Crazysheep im CCC LugnerCity – Geshkenbein und der Borschtschfresser – Der Herz im Koffer

„Ich hasse Turniere – Ich hasse Turniere – Ich hasse Turniere – Ich hasse mich!“ Andere lassen dichten oder schreiben ab. Doch nicht bei Hochgepokert.com. Wir dichten noch selbst in reiner Kopfarbeit und garantiert ohne chemische Zusätze und Geschmacksverstärker. „Grinders Poker Trophy 2012“ im CCC Lugner City und ich mitten drinnen, statt draußen vor der Tür. Ein wohlmeinender freundlicher Freund meinte zwar, ich solle mal lieber nicht kommen. Scheinbar hatte die Kolumne zur Balkan Open meinem ohnedies ramponierten Beliebtheitsgrad weiter beschädigt. Kann ich verstehen, ich würde mich auch nicht mögen, hätte ich nicht meine halbe Bankroll gerecht unter den Psychiatern der Stadt verteilt.

Wir fahren mit einem dicken Auto vor. Sehr praktisch, wenn man rasch weg muss. Ich trage eine schwarze Perücke am Kopf, orangefarbene Sonnenbrillen und damit man mich ganz sicher nicht erkennt, habe ich mir eine Krawatte umgebunden. „Name bitte“ sagt der Mann von der Security stoisch aber durchaus freundlich. „Götz Schrage“ antworte ich völlig unspontan und unvorbereitet. Der Computer wird gefragt, der Computer mag mich noch und ich ziehe weiter. Feuchte Hände am Floorman-Pult. Ich zahle mein Ticket und suche unauffällig meinen Platz. So unauffällig wie ein Zweitmetermann mit einem Meter Haare am Kopf nur sein kann. Christophe Gross aka Crazysheep grüßt mich freundlich vom Nebentisch. Weiter vorne Vladimir Geshkenbein. Wäre ich jetzt kein verkleideter Journalist, der sich bemüht einen guten Pokerspieler zu spielen, sondern ein harter Reporter, müsste ich mich dem Geshkenbein ja gleich an die Fersen heften. Mein Boss Ben Kang mag deftige Storys und wenn Geshkenbein glaubt ein unschuldiges Intelli-Trainingsvideo mit dem flapsigen Witzchen: „Was ist schwarz und geizig? Ein Judenneger“ auffrischen zu müssen, hätte er sich wohl eine klein wenig Recherche verdient. Frag doch den borschtschfressenden Ivan, was er sich dabei gedacht hat, sagt diese innere Stimme in mir, die immer weiß wie man mit wenig Aufwand mächtigen Ärger bekommen kann. Doch ich sage gar nichts und beschließe das Turnier zu gewinnen und niemanden nichts zu fragen oder so ähnlich. Nicht auffallen, keine Schwierigkeiten machen und bis zum Finaltisch schwimmen: So der Plan!

 Was zur Hölle ist ein „Coach“ und warum kriechen denen alle anderen so hinterher? Ich meine, das ist doch lediglich eine Art Pokerlehrer ohne Chance auf Beamtenstatus und fünfzehn Monatsgehälter mit sieben Wochen Urlaub. Auf Platz Eins ein sympathischer junger Mann. Offenbar Coach und Priester bei der Pokerstrategy-Sekte. Obwohl vom Typus höflich und zurückhaltend sieht er sich im Mittelpunkt des Interesses und im Focus der respektvoll vorgetragen 1001 Fragen. Mich beschleicht das Gefühl, jeder hier am Tisch – ja fast jeder hier im Raum – sieht sein Karriereziel darin es dem jungen Mann gleich zu tun. Was ist da bloß schief gelaufen bei dieser Generation? In meiner Jugend wollte man Mittelstürmer, Zuhälter oder zumindest Testfahrer bei Lotus werden. Wir hatten halt noch Ambitionen und die richtigen Vorbilder. Für meine Person brauche ich keinen Coach, ich brauche einfach kein Pech. Der Rest ergibt sich dann schon. Um mich herum wird „bebarrelt“, „gefloatet“, „gethreebeted“, „gepusht“ und „geshoved“ (für die korrekte Schreibweise wird vom Sekretariat Schrage ausdrücklich keine Haftung übernommen). Ich verstehe  gar nichts, aber verstehe zumindest, dass ich nichts verstehe. Einfach möglich mit höheren Paaren gegen kleinere spielen und hie und da einen Monsterdraw am Flop bluffen hat doch so super funktioniert seinerzeit, wie Matthias Samer noch bei Inter Mailand gespielt hatte. Warum muss sich alles auch so rasend schnell ändern? – Wenn ich mal Asse habe und ich habe sie tatsächlich gleich viermal in den nächsten zwei Stunden schmeißen alle weg. Auch die, die sonst nie wegschmeißen. Alle bekommen ihre „action“ und ich bekomme gar nichts. Außer die Könige, die bekomme ich sehr wohl, lasse mich aber prompt ausspielen wie ein grauhaariger Schulbub. Der Gegner zeigt mir den Bluff mit 4 hoch und wir gehen in die Pause.

Eine Runde Mitleid und ein Bulgogi-Bento bitte. Noch ein Punkt, der für das CCC LugnerCity spricht. Man isst so gut. In den großzügigen Pausen verschwindet man im Bauch des Einkaufszentrums und labt sich Leib und Seele am reichhaltigen gastronomischen Angebot. Der als japanischer Koch getarnte Chinese ist Spieler. Fast ein Pleonasmus, weil jeder chinesische Koch ist Spieler. Wir kennen uns. Ihm kann ich alles erzählen. Er wird mir höflich zuhören. Mein ganzes Leid soll er erfahren. Das Trinkgeld stimmt dann auch. Bevor ich loslegen kann, sehe ich den Mann am Nebentisch. Vielleicht vierzig Jahre alt. Das Gesicht ist merkwürdig fahl. Unter der Nase eine Klammer mit zwei durchsichtigen Plastikschläuchen. In der Hand hält er einen großen Koffer auf  Rädern. Sonderbare Lichter blinken in grün und gelb. Der Mann hat sein Herz im Koffer dabei, oder seine Lunge. Womöglich auch beides. Ein freundliches chinesisches Gesicht fragt mich, wie es mir geht. Ich sage danke gut und erzähle gar nichts. –  Zurück im Spielsaal. Ein wenig Smalltalk mit Christopher Gross aka Crazysheep. Ich mag den Jungen. Mochte ihn schon aus der Ferne. Charmant, witzig und mit dieser Würde, die man nicht üben und nicht coachen kann. Moderator Sven Liefke greift zum Mikrophon und peitscht Ibrahim in der Gelddusche zu einer Höchstleistung. Eine gewonnene Bounty oder so. Das Turnier plätschert weiter. Weil es Gottes Wille ist komme ich trotz meines Spiels auf die letzten zwei Tische und dann ist es doch vorbei. Ich schüttle ein paar Hände, verabschiede mich von denen, die ich kenne und auch von denen, die ich neu kennengelernt habe.

Am Weg nach draußen spricht mich ein junger Mann an, ob ich Lust habe „8-Game“ zu spielen. Ich kenne zwar wahrscheinlich mit viel Glück gerade mal die Regeln von fünf der Varianten, sage aber sofort zu. Es wird verhandelt. Am Ende einige wir uns auf 7 Card Stud. Ich schlage €10/20 vor, ziehe mich auf €8/16 und €6/12 zurück. Am Ende wird es ein €3/6 und ich will nicht stur sein. Hauptsache Stud und ein kleines Zeichen der Versöhnung will ich auch so nebenbei setzen. In der nächsten Floorman- Konferenz sollen sie dann sagen, der Schrage hat den Stud-Tisch aufgesperrt und der läuft seitdem sieben Tage durch. Ein persischer Herr, Gunther Sosna, mein ägytischer Freund Said und zwei Österreicher starten. Die Chinesen beraten noch. Nach chinesischem Verständnis ist 7 Card Stud ein Mannschaftssport und es wird offenbar noch um die Teambildung diskutiert. Mein Freund Robbisch  stößt zu uns und rettet die Ehre der Dealer.  – Irgendwann stapfe ich nach draußen. Es war eine lange Nacht im CCC LugnerCity und es hat Spaß gemacht. Ich komme sicher wieder – wenn man mich lässt.

 Götz Schrage

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