Eine verdiente Laudatio – Poker Stuff Person Of The Year 2013 – Der Kämpfer und die Dealerin

 

Heute gibt es mal wieder einen Text frisch vom Herzen geschrieben. Eine hochverdiente Laudatio, die schon längst überfällig ist, und für die sich wohl außer mir keiner finden wird, der das mit ähnlich aufrichtigem Respekt formulieren wird können. In hunderten semilegalen und illegalen Pokerrunden arbeiten Kartengeber unter widrigsten Umständen und versuchen für einen halbwegs regelkonformen Ablauf des Spielgeschehens zu sorgen. Kleine Kämpfer für die gute Pokersache. Die Zukunft unserer liebsten Passion entscheidet sich keineswegs bei den großen Events und Highroller-Runden. Es gibt keinen zweiten ersten Eindruck und für den sorgen die Dealer in den Pokerkellern und Hinterzimmern und die tun das meist mit exzellentem Engagement. – Einmal im Jahr werden die „European Poker Awards“ vergeben. Vom „Player of the Year“ über die „Europe Leading Lady“ bis eben zur „Poker staff person of the year“. Wenn es nach mir geht, ist die Frage, wer denn diesen Award für 2013 verdient hat, bereits geklärt. Aber mich wird man nicht fragen. Pokale und Medaillen habe ich auch keine im Gepäck, nur diese kleine Kolumne. Allerdings kommt die  – wie eingangs bereits erwähnt – frisch vom Herzen. Immerhin. 

Kellerlokal. Man trägt Kutte,Lederjacke und man fährt schwere Motorräder. Das Licht ist mehr als nur ein wenig gedämpft. Blickdichte Rauchschwaden verdrängen den Restsauerstoff. Wer atmet ist selber schuld und wer die Wertigkeit der Chips angesichts der Düsternis nicht lesen kann, setzt einfach nach Gewicht und aus dem Handgelenk. Es ist ein Pokerturnier angesagt, quasi Tag der offenen Tür und wenn sich solche Jungs mal entschließen ihren gastfreundlichen Tag zu haben, dann sind sie es auch wirklich. Der Türsteher grüßt ebenfalls freundlich und der Cheforganisator wollte fast eine Bounty auf mich aussetzen. Das habe ich dann doch abgelehnt, weil wenn das mit der Jagd auf mich falsch verstanden würde, hätte ich wohl ein Problem. Die zwei Pokertische sind im Hinterzimmer der verwinkelten Gruft aufgebaut. Kein Spieler ist alleine. Die Entourage gehört dazu und ist voll dabei. Jeder gewonnene Pot, ja jeder gelungene Move wird gefeiert und abgeklatscht und wenn zwei Hundertkilomänner abklatschen dann wackelt der Fußboden. Für einen Moment  verwirbeln dann die Rauchschwaden und man kann die Scheinwerfer an der Deck erkennen. Die Dealerin tut was sie kann, um einen geregelten Spielablauf zu gewährleisten und sie macht ihre Sache wirklich gut. Beharrlich strukturiert in der Arbeit, ohne viel zu erläutern oder gar zu erklären. Floorman gibt es keinen und Security selbstverständlich auch nicht. Wahrscheinlich gäbe es auch europaweit keine, die sich da durchsetzen könnte und die Blackwater-Jungs sind ja immer noch im Irak und haben ihre eigenen Probleme. Die Dealerin ist also im Endeffekt auf sich alleine gestellt und dass sie das angesichts des charmanten Chaos so großartig abwickelt, würde ja schon für sich eine Nominierung für die „Poker staff person of the year 2013“ rechtfertigen.  – Aber das ist nur der Anfang der Geschichte.

Irgendwann war Pause und alles drängte zur ohnedies bereits schwer überbelegten Bar. Statt „Dinner-Break“ eine ausgiebige „Wodka-Red Bull-Break“. Fast würde man meinen, das Turnier würde angesichts der Feierlaune in Vergessenheit geraten, aber zu meiner Verblüffung hörte man durchaus die Gespräche, die man immer so hört über Karten, verfehlte Draws und schlechte Calls. Und so ging es dann doch zurück an die Tische. Chipleader ein Mann, von dem man erzählt, dass er seit 18 Jahren keinen Kampf verloren hat, aber schnelle und starke Hände sind auch beim Pokern kein Nachteil, garantieren aber keineswegs das Überleben. So kam es, wie es kommen musste. Zwei Limits später „all-in“ – „all-in“. Der Kämpfer steht vor dem River auf – ganz wie es sich gehört – verliert den Pot, setzt sich wieder hin, nimmt sich von seinem Nachbarn einen Stapel Chips im Turnierwert von 3000 und wartet auf die nächste Austeilung. Die Dealerin stutzt, ignoriert die Chipübergabe und verteilt regelkonform Karten an alle, die noch im Turnier sind. „Moment Prinzessin, du hast mich vergessen!“ „Ich habe sie nicht vergessen, sie sind aus dem Turnier ausgeschieden. Tut mir leid“.  – Jetzt meldet sich der Nachbar zu Wort, also der Junge dem die 3000 jetzt eigentlich fehlen müssten: „Du verstehst das nicht. Das ist schon in Ordnung mit den 3000. Die hat er mir ja vor der Pause gegeben, wie ich wenig hatte. Ich zahle sie ja jetzt nur zurück.“ Das ganze wirklich und zweifelsfrei mit reinem Herzen vorgetragen und ohne jedes Gefühl vielleicht gegen Turnierregeln verstoßen zu haben. Unbeirrt die Dealerin: „Tut mir leid, der Herr ist aus dem Turnier ausgeschieden. Chips herleihen gibt es einmal gar nicht. Das habe ich nicht gesehen. Fest steht er bekommt keine Karten.“ Der unbesiegte Kämpfer: „Aber er gibt mir nur zurück, was ich ihm gegeben habe. Ich versteh das nicht. Da hat ja sicher niemand was dagegen.“ – Da beginnt ein Murmeln am Tisch. 1000 Kilo Kuttenträger nicken und stimmen zu: „Das geht schon“. „Gib ihm Karten.“ „Kein Problem“. „Für mich in Ordnung“. Inzwischen hatten alle ihre Hand entsorgt. Die begonnene Partie mutierte somit zwangsläufig zum Missdeal, weil wirklich keiner mehr auch nur eine Karte in der Hand hielt. Die Dealerin mischte neuerlich und besonders gründlich. Man hätte fast eine Stecknadel fallen hören können oder zumindest ein Butterfly-Messer (aber das ganz sicher). Die Dealerin überprüfte die korrekten Blinds, montierte die Schneidekarte unter dem Päckchen und begann zu dealen. Platz1, Platz2, Platz3 – auf Platz4 kampfbereit der Kämpfer ohne Niederlage mit 3000 in Chips. Die  zarte Dealerin die Karte in der Hand „ready for pitch“ hält einen Moment inne und sagt: „Ich erkläre es jetzt noch einmal. Sie sind aus dem Turnier ausgeschieden und bekommen keine Karten. Bitte geben Sie ihrem Nachbarn die Chips zurück“.  – Und der Kämpfer ohne jedwede Routine beim Verlieren wusste, dass es sich für heute erledigt hatte, nickte kurz und verließ den Spieltisch. Hätte ich mehr Mut, als ich ohnedies zu haben pflege, hätte ich wohl laut geklatscht. So schreibe ich diese kleine Kolumne. Das macht zwar mehr Arbeit, als klatschen, wird aber dem Anlass ein Stückchen mehr gerecht.  – Ein fettes RESPEKT gibt es noch als Dessert dazu.

Götz Schrage 

 

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