EM Baden: In the Heat of the Night – Mein Laufhaus-Unfall – Der etwas andere Lokalführer

Für die werten Leser von Hochgepokert.com ist mir kein Weg zu weit und keine Recherche zu gefährlich. Poker EM 2012 im Casino Baden. Von überall reisen Spieler an und suchen das Feuer der Cashgames, oder kämpfen um die beiden vakanten Titel der Europameisterschaft. Meine Kollegen von PokerToday sind vor Ort. Jens Knossalla moderiert sich wie gewohnt die Seele aus dem Leib und hinter der Kamera und am Schnittpult Tobias Falke. Lennart Hennig, der sonst als Meister der Bilder für PokerToday dreimal jährlich um den Globus jettet, wurde von einer bösen Erkältung aus der Bahn geworfen. Respekt vor unserem Falken und seinem Hang zur Schlaflosigkeit. Junge Menschen sind belastbar und in ihrer Schaffenskraft quasi unbezwingbar. Deutlich belastbarer als die Frontpartie des dicken Wagens meines Freundes und Sicherheitsberaters Herrn M. Die Frontpartie zerschellte am arglistig aufgestellten Sichtschutzzaun des „Laufhaus Baden“. Unterwegs in dienstlicher Mission und ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn die Kolumne schon „Baden – In the Heat of the Night“ heißt, soll der Leser auch erfahren, was man wirklich alles erleben kann in den Badener Nächten. Niemand wurde verletzt, Laufhaus und Parkplatz stehen noch. Die Mädchen sind mit dem Schrecken und ohne unser Geld davongekommen. Wahrscheinlich ist es trotzdem die teuerste Kolumne meiner großartigen Karriere. Mit viel Glück schummle ich den Beleg in meine nächste Spesenabrechnung, oder ich muss Überstunden schieben als der Assistent  von Tobias Falke. Man wird sehen. Jedenfalls wünsche ich viel Vergnügen mit meiner schonungslosen Kolumne.

Vor fünf Jahren wurde elfmal auf den Türsteher der Diskothek „Club 2“ geschossen. Mit den ganz bösen Hohlspitzgeschoßen. Sechsmal wurde er getroffen und überlebt hat er trotzdem, im Gegensatz zur Diskothek. Das zweitspannendste in der Badener Justizhistorie war dann schon der Vorfall vom letzten Jahr. Niki Jedlicka plus Anhang marschieren ins Hotelzimmer von Maximilian A. in der Trojaner-Affäre. Spätestens dann folgt schon unser Unfall auf dem Laufhaus-Parkplatz. Sonst ist Baden wohl die verschlafenste Kleinstadt südlich von Wien. Trachtengeschäfte dominieren die Fußgängerzone. Man trägt Perlenketten und gestreifte Blusen. Joggende Ärzteehefrauen joggen sich die Pfirsichhaut von den Schenkeln und alles ist so unheimlich sauber und gekehrt, dass man sich für jedes achtlos herumliegende Herbstblatt schämt. Sogar die Hunde sind alle frisch gekämmt und tragen Markenhundemäntel. Der Bahnhof, sonst in jeder Stadt ein verlässlicher Treffpunkt der Gestrandeten und zu kurz Gekommenen des Lebens, ist ähnlich adrett und hygienisch rein. Ein Bahnhofskaffee gibt es nicht, nur einen Bäcker und im appetitlich ausgeleuchteten Durchgang zur anderen Seite tummelt sich der Teil der Jugend, denen es in den Villen der Eltern zu langweilig war. Man raucht Muratti mit Filter, trägt Burberry, Lacoste und Moncler. „Murat, lass den Herren doch bitte vorbeigehen“ sagt die junge Dame mit dem Bundfaltenrock. Murat ist wohl der Bahnhofstürke und auch der ist so verdammt höflich und zuvorkommend, wie man nur sein kann, wenn der Vater als Neurochirurg tätig ist und die Mutter bei UNO arbeitet.  

Zwei Minuten entfernt vom Bahnhof in der Vöslauerstrasse 4 liegt die „Tomate“. Das wohl kultigste aller Badener Lokale. Seit gefühlten dreißig Jahren geöffnet und seit eben diesen dreißig Jahren immer wieder liebevoll im besten Kneipenbarock mit diversen Möbelstücken und Lampen ausgestattet. Der Altersschnitt liegt mittlerweile leicht jenseits meiner Wahrnehmung, aber dem ambitionierten Pokerspieler mit Hang zur Gemütlichkeit nach Feierabend, kann ich dieses Lokal mit gutem Gewissen ans Herz legen. Bis 2.30 Uhr ist werktags geöffnet, für Badener Verhältnisse geradezu verrucht lange. Freitag und Samstag geht der Spaß bis 4.00 Uhr früh. Es gibt auch kleine Snacks, unter anderem ein überbackenes Brot mit Prosciutto, diverse Shots und Cocktails (wer´s mag). Für den älteren Herren mit Anspruch gibt es immerhin als Single Malt einen Oban. Tadellos mild und eine faire Alternative zu den üblen Jim Beams und Jack Daniels, die man sich nur mit Verachtung ins Cola kippen kann, wenn man Cola wirklich hasst. Für besonders mutige bleibt noch die „Original ägyptische Sisha“ mit „original ägyptischem Tabak“. Ich traue dem Frieden nicht und bleibe bei meinen Churchills. – In Summe hat die „Tomate“ jedenfalls meine uneingeschränkte Empfehlung für die after Omaha hour. 

Der einsame Pokerspieler mit ausgeprägter Libido und ohne das beneidenswerte Talent des eiligen Herzensbrechers, muss den Weg zu den Geschöpfen der Nacht finden, oder sich in der Askese üben. Der zweiten Gruppe kann ich mangels Erfahrung wenig helfen, dem abenteuerlustigen Nachtschwärmer zumindest einen heißen Tipp geben. Wobei man mit „heißer Tipp“ angesichts der zugigen Örtlichkeit schon zugegeben schwer an der kühlen Wahrheit vorbei schreibt. Es nennt sich  zwar „Laufhaus Baden“, gehört aber zum Ortsgebiet von Möllersdorf (Wiener Straße 193). Mit dem Auto keine fünf Minuten, wer da allerdings zu Fuß hingeht, muss es wirklich nötig haben und kann sich vielleicht einen Treue-Rabat aushandeln. Rumänischkenntnise sind von Vorteil, oder sonst eine der dort gängigen Fremdsprachen. Statt geheizten Gängen, gibt es einen großen diskret abgeschirmten Parkplatz. Von dort geht man hinter einen weiteren diskreten blickdichten Holzzaun, befindet sich aber immer noch unter freiem Himmel. Jedes der Mädchen hat ihr eigenes Appartement, vergleichbar mit den amerikanischen Motels – nur hoffentlich ohne Anthony Perkins. Entweder die Türen öffnen sich und man sieht junge Damen in viel zu knappen Bikinis um Kundschaft abzuschleppen, oder man begnügt sich mit den bunten aufreizenden Fotos an den Türen und folgt der Aufforderung „Bitte anklopfen“. Mit einer jungen Dame kam ich ins Gespräch und weiß jetzt, dass die halbe Stunde mit €80 zu Buche schlägt. Dafür ist da auch einiges dabei. Küssen kann man nicht kaufen. „Küssen wenn sympatico und du große sympatico“ durfte ich noch als Kompliment mitnehmen, bevor ich mich dann auf den Weg machte. Beim raus fahren von diesem diskreten Parkplatz haben wir dann einen sehr diskreten Stützpfeiler des diskreten und blickdichten Holzzaunes mitgenommen. Damit haben wir uns wohl in der Rangliste der Wahl zum „Freier des Jahres 2012“ ganz oben positioniert. Mehr Geld für gar keinen Sex hat dort garantiert noch nie jemand ausgegeben. 

Abschließend meine liebste Lokalität vor Ort, abgesehen vom Casino selbstverständlich. Am Stadtrand von Baden (Tribuswinkel), dort wo sich Burger King und McDonalds gute Nacht sagen, liegt „Das Beisl – Imbissstube“. Man spricht serbisch. Das Menü mit Suppe gibt es bereits zu €4.90. Sonst gibt es Käsekrainer, Frankfurter und Debreziner. Der sommerliche Gastgarten ist über den Winter verbaut. Trautes Neonlicht und ungeklärte Öffnungszeiten machen den Lokalbesuch zum Abenteuer. Diverse gut gekühlte Biersorten, freundliche Bedienung und dieses gewisse „on the road“ Flair runden das gastronomische Erlebnis ab. Jedenfalls meine absolute Top-Empfehlung. Wenn die Kellnerin und der Chef wollen, ist schon mal bis Mitternacht und darüber hinaus öffnet. Wenn es schlecht läuft und die Schwägerin (vom Chef oder von der Kellnerin – das musste bei meinen mangelhaften Serbischkenntnissen ungeklärt bleiben), keine Zeit hat, schließt der Laden schon um 19.00 Uhr. Für den Fall kann man die paar Schritte nach vorne zum Autobahnzubringer machen und den Daumen in die Höhe halten. Irgendeine eine freundliche Badener Arztfrau wird einen schon mitnehmen nach Wien. Wahrscheinlich erzählt sie dann auch vom wilden Nachtleben in Baden. Wenn Sie die Story von den 11 Schüssen auf den Türsteher vom „Club 2“ erwähnt, tun Sie bitte so, als ob sie das gerade zum ersten Mal hören. Vielen Dank.

Götz Schrage 

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