Dümmer als die Polizei erlaubt – Der tiefe Fall des Daniel D. – Auf der Suche nach einer Erklärung

Wenn ein ehemaliger Pokermanager auf der Flucht zu sein scheint, wird das Bemühen der Unschuldsvermutung zur Standardfloskel. Seit Wochen wird bereits hinter streng vorgehaltener Hand getuschelt, aber keiner von uns wollte diese abstruse Story so recht glauben. Jetzt ist die Bombe öffentlich geplatzt. Die Kollegen von Pokerpanorama.com haben als erstes darüber berichtet.  Daniel D. wird in Kürze zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Für die Staatsanwaltschaft ist der ehemalige Floorman vom Poker Royale Wiener Neustadt/Kufstein und kurzzeitige Mitarbeiter vom Hot Casino Wels unerreichbar. Dabei bestünde für Daniel D. erhöhter Erklärungsbedarf. Vielleicht ist er ja so vernünftig und stellt sich den Behörden. Immerhin hätte er ein schlagkräftiges Argument auf seiner Seite. Die mögliche Tatbegehung ist von so einer unreifen Dummheit, dass kein routinierter Insider so viele Fehler machen sollte. Wenn schon beim ehemaligen Arbeitgeber einbrechen, dann auch richtig. Vielleicht hat Daniel D. das gemacht, was die Pokerspieler „leveln“ nennen, oder er ist einfach dümmer als die Polizei erlaubt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er von eben dieser zur Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft vorgeführt wird. 

 Stille Nacht, heilige Nacht. Das Poker Royale Wiener Neustadt bleibt geschlossen. Die Mitarbeiter feiern andächtig bei ihren Familien, oder lassen es im Nightlife der Kleinstadt ordentlich krachen. Ordentlich krachen lässt es auch jener ungebetene Gast, der die heilige Casinoruhe nicht akzeptieren möchte. Nach etlichen Versuchen, mit einem Bohrer die Tür zu öffnen  – eine Methode, die in Kriminalfilmen (und nur in Kriminalfilmen) so wunderbar zu funktionieren scheint – wird der Modus gewechselt und die Tür einfach eingetreten. Alarmsicherung Fehlanzeige – warum auch bei einem Betrieb, der bis auf die weihnachtliche Auszeit, ohnedies 24 Stunden 7 Tage die Woche in Betrieb ist. Auf der Videoüberwachung sieht man später schemenhaft eine Gestalt, die volle zwei Stunden am Tatort bleibt. Dabei grundlos eine weitere Tür eintritt zu einem ohnedies geöffneten Kassaraum. Selbstverständlich  – und das sollte man als ehemaliger Mitarbeiter wissen – liegt in der Kasse keine größere Summe Geld über die Feiertage – und so bleibt die Beute entsprechend mager.  Zweihundert Cashgame-Chips im Wert von jeweils €10, wobei der Einbrecher drei der Cashgame-Chips auf der Flucht verliert und knappe €300 in Münzen.   Zusammenfassend: Hoher Sachschaden bei geringer Beute. Auf den Videoaufzeichungen war kein Gesicht zu erkennen und abgesehen von der Gewissheit, dass es sich bei dem ungeschickten aber zielstrebigen Einbrecher um einen Insider handeln musste, gibt es keine verwertbaren Spuren. 

Drei Tage später. Eine sympathische junge Dame, die ganz offenkundig zum ersten Mal das Casino besucht, stellt sich diszipliniert bei der Kassa an und möchte Chips wechseln. Ohne eine Hand gespielt zu haben und ohne den Versuch, diese Tatsache auch nur ansatzweise zu tarnen. 197 Stück der €10 Chips holt sie umständlich aus ihrer Tasche und da muss man kein Profiler beim FBI sein, um entsprechend stutzig zu werden. Still und heimlich wird die Polizei verständigt und jene sympathische junge Dame muss sich einer hochnotpeinlichen Befragung unterziehen. Es wird ihr geglaubt. Ihre Geschichte klingt schlüssig, sie scheint somit selbst Opfer zu sein und hat mit der eigentlichen Tat nicht das geringste zu tun. Ihr Bruder – besagter Daniel D., den die Staatsanwaltschaft verständlicherweise so gerne selber befragen möchte — hatte ihr die €1970 in Jetons gegeben. Zum Teil, weil er damit Schulden bei ihr bezahlen wollte, zum Teil auch als Weihnachtsgeschenk der üblen Sorte. Nach einer Vernehmung, die etliche Stunden dauert, darf die junge Dame nach Hause gehen. Die Jetons werden als Beweismittel gesichert und man versucht von Behördenseite irgendwie mit Daniel D. in Kontakt zu treten. Erfolglos. Nach einem Kurzbesuch im Poker Royale Kufstein am 2. Weihnachtstag – diesmal durch die geöffnete Tür – verliert sich  die Spur von Daniel D. irgendwo in Deutschland. Manche ehemalige Kollegen spekulieren über ein Untertauchen in Polen. 

Jetzt erlaube ich mir noch eine persönliche Betrachtung der Ereignisse. Das Casinoleben verwirrt junge Menschen oft mit einer gewissen Nachhaltigkeit. Als Pokermanager habe ich viele kommen und gehen gesehen. Der Großteil des Personals arbeitet korrekt und fleißig, lässt sich nichts zu Schulden kommen, wechselt unter Umständen die Branche und verlässt das Nachtleben so wie er gekommen ist, als untadeliger Dienstleister. Selbstverständlich gibt es auch die Strauchelnden. Diejenigen, die das Gefühl fürs Geld verlieren. Das erste Mal wird richtig Geld verdient und trotzdem verschuldet man sich jeden Monat ein Stück mehr. Die Relationen gehen verloren, die eigene Performance am Spieltisch wird absolut unrealistisch analysiert. Man lernt als Floorman und Pokermanager so viele Spieler mit richtig Geld kennen, dass man bald vergisst wo man herkommt und was man hat. Nach so einer kurzen „Karriere“ ist man meist bis über beide Ohren verschuldet und kann sich nur mit dem Ansehen des Jobs und den monatlichen Vorschüssen über Wasser halten. Wenn man dann noch wie Daniel D. arbeitslos wird, bricht alles zusammen. Gerade noch konnte man mit den Highrollern auf gefühlter Augenhöhe parlieren und plötzlich fehlt das Geld für den kleinen Tisch. Alles keine Ausrede, aber der Versuch einer milden Betrachtung der möglichen Tat. Auch die rohe Gewalt beim Einbruch im Royale Wiener Neustadt spricht eine beklemmende Sprache der Irrationalität. Wenn Daniel D. diese Zeilen lesen sollte, würde ich ihm dringlich raten, sich ehest möglich zu stellen. Es lässt sich alles regeln und für so einen weihnachtlichen Einbruch, eventuell unter entsprechendem Alkoholeinfluss, muss man mit keiner drastischen Strafe rechnen. Sofern man geständig ist und entsprechende Schadenswiedergutmachung zu leisten bereit ist. – Unerklärlich bleibt allerdings die Sache mit der Schwester. Was ihn da möglicherweise geritten haben mag, bleibt rätselhaft. Aber auch da gilt es sich zu stellen, weil mit wegtauchen wird garantiert nichts besser. In diesem Sinne, hoffen wir auf baldige Einsicht von Daniel D. .

Götz Schrage

 

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