Jan Heitmann und Marek Blasko in der Einzelkritik – Abschließende Gedanken zur CCC Million

Auch beim tiefsten aller Deep Stack Turnieren hat irgendwann einmal ein Spieler alle Chips. Klingt unglaublich, wird aber weltweit so gehandhabt. Allerdings dann ist es auch schon vorbei, gerade wenn es dem mit Turnierglück Gesalbten mit allen Chips besonders viel Spaß machen würde, weil er vor zwei Millionen Big Blinds sitzt und damit wahrscheinlich sein Leben lang Turnier spielen könnte, kommt der Turnierdirektor, und nimmt ihm seine Türme weg. Stattdessen bekommt der Turniersieger einen Pokal in die Hand gedrückt. Ein schwacher Trost, aber sicher gut gemeint. Ich würde die Chips nehmen im Zweifel und mein eigenes Deep Stack Casino aufsperren, aber in die Gefahr komme ich gar nicht. Ich war immer knapp daneben, statt wirklich dabei. Große Finaltische kenne ich nur vom daneben stehen und manchmal auch vom daneben kriechen und liegen. Das Schicksal des old school Fotografen. Immer auf der Jagd nach dem besten Winkel. Die jungen Kollegen haben es da leichter, aber die sind auch besser angezogen und müssen auf ihre Designer-Jeans achten.

Immerhin durfte ich dabei sein bei der zweiten Auflage der Concord Million. Wobei exakter formuliert, war ich eher mittendrin, statt nur dabei. Durfte ungewollt dem einen oder anderen Gespräch lauschen, oder dem einen oder anderen Spieler ein wenig auf die Finger sehen. Das wichtigste vorab, bei der Concord Million traf ich nur zufriedene Spieler. Vielleicht gab es auch unzufriedene, aber die haben nicht mit mir gesprochen. Scheinbar müssen die Levelzeiten nur lang genug sein, und das Starting Stack groß genug und schon gilt ein Turnier als „gut spielbar“. Jeder sieht sich irgendwie im Vorteil, obwohl sich das doch zwangsläufig ausschließen muss. Will jetzt nicht zu sehr auf mit meiner Erkenntnis aus dem ersten Absatz protzen, aber am Ende hat ja einer die Chips und alle anderen sind ausgeschieden. Nach meiner Theorie beschädigt das große Start-Stack die Chancen aller Nebeltaucher wie ich einer bin massiv. Allerdings, chancenlos bin ich ganz sicher nicht. Wenn die Struktur passt, trete ich sofort an. Gerne auch gegen die besten fünfzig Turnierspieler der Welt. In meinem Wunschformat bekommt jeder Spieler allerdings nur eine Karte. Dann gibt es Showdown und die vier Asse teilen sich das Prizepool. „Fee“ gibt es keines. Das Casino bekommt dafür die beiden übrigen Karten und darf auch mitspielen. Fair ist fair und bei zwei Assen in den hole cards wären wir doch bei 50% „fee“. Das wäre sogar so mancher Sachpreisturnier-Veranstalter neidisch.

Doch zurück zur Concord Million. Mehreren Spielern durfte ich über lange Zeit zusehen bei ihrem Handwerk. Alle, die so weit gekommen sind, haben mal meinen Respekt und den haben sie sich hart verdient. Fünf Tage so fokussiert und konzentriert zu bleiben, da gehört schon einiges an Kampfgeist und Charakter dazu. Jan Heitmann und Marek Blasko habe ich besonders gerne beobachtet. Beide faszinierende Typen und aus der Sicht des Pokerchronisten mindestens ein paar Zeilen wert. Nehmen wir zuerst den Jan Heitmann und seinen Hang zur unverbindlichen Brutalität. Vieles an ihm wirkt freundlich und höflich – und so ist der Jan abseits des Pokergeschehens sicher auch. Auch im Turnier bekommt jeder Gegner ein freundliches Lächeln, ein aufmunternden Blick. Jeder gröbere Bad Beat wird zumindest ansatzweise mit einem Runzeln der Stirn zur Kenntnis genommen. Solange man nicht gegen Jan spielt, sondern nur gemeinsam mit ihm am Turniertisch sitzt, repräsentiert er die Tugenden und Qualitäten, die ihn sicher auch für eine Karriere im diplomatischen Dienst befähigen würden. Das ändert sich schlagartig, sobald es um es etwas geht und sei es nur eine Battle of the Blinds. Es sitzen zwar immer noch alle im selben Boot, aber am Tisch gibt es nur einen Kapitän. Aus dem freundlichen Jan, wird der kühle Jan. Einfach, weil es sein Job ist und weil er seinen Job gut macht. Überhaupt im Jahr des Drachens. Wenn schon der Lauf der Karten auch für den Routinier unkontrollierbar bleibt, so will er wenigstens über alles im Bereich des Möglichen die Kontrolle behalten. Aus der herzlichen Freundlichkeit, wird schlagartig eine distanzierte Kühle. Manchmal nimmt er die Brille und wirft kurze stechende Blicke in Richtung seines Gegenübers. Niemals zu lange, weit entfernt von den bulligen Niederstarrern. Eher kurz und prägnant, als wolle er signalisieren, dass er alles gesehen hat, was er glaubte sehen zu müssen. Nichts passiert mehr beiläufig, oder zufällig. Alles wirkt wie choreographiert. Mit der Fingerfertigkeit des Zauberkünstlers werden die Jetons gestapelt, gezählt und dann von oben in den Filz des Tisches gedrückt. Als würde Jan der Schwerkraft nicht trauen, oder als ob im das pure stürzen der Jetons nicht martialisch genug wäre, gibt es dann noch einen kleinen Druck nach unten. Dann ist wieder der Gegner am Zug. Jan nimmt die Brille ab, setzt sein kühles Teflon-Gesicht auf und wartet. Beeindruckend unbeeindruckt und ohne sichtbare Gefühlsregung. Wer sich im Jahr des Drachen mit dem Poker-Drachen Jan anlegt ist selber schuld. (Schlussendlich reichte es bei der CCC Million zu Platz 14)

Marek Blasko war der zweite Spieler, den ich über mehrere Tage aufmerksam beobachten durfte. Viel hatte ich gelesen in den Kommentaren. Vor „einem brutalen Menschen“, dessen wahre Brutalität sich erst zeigen würde, wenn man „ihn mal live erlebt hat“ wurde gewarnt und vieles mehr. Selbstverständlich fehlt mir die Befähigung für ein tiefen-psychologisches Gutachten. Fest steht für mich nur, wer sich vor Marek Blasko am Turniertisch fürchtet, solltet keinesfalls auch nur einen Abend mit mir zusammen ausgehen. Auf mich macht er einen sehr routinierten und äußerst disziplinierten Eindruck. Scheinbar hat er früher mal viel trainiert und lässt es jetzt ein wenig schleifen, aber das steht ihm durchaus gut. Beinahe regungslos sitzt er da, nur seine Augen scheinen nie Ruhe zu geben. Chips, Gegner, Chips, Karten, Chips, Gegner, Gegner, Chips, Karten, Dealer, eigene Chips, Gegner, Karten – und das Ganze in einem atemberaubenden Tempo. Im Gesicht keine Regung. Die Mimik Marek Blaskos läuft auf maximalem Sparkurs. Kein Fältchen um die Augen und die Haut unter den Wangenknochen straff gespannt. Wäre er zwanzig Jahre älter und studierter Schönheitschirurg würde ich ja auf die eine oder andere Botox-Spritze tippen, aber das wäre im konkreten Fall schon äußert spekulativ. – Ganz manchmal bleibt der Blick schon ungewöhnlich lang am Dealer ruhen und vielleicht macht das dem einen oder anderen Kartengeber Angst. Dabei ist der Blick ohne Aggression, mehr so prüfend wie ein Roulettespieler, der an Permanenzen glaubt. Als ob Marek auf einen versteckten „tell“ vom Dealer hofft. Gibt mir der Junge jetzt die Karte, die ich brauche oder nicht? – Zweifelsfrei ein sehr imposanter und starker Turnierspieler, der sich seine „winnigs“ und Erfolge redlich verdient hat. Auch am Parkplatz war ich dabei und lege meine Hand ins Feuer dafür, dass niemand, der es sich erlaubt hat einen Pot gegen Marek zu gewinnen, in seiner körperlichen Unversehrtheit bedroht war. Wäre es so gewesen, hätte ich das garantiert fotografiert. – Im Endeffekt reichte es für Marek Blasko zum 12. Platz bei der Concord Million. Zweifelsfrei ein sehr respektables Ergebnis und für eine Gratulation aus der Ferne reicht es auch.

Zusammenfassend, wenn ich schon beim gratulieren bin. Eine großartige Leistung von Johnny Luetkenhorst und seinem Team. Perfekte Organisation und die Turniermaschine Concord Card Casino hat geschnurrt wie eine wirklich teure Schweizer Uhr. Auch die Spieler, mit denen man sich nach dem Ausscheiden unterhalten durfte, schienen mit den Gegebenheiten und der Struktur äußerst zufrieden zu sein. Wir von Hochgepokert.com freuen uns jedenfalls schon auf die dritte Auflage der Concord Million und werden selbstverständlich über mögliche Termine und Bedingungen so bald wie möglich berichten. Mein oben vorgeschlagenes Turbo-Format im One-Card Style und dem limitierten Teilnehmerfeld von 50 Spielern wird sich wohl nicht durchsetzen. Auch bei der dritten Auflage wird das Starting-Stack gewaltig und die Level-Zeiten seriös und lang sein. – Und sogar ich muss zugeben, das ist wahrscheinlich auch besser so.

Götz Schrage

 

 

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