Pokerwien wird überleben – Die Gier der Illegalen – Die eierfreie Dummheit der Pokerspieler

Tristesse trifft es nicht annähernd. Die Stimmung ist bedrückend und desperat. Es war schon oft eng, aber scheinbar war es noch nie so eng wie jetzt. Das eigentliche Thema dieser Kolumne sollte (und wird) die Perspektive für ein mögliches und erzwungenes Abdriften der Pokerszene in die Illegalität sein, aber angesichts der vielen persönlichen Anfragen, will ich dem werten Leser meine Einschätzung der Lage nicht vorenthalten. Der österreichische Weg wird nicht verlassen werden. Statt zu lösen und zu bewältigen, wird hier immer verschoben und verdrängt. Das behindert oft notwendige Entwicklungen, schützt aber auf der anderen Seite, wenn die behördlichen Pferde in die falsche Richtung galoppieren. Mein von Gott, den Frauen und meiner Faulheit abgebrochenes Jura-Studium reicht allemal, um den Pfusch der Pokergegner zu erkennen. Ein konzeptloses Sammelsurium dünner und sich teilweise widersprechender Argumente, versäumter Fristen und kindlich bemühter Tarnversuche von dumpfen Lobbyisten. Ob Peter Zanoni mit seiner Eingabe beim Verfassungsgericht im juristischen Sinne recht hat (und recht bekommt), kann ich nicht beurteilen. Ganz sicher hat er aber nicht unrecht und als angelernter Österreicher weiß ich, was dann passieren wird. Es wird nicht erlaubt, aber es wird auch nicht geahndet. Kein privater Cardroom darf ab dem 1.1.2013 mehr offen haben, aber es wird auch kein privater Cardroom von den Behörden geschlossen. Irgendwo auf irgendeinem Schreibtisch wird irgendein Akt verstauben und alles geht weiter wie bisher. In Österreich werden Probleme wie erwähnt nicht gelöst. Wenn man etwas grundsätzlich entscheidet, macht man sich vielleicht einen Feind oder zwei und wer braucht das schon. In Österreich wird in solchen Situation einfach irgendwie „weiter gewurschtelt“. Manche Österreicher schämen sich dafür. Völlig grundlos wie ich meine. Wien bleibt die europäische Poker-Hauptstadt. Wer seine Koffer bereits gepackt hat, kann diese wieder auspacken. Alles geht weiter wie bisher. 

Nach diesem vom praktischen Arzt verordneten kleinen Mutmacher für den nervösen Pokerspieler, komme ich zum hypothetisch angedrohten Szenario der neuen Pokerillegalität. Wenn Peter Zanoni meint, dass die Pokerspieler bei der Totalschließung wieder zurück in die Illegalität der Hinterzimmer abwandern würden, so wird er wohl recht haben. Endlich ein Themengebiet, bei dem ich als Kolumnist mich wirklich auskenne und mich mit einigem Recht als führender Experte sehe, wenn es um Fragen geht wie: Können Gangster den Floorman geben? Und ist mein Jackpot-Euro im Puff sicher angelegt? Früher war alles viel besser. Da hatten die kleinen (und mittelgroßen) Halbweltler noch entsprechende Klasse und Weitblick. Da war der Kunde zwar auch schon Freier und kein König, aber man hat die langfristigen Gesetze des Marktes verstanden. Wenn ich illegal etwas anbiete, was woanders halbwegs erlaubt ist, muss ich die Regler beim Service nach oben und beim Preis nach unten fahren. Bedenkliche Boxen von Bose direkt nächtens am Casino-Parkplatz vom Lastwagen verkauft kosteten nun mal knapp 60% vom Neupreis (wie man mir seinerzeit erzählt hat).Heute würde ich annehmen, vom Lastwagen kosten sie 20% mehr als bei Saturn. Die Halbwelt ist noch gieriger geworden. Unschlau war sie schon immer. 

Ich habe sie noch gekannt, die legendären echten Hinterzimmer. Geld wurde von den Betreibern genug verdient. Man nannte es „Lichtgeld“ oder was auch immer, aber es war deutlich fairer und günstiger, als bei den realen Anbietern. Für die angedrohte neue Illegalität (an deren Notwendigkeit ich nicht glaube)  erwarte ich leider genau das Gegenteil. Die Kiste unter dem Schlitz des Tisches wird nicht reichen. Wahrscheinlich legen sie gleich Kanäle nach unten in den Geldspeicher. Und nach der halbwarmen Beschimpfung der Halbwelt gibt es jetzt die volle Breitseite für den Pokerspieler an sich, der ja (Copyright: Eddy Scharf) als „eierloses Wesen“ durch die Casinos wandelt. Niemand ist ein leichteres Opfer. Selbst Junkies auf turkey wahren eine Restwürde und sind vielleicht einmal bereit aus temporärer Not das Vierfache für den halb so guten Stoff zu bezahlen. Der Pokerspieler wehrt sich nie, bringt den Mund nicht auf und ist unter allen Konsumenten der schwächste, wenn es darum geht sich für seine Interessen einzusetzen. Waffenlose Ego-Shooter mit Sozialphobie und Rückgrat aus Pappmaschee. Quasi Opfer seit dem ersten Buy-in, und daran wird sich auch nichts ändern. Die privaten Cardrooms greifen wahrlich tief genug in die Pots, bei den Illegalen wird das nicht besser werden. Ganz im Gegenteil. Eigentlich hätten es – um bei meinem düsteren Bild zu bleiben – die Pokerspieler gar nicht verdient gerettet zu werden. Als evolutionäre Fehlbildung wären wir schon längst zurück in der Ursuppe versunken. Peter Zanoni und seine Anwälte werden trotzdem dafür sorgen, dass Wien offen bleibt. Darum mache ich mir keine Sorgen. Um die Pokerspieler mache ich mir auch keine  Sorgen. –  Die habe ich bereits aufgegeben. 

Götz Schrage 

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