Liaisons Dangereuse – Beschaffungskriminalität und Elend – Bannfluch für Automaten

Altersstarrsinn, Übermut und eine eben abgeschlossene Rechtsschutzversicherung lassen mich die folgenden Zeilen schreiben. Und wenn man schon an mutigen Texten bastelt, sollte man sich gleich im ersten Absatz möglichst eine Menge an mächtigen Feinden machen. Kurz und knapp, Spielautomaten zerstören Tag und Nacht Existenzen, machen in kurzer Zeit schwer süchtig und gehören sofort und ersatzlos verboten! Ganze Straßen verelenden und die Beschaffungskriminalität von Spielsüchtigen wird zunehmend zum spürbaren Problem. Die Politik ist entweder zu feige, oder zu sehr in dunklen Abhängigkeiten, als dass sie es ernsthaft wagen würde, sich mit den mächtigen „Glücksspielkonzernen“, die man eigentlich ungestraft in „Unglücksspielkonzerne“ umtaufen müsste, anzulegen.  – Das war übrigens noch keineswegs der „mutige“ Teil. Alles was ich bisher geschrieben habe sind simple Weisheiten, die wohl von keinem vernünftigen Menschen bestritten werden. Der mutige Teil kommt jetzt, wenn wir Poker als akzeptablen Teil unserer Gegenwartskultur etablieren wollen, müssen wir uns radikal distanzieren  von der Automatenindustrie. Für den gestandenen Pokerspieler sicher kein Problem. Sollen doch die blinkenden Dinger in der Casinoecke auf die nächste Deponie gekippt werden. Wen interessiert das? – Allerdings für die Betreiber das absolute Tabu. Da herrscht sicher eher das Denken: Was heute gutes Geld bringt, ist gut für das Unternehmen. Wer dagegen anschreibt ist mein Feind. 

Nun, kurzfristig mag das auch stimmen. Vielleicht sogar mittelfristig und es ist ja nicht die Schuld der Casinobetreiber, dass die Unternehmen seit zwanzig Jahren immer wieder in ihrem Bestand bedroht wurden und gerade aktuell in Österreich wieder sehr auf der Kippe stehen. Langfristige Strategien bräuchten auch langfristige Rechtssicherheit und solange die nicht gegeben ist, wird jeder Betreiber immer alles mitnehmen, was sich eben noch mitnehmen lässt und das lässt sich auch durchaus nachvollziehen. Trotzdem sei doch das Gedankenexperiment erlaubt: Um wie viel besser stände man argumentativ da, wenn sich die Welt des Pokerns strikt vom Hades der Automatenwelt distanzieren würde? Wer seinen unternehmerischen Fokus auf die 52 Karten liegt, muss doch alles verhindern, was das Image des Kernproduktes beschädigt. Poker lässt sich wunderbar argumentieren. Auch in der Diskussion mit grundsätzlich sehr kritisch eingestellten Menschen, gelingt es mir immer wieder zumindest die starre Ablehnung ein wenig ins Wanken zu bringen. Poker fördert das multikulturelle Miteinander. Hilft einem soziale Stärke zu entwickeln. Sorgt dafür, dass wir uns freiwillig mit angewandter Mathematik beschäftigen und lehrt uns, dass es langfristig Sinn macht mit Disziplin und Akribie an eine Sache heranzugehen. Ferner lernt man zwangsläufig mit Rückschlägen und Niederlagen umzugehen ohne sich und sein Tun gleich grundsätzlich in Frage zu stellen. – Das Automatenspiel fördert nur dreimal dasselbe kleine „k“. Es macht dein Leben kaputt. Es macht deine Familie kaputt. Es macht deinen Kopf kaputt. Und wenn du viel Glück hast, bekommst du mildernde Umstände nachdem sie dich mit der „eisernen Kreditkarte“ beim Bankschalter erwischt haben. Schließlich hat sogar die behäbige Justiz inzwischen das Automatenspiel als krankhafte Sucht erkannt und berücksichtigt das auch durchaus im Strafmaß unter Auflagen von therapeutischen Maßnahmen. 

Persönlich will ich mal ganz ehrlich sein und eine Kleinbeichte ablegen. Ich selbst habe das Problem massiv unterschätzt. Einfach, weil mir die Automaten so fern sind und sich deren Reiz für mich so gar nicht erschließt. Ich muss auch zugeben, dass es Zeiten gab, wo ich indirekt Profiteur der suchtkranken Zocker war. Bevor das irgendjemand  Kluger in die Kommentare schreibt, ja es stimmt, ich habe in früherer Zeit durchaus für Leute gearbeitet, die selbst Aufsteller waren. Bin sogar mitgefahren von Kaffeehaus zu Kaffeehaus und habe an der Bar gestanden um aufzupassen, während im Hinterzimmer die Kassen geleert wurden. Gedankenlos und vielleicht ein Stück weit auch uninformiert. Heute gelten diese Ausreden nicht mehr. Heute weiß man, Automaten zerstören Existenzen und es gibt keinen ROI. Es gibt keinen sekundären Vorteil und keinen versteckten Benefit. Schmeiß Münzen in den Automaten und du bist auf dem schlimmsten Weg dein Leben wegzuschmeißen. Mehr gibt es dazu nicht zusagen. Alle die Poker lieben, alle die mit Poker ihren Lebensunterhalt verdienen, sollten danach trachten auf Distanz zu gehen. Wer sich mit den Hunden bettet, muss sich maximal vor Flöhen fürchten. Wer mit der Automatenindustrie kuschelt, muss um seine Glaubwürdigkeit fürchten und schwächt sein Standing massiv, wenn es um Fragen wie Spielerschutz und „reponsible gaming“ geht. Die Politik mag zwar nicht immer dem Volk aufs Maul schauen (und dem Pokervolk schon gar nicht), aber es kann nicht schaden im persönlichen Gespräch immer und immer Poker als etwas eigenständiges zu erklären. Vielleicht sogar als kleine lässliche Sünde, doch weit weg von den geradezu satanischen Verführungen, die es eben sonst noch gibt. Ich erkläre den Unterschied ganz gerne mit einem Beispiel aus der Drogenwelt. Automaten stehen dabei für Crack oder Crystal Meth und Poker steht schlimmstenfalls für ein kleines Säckchen Gras, welches man sieben Jahre im Handschuhfach vergessen hat (und die Sommer waren sehr heiß). Zugegeben, immer noch ein wenig illegal, aber wohl kaum weiter gefährlich. Quasi ein klein wenig ähnlich dem aktuellen Pokerstatus. – Hoffen wir, dass der sich zum Guten wendet und wenden wir uns ab von der üblen Automatenindustrie. Die passt nicht zu uns und darauf sollten wir stolz sein. Alle miteinander! 

 Götz Schrage

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