „Kriminalpolizisten oder Gangsters“. Soviel Zeit muss sein.

Götz Schrage

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