Lernen vom ältesten Gewerbe – Mythen in Tüten – Eine düstere Analyse der Onlinewelt

Die Luft ist ein wenig draußen. Ohne Luft geht gar nichts und ohne Mut kommt man auch nicht weit. Ich vermisse diesen Optimismus in der Branche. Diesen Drang nach oben. Es fährt ein Zug ins Pokerglück und ich möchte wieder mal dabei sein. Habe ich eigentlich schon die Geschichte erzählt von der verlorenen Paysafe-Karte? Egal, doppelt hält besser. Ich hole mir auf der Tanke um 4.00 Uhr in der Nacht zwei ofenfrische Croissants, ein kleines Glas Nutella und eine Paysafe-Karte im Wert von €50. Am nächsten Morgen ist die Karte weg und mir ist es egal. Hauptsache der Rest ist da. Wenn man schon so dämlich ist von drei Dingen eines am Weg nach Hause zu verlieren, muss man wenigstens das Talent haben, das richtige zu retten. Das Croissant konnte mir keiner nehmen und die umgewandelten Online-Dollar wären ohnedies gnadenlos weg gewesen. So rum war es besser irgendwie und das ist wohl mehr als nur ein kleiner düsterer Gedanke. 

Vielleicht muss man sich was Neues einfallen lassen. Nicht wegen mir, ich habe meinen Teil vom Kuchen über drei wirklich gute Online-Jahre bekommen. Damals, als das Jahrtausend noch frisch war und die Schecks reichlich kamen von zum Teil verloren gegangenen Anbietern wie PokerRoom, Planet-Poker, Victor Chandler, Paradies-Poker u.v.a. Alle hatten damals haarsträubend leicht zu spielende Limit $10/20 Holdem Partien. Aber um es mit Floorman Falco zu sagen: „Was vorbei ist, ist vorbei Baby Blue.“  Ausnahmsweise bin ich mal nicht wichtig, ausnahmsweise sind mir all die jungen Menschen um mich herum viel wichtiger. Aber es nutzt nichts, die sind noch viel mutloser als ich und ich weiß nicht warum? Für die große weite Welt war vielleicht Chris Moenymaker und sein WSOP Main Event Titel der Beginn der goldenen Online-Ära. In meinem gar nicht so kleinen Biotop waren die kleinen Helden, die mit zehn Dollar begannen und daraus wirklich richtige Kohle machten wesentlich bedeutender. Man kannte wen persönlich, man konnte den Aufstieg hautnah erleben und sich mitfreuen und manchmal auch mitfeiern. Sieger sehen nicht viel anders aus als man selber und man kann sie anfassen und dann erst dann glaubt man es wirklich. 

Die Dichte an schlauen Betreibern in den realen Cardrooms scheint nicht besonders groß zu sein. Der Dumme mit dem kurzen Denken meint wohl immer noch das Ideal im Suchtspieler mit Kontrollverlust zu sehen, der alles Geld in den Schlitz stopft und regelmäßig gewaschen und geföhnt die Stätte der Niederlage verlässt, um sein restliches Leben in Trümmern zu sehen. Ich war dabei in den goldenen Zeiten und ich kenne den Wert der scheinbar kleinen und wahren Aufstiegslegenden. Wenn sich der Lowroller in einer besonderen Nacht von unten nach oben arbeitet, um dann mit einer fetten Summe am höchsten Tisch im Morgengrauen nach Hause zu fahren. Drei Nächte später war das große Geld dann wieder verbraten, aber es blieben noch die Tage dazwischen und es war noch Zeit den Uhrmacher des Vertrauens zu besuchen. Die Submariner mit dem teilgoldenen Armband funkelte dann wieder im Low-Limit Bereich. Als kleine Erinnerung an den großen Lauf und den besten Werbeträger, den sich ein Casino nur wünschen konnte. 

Der Spezies der Rakeback-Ritter muss man eingeschränkt durchaus Respekt zollen, auch wenn ich oft meine bösen Witze gemacht habe (und wohl weiter machen werde). Allerdings als Heroen und Lichtgestalten taugen sie nur wenig. Schließlich riecht das multitablen im Low-Limit Bereich bestenfalls nach akzeptabler Arbeit und nicht nach wunderbarem, freien Pokerleben. Vielleicht muss man sich nach neuen anderen Mythen umsehen. Vielleicht muss man die Geschichte des Pokererfolges anders und neu erzählen, weil es gibt immer eine Art eine ewige alte Story neu zu erzählen und wenn schon geflunkert wird, dann bitte mit mehr Kreativität. Manche meiner treuen „hater“ prügeln mir ja die Vergleiche aus dem ältesten Gewerbe der Welt in der Kommentarfunktion um die Ohren. An mir prallt das gewöhnlich ab, weil es wird schon einen Grund haben, warum es diesen Ehrentitel „ältestes Gewerbe“ führen darf. Kürzlich hörte ich eine großartige Story aus einem Vorstadtpuff mittlerer Güte. Dort arbeitet seit kurzem eine neue Anbieterin. Nicht ganz jung, nicht ganz dünn und wahrscheinlich nicht einmal ganz wirklich blond, aber sie hat ein unwahrscheinliches Talent sich zu vermarkten. Als angebliche ehemalige dänische Polizistin, deren Ehemann bei einem gemeinsam Einsatz erschossen wurde, bietet sie jetzt ihre horizontalen Dienste: „weil ich auch als Witwe nicht ganz auf Sex verzichten möchte.“

Großartig. Marketing Eins Plus. Eine ehemalige Polizistin vögeln und dabei noch bei der Trauerarbeit helfen. Freierherz, was willst du mehr? Die perfekte Illusion und niemand nimmt Schaden. Wer es nicht glauben kann, der bekommt das Übliche, wer es glauben kann, hat ein Erlebnis der Sonderklasse. Vielleicht können sich die Werbeabteilungen der größeren Anbieter da ein kleines Kreativstück abschneiden. Es kann doch nicht sein, dass alle nur auf PokerStars starren, die definitiv wissen, wie es geht und dass all den anderen so wenig einfällt, wie es aktuell den Anschein hat. Bin auch gerne bereit, den ehrenamtlichen Headhunter zu machen. Wegen der dänischen Politesse kann ich allerdings nicht zuviel versprechen. Glaube, die verdient recht gut in ihrem aktuellen Job, aber ich werde mich bemühen und wenn es wirklich sein muss und der guten Pokersache dient, kümmere ich mich dann persönlich um die anfallende weitere Trauerarbeit.

Götz Schrage 

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