Raub-Rake und die Konsequenzen – Gierige Casinos und schwache Spieler – Ein düsterer Abgesang

Ich spiele kaum noch Cashgame, weil es mich seit der letzten Rake-Erhöhung einfach anekelt“. Wie bereits am Ende meiner letzten Kolumne versprochen, hier der Eröffnungssatz meines heutigen Textes. Stehe da im doppelten Sinne zu meinem Wort, so wie es meine Leser und Freunde wohl erwarten. Überraschen werde ich vielleicht mit der Begründung meines Ekels. Es ist die erschreckende Ahnungslosigkeit, das Fehlen von Weitsicht und die Borniertheit der Besitzer, die auf fatale Weise mit der süchtigen Dummheit der Spieler korreliert. Bloß, weil sich der Boom dem Ende neigt, muss man Poker nicht gleich über die Klippe schmeißen. Genau das passiert im Moment. Casinos fahren ihr Geschäft gegen die Wand und kaum einer merkt es, und die wenigen Kompetenten, die es merken, wagen es wohl kaum an relevanter Stelle auszusprechen. Ich mache mir sehr wohl  – ungefragt und wahrscheinlich unbedankt – Gedanken über die weitere Zukunft des Cashgames. 

Das ursächliche Begehren des Pokerspielers ist das Gewinnen. Am liebsten immer und jedes Mal, aber zumindest manchmal braucht man den Sonnenschein des Sieges. Den Gegnern zuzusehen, wie sie Türme von Chips zu Kassa tragen, gehört nicht zum Schlimmsten, was einem Spieler passieren kann. Immerhin, man war dabei, man hat gesehen, dass es geht und man hofft das nächste Mal den süßen Zipfel der Varianz zu erwischen. Die Pervertierung des Pokerns liegt in der kollektiven Niederlage des gesamten Tisches. In den großen Cardrooms mit der Fluktuation einer Bahnhofshalle kann man diesen verheerenden Umstand ganz gut tarnen. In den kleinen Cardrooms, die bei jedem Trend der Dummheit gierig nachziehen, liegt die Wahrheit am grünen Filz und abgesehen von der Wahrheit, liegt mit der Fortdauer des Spieles gar nichts mehr. Die Chips sind im Schlitz und zwar so gut wie alle auf den kleineren Partien. Der Manager des kleinen Cardrooms bekommt wahrscheinlich eine kleine Erektion, wenn er die Kiste ausleert, nicht ahnend, dass er wieder am Ast seines Berufes gesägt hat.

Ich selbst habe kein großes Problem mit dem aktuellen Raub-Rake. So gesehen, war der Eröffnungssatz vielleicht ein klein zu dramatisch formuliert. Mir selber ist es ziemlich egal, wo meine Chips landen. Dieses Jahr feiere ich zwanzig Jahre Casino-Business. Seit 1993 steht mit unsichtbarer Tinte auf allen meinen Geldscheinen „Made by Poker“. Ob als Spieler, Hausspieler, Manager, Veranstalter oder als Journalist und Fotograf. Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit empfinde ich und wenn ich so mit meinen nebbichen €300 am Pokertisch sitze, betrachte ich das von Start weg als kleine Retournierung. Ob linker Schlitz, rechter Schlitz, ob Rake, Jackpot, Garderobengebühr, oder Puffpreise beim kleinen Bier. Ich zahle, lächle und freue mich über mein Leben der letzten zwanzig Jahre. Nur, weil ich langsam älter und ruhiger werde, heißt das nicht, dass ich nahtlos verblöde. Im Gegensatz zu denen, die in Büros Entscheidungen treffen, arbeitet mein Casinoverstand immer noch auf Hochtouren. Keineswegs beiße ich die Hand, die mich füttert, weil mich keiner zu füttern braucht und das wenige was ich brauche, organisiere ich mir auch, wenn morgen alle Casinos dieser Welt zusperren. Meinen Text schreibe ich aus Loyalität zur Sache und weil ich zweifelsfrei weiß was passiert. Ein Pokerspiel, das niemand mehr schlägt, ist mittelfristig zum Aussterben verdammt. Für den klassischen Suchtspieler gibt unser geliebtes Kartenspiel auf lange Sicht nicht genug her. Endorphine und Dopamine bedienen die Rezeptoren an den Automaten und Roulettekesseln deutlich effektiver. 

Kommen wir zur spannenden Frage der Schuld. Ein Unternehmer will den maximalen Profit lukrieren und das ist sein gutes Recht. Ein Unternehmer muss auch nicht groß an die Zukunft denken. Es wäre schön, wenn es so wäre, aber es geht uns Pokerkonsumenten eigentlich nichts an. Schuld ist selbstverständlich der Spieler selbst. Wehrunfähig wie ein kleines Häschen, hypnotisiert von immer sonderbareren Marketingaktionen. Die einst stolze Zunft der Pokerspieler verkommt immer mehr zu einer Herde von Punkte -und Stundensammlern. Aus der kleinen Nettigkeit für nebenbei wurde quasi die letzte verbleibende Option auf das süße Gefühl des Sieges. Der Spieler selbst sagt nichts und tut nichts. Beschimpft und gestraft wird höchstens der Dealer als schwächstes Glied in der brutalen Kette der Hierarchie. Dealer haben selbst zu kämpfen mit überzogenem Tischgeld und dem ständig drohenden Verlust des Arbeitsplatzes. Über Reduktion des ohnedies bescheidenen Trinkgeldes die letzten drei Rake-Erhöhungen auszugleichen ist dumm, ungerecht und vor allen Dingen feige. Immer wieder sind mittlere und kleine Casinos aus der Reihe getanzt. Haben aus Motiven anderorts Tische abzuziehen, durchaus faire Rakeadaptionen angeboten. Allerdings ist der Pokerspieler nicht nur wehrunfähig, er ist auch noch chronisch kurzsichtig. Ein betrunkener Russe, ob tatsächlich Russe und tatsächlich betrunken, spielte dabei keine große Rolle, hat in der Regel gereicht. Bei der ersten lancierten Nachricht, dass der X oder Y gleich an den Start geht, wurden stabile faire Tische verlassen und im Eiltempo ging es zurück an die Schlachtbank. 

Vielleicht ist das einfach der Lauf der Poker-Evolution. Vielleicht wird Poker wieder das, was es einmal war. Das Spiel der wirklich Reichen, und davon gibt es in Europa sicher genug. Man trifft sich wieder in Monte Carlo, London und Madrid. Nur nicht in Deutschland, weil dann schicken sie das Sondereinsatzkommando auch in die private Villa. Man erinnert sich an die 90er Jahre und weiß Bescheid. Und natürlich auch das Spiel der Halunken in den Hinterzimmern. Dort wären die Organisatoren zwar auch keine Geistesgrößen des perspektivischen Denkens und gierig waren die Jungs aus dem Milieu schon immer. Aber gerade in der Szene hat in den letzten zwanzig Jahren ein massives Umdenken eingesetzt. Nimm dem Freier immer das Weiße aus den Augen und wenn geht noch mehr, war gestern. Fair trade ficken gibt es wirklich. Faires Pokerrake wird es wohl kaum zeitnah geben. Die Entscheider glauben immer noch, jeder Chip außerhalb des Schlitzes ist ein verlorener.  – Sie werden ihre Lektion noch lernen, aber dann ist es wohl zu spät. 

Götz Schrage  

 

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