Mein mutloser Anwalt – Die dumme Rake-Erhöhung – Tipp den Dealer und ignoriere die Razzia

Kürzlich saß ich neben meinem Anwalt  – immerhin nicht in Handschellen – und plauderte über dieses und jenes aus der bunten Welt des Pokerns. Die Stimmung in den Wiener Casinos ist sonderbar angespannt und definitiv deutlich in zwei Lager geteilt. Einerseits die Optimisten, zu denen ich mich immer noch zähle, und dann die steigende Zahl der verzweifelten und mutlosen Veteranen, die an gar nichts mehr glauben. Das Unvorstellbare scheint manchen plötzlich vorstellbar. Aus, Schluss und vorbei zum Jahreswechsel. Wien als pokerfreie Zone. Rette sich wer kann und wer jetzt noch keinen Job in der Slowakei oder in Tschechien hat muss wohl wieder zurück ins Taxi, aber bitte diesmal vorne links statt hinten auf der Rückbank zu lümmeln. „Viel zu spät kommt der Gang zum Verfassungsgerichtshof“ sagt der eine und „auch das beschleunigte Verfahren wird ein Jahr zu lang dauern“ sagt der andere. Mein Anwalt sagt: „Am 1. Januar möchte ich auf keinen Fall im Casino sein, wenn die Finanz einmarschiert.“ Ich sage: „Danke für die Inspiration“, und beschließe den 1.Januar selbstverständlich im Casino zu verbringen  – schon aus journalistischer Neugier – und vielleicht brauche ich auch einen neuen Anwalt, weil wer sich vor der Finanzpolizei fürchtet, kann mir auch nicht helfen, wenn ich mal Hilfe brauchen sollte. 

Man hört so einiges. Skurriles, Depressives, Schrulliges und Absurdes. Etwa von einem Spieler, der seit mehr als zwanzig Jahren in suiziden Fantasien schwelgt: „Wenn das Geld weg ist, bin ich auch weg“. Bei Verlust eines Pots: „Mir ist es sowieso egal, weil wo ich hingehe, gibt es keinen Bankomaten“ und das drohende: „Dich kann ich auch gerne mitnehmen“. Paradoxerweise und gar nicht im sinnhaften Einklang die aktuelle Variation: „Wenn die Casinos zusperren, können sie mich auch gleich eingraben“.  – Junge Floorleute, die sonst den Mund kaum zum grüßen aufkriegen, geben mir plötzlich die Hand, weil sie irrtümlicherweise glauben, ein Anruf von mir würde reichen, und schon könnten sie als Turnierdirektor im Kings Casino oder in Nova Gorica anfangen. Besonders gut gefallen hat mir das aufgeschnappte Zitat eines wirklichen Insiders: „Von allen Opportunisten und Ja-Sagern, die der Zanoni bezahlt hat ihm der dümmste wohl genau jetzt zu einer Rake-Erhöhung geraten.“ – Nun ja, ich will mich da gar nicht verstecken hinter anonymen Informanten. Ich sehe das genauso und hätte es nur anders formuliert. Wesentlich böser selbstverständlich. In schweren Zeiten braucht man die Solidarität aller, und diese komplett unangebrachte Rake-Erhöhung, ist wohl das falsche Signal zur falschen Zeit. Hätten die Mitarbeiter, die es besser wissen müssten, den entsprechenden Mut, den man für die Gage haben müsste, müssten sie ihrem Chef den verheerenden Eindruck vermitteln, der selbstverschuldet erweckt wurde. Noch schnell abkassieren, bevor dicht gemacht wird und solange nicht 100% vom Pot versenkt werden, werden die Spieler wohl sitzen bleiben. Abschließend zu dem Thema noch ein paar Worte zum dealenden Personal. Die können ja definitiv nichts dafür und haben auch nicht den geringsten Einfluss. Spieler, die glauben, es sei korrekt diese unerträgliche Rake-Erhöhung beim Trinkgeld einzusparen, liegen natürlich falsch. Die These, man macht Druck auf die Dealer und die geben den Druck wiederum nach oben weiter, funktioniert nun mal nicht im Gefüge der Casinos. Solange man als Dealer immer noch deutlich mehr als ein Regalschlichter im Supermarkt verdient, wird es an Personal nicht mangeln. 

Doch zurück zu meinem mutlosen Anwalt. Wie bereits erwähnt, wenn man mich nach dieser Kolumne noch lässt, werde ich den 1.Januar im Concord Card Casino verbringen. Ich leite ja meine Absätze gerne mit einem kleinen Scherz ein, aber ausnahmsweise war dieses lässig eingeflochtene „wenn man mich noch lässt“ keineswegs ohne realen Bezug. Die Akzeptanz von kritischem Journalismus in den Führungsetagen der Cardrooms ist noch dezent ausbaufähig und ist mit freiem Auge nicht immer vom nordkoreanischen Ansatz zu unterscheiden.  – Hatte ich bereits erwähnt, dass ich den 1.Januar im Concord Card Casino verbringen werde? Eine mögliche, aber nach meiner optimistischen Haltung nicht zu erwartende Razzia möchte ich mir nicht entgehen lassen. Es wäre selbstverständlich nicht meine erste und hoffentlich auch nicht meine letzte derartige Veranstaltung. Wer noch keine Razzia erlebt hat, hat sein Pokerleben nicht wirklich gelebt.  In der Regel sind die Beamten durchaus höflich. Erinnerlich sind mir noch die personellen Unverhältnismäßigkeiten. Bei dreißig aktiven Spielern muss man schon mit hundert Mann rechnen. Zivilpolizisten, Uniformierte, Eingreiftruppen, Hundeführer, Sozialarbeiter, Hygienebeauftrage, und was es sonst noch so gibt im Beamtenparadies Österreich. Das Ganze geht immer sehr gesittet zu und als Spieler muss man maximal seine Personalien angeben. Auch seine Chips kann man für den Fall in Bargeld wechseln, es dauert nur ein Weilchen länger. Alles keine große Sache und vom Erlebniswert unverzichtbar.  – Generell bleibe ich bei meinem Optimismus. Besonders die folgende Passage aus der Übergangsbestimmung des Glücksspielgesetzes macht mir Mut. 

 

 

Man kann von unserer Passion halten was man will, aber zwischen Roulette, Two Aces und Keno, hat Pokern aber auch gar nichts verloren. Wenn der Bundesminister für Finanzen da auch nur einen Amtssachverständigen mit Sachverstand nominiert, wird am Ende der Expertise eine für uns vorteilhafte Differenzierung stehen. Poker und Roulette in einem gerichtlich beeideten Atemzug zu nennen, ist einfach absurd. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man da von Amts wegen Betriebe mit hunderten Arbeitsplätzen schließen wird, um dann unter Umständen berechtigte Regressforderungen der Cardroom-Betreiber zu riskieren. Ich glaube, es wird passieren, was in Österreich so oft passiert – siehe Nichtraucherverordnung – Poker spielen wird in Cardrooms ab 1.1. 2013 strengstens verboten, aber wenn man dem zuwiderhandelt, wird es auch egal sein. Das ist der bewährte österreichische Weg mit komplizierten Problemen umzugehen und den wird man hoffentlich auch diesmal nicht verlassen.  – In diesem Sinne lasst uns den Glauben nicht verlieren. Man sieht sich an den Tischen und immer brav die Dealer tippen. Dankeschön! 

Götz Schrage 

 

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