Kleiner Leitfaden – Casino Manager in zehn Lektionen – Gedanken über Gäste

Nach so vielen netten und ermunternden Kommentaren zu meinen letzten Texten, mache ich mir heute weiterführende Gedanken über das Casino-Geschäft. In einer unregelmäßigen Artikel-Serie werde ich mich bemühen, ein wenig von meinen Erfahrungen weiterzugeben. Wie bereits erwähnt, hege ich selbst ja keine großen Ambitionen mehr, aber vielleicht erklimmt ja der eine oder andere meiner bekannt schlauen Leser die Karriereleiter im Casino-Management. Heute unter Umständen noch Dealer mit permanenter Frühschicht und in wenigen Jahren schon Casino-Tycoon in Kosice, Debrecen oder Karlsruhe. Hochgepokert.com macht es möglich. 

 Fangen wir mit dem Wichtigsten an. Ein Cardroom braucht Gäste. Viele Gäste mit einem geregelten Leben und einem soliden Einkommen. Klingt logisch, ist auch so und scheint doch immer wieder in Vergessenheit zu geraten. Desto mehr gesunde und ausgeglichene Gäste, umso besser. Der kaputte Suchtspieler, der sein Leben gegen die Wand fährt und das mit beeindruckender Konsequenz und Ausdauer, kann zwar kurzfristig bis mittelfristig sehr hilfreich sein bei der Tischerhaltung. Wird aber besonders in der Endphase seiner „Karriere“ zu einem disziplinären Problemfall.  Kein Wunder, hatte er doch das Casino einst mit Kreditkarte, eigenem Kaffeehaus und goldener Uhr betreten und kaum ist ein Jahr vergangen, sitzt er am kleinsten Tisch und statt fettem Trinkgeld, wird geschimpft, gedroht und geschnorrt. Kein gutes Bild fürs Casino und weit entfernt vom idealen Gast. Der würde nämlich halbwegs ausgewogen bilanzieren. Im Sinne, dass er jeden Monat mehr verdient, als er bereit ist für sein Hobby Poker auszugeben. Somit verdient der ideale Gast viel Geld, spielt aber keineswegs wirklich hoch. Quasi vorsichtig angepasst, leidet auch in seinem Zeitmanagement nicht unter Kontrollverlust und lebt auch abseits vom Pokertisch sein gesellschaftliches Leben weiter. Vertreter dieser mitunter recht unauffälligen Spezies sind die waren Säulen einer stabilen Pokerrunde. Vom Personal oft unterschätzt und  – in alten Zeiten – selbst von den Chefs des Hauses nicht entsprechend gewürdigt. 

Die mangelnde Würdigung der „Normalos“ beruht auf einem historischen Missverständnis. In alten Zeiten etwa hatten die Cardroom-Betreiber oft eine milieunahe Karriere hinter sich. Der Freier, der seine zwei Picolos und die eine Stunde im Separee bar bezahlte war zwar durchaus willkommen, um die Spesen für Miete und Strom zu verdienen. Geld verdient wurde aber mit dem Gast mit der nach oben offenen Kreditkarte und der unkontrolliert langen Verweildauer. Nach der dritten Flasche weiß man eben nicht mehr, ob man mit zwei oder drei Mädchen am Zimmer war und ob überhaupt und wozu. Aus einem Bauern macht man keinen Stehgeiger und aus einem ehemaligen Barbesitzer wird nur selten ein guter Cardroombetreiber. Anstatt sich auf die Masse zu fokussieren, wird auf den einen goldenen Pokerfreier gewartet. Der darf dann alles inklusive schnarchen am Casinosofa, hat ewig Kredit bei der Kasse, bis die anderen werten Gäste mitunter mit großen Chips statt Bargeld nach Hause gehen müssen. Am Tisch selbst wird jede Pokerjudikatur gebeugt und verstümmelt und der Floorman, der in einer strittigen Situation gegen den Liebling des Chefs entscheidet, muss sich bald einen neuen Job suchen. Außer er ist ein hochgradiger Automatenspieler und verspricht auch weiterhin seine Abendgage bei den rotierenden Gurken und Kirschen zu versenken. Dann kann man über alles reden und bei der Kasse gibt es Vorschuss solange die Scheine reichen.

Kommen wir zu den Haien, den Profis, den Helden, die sowohl Gegner wie Rake bezwingen. In der Regel keineswegs als Feinde des Hauses gesehen, sondern durchaus hofiert und geschätzt. Es macht sich gut, wenn man einen wirklich hohen Tisch hat. Quasi ein wenig  diskrete Champions League hinter der dezenten Absperrung. Abgesehen davon identifiziert sich die Führungsebene gerne mit den Highrollern. Fast jeder Casino-Manager sieht sich im Selbstbild als Klassespieler, dem bedingt durch den anstrengenden Job lediglich die Zeit fehlt, um als gefeierter Pro durchzustarten. In der Regel korrigiert sich diese Einschätzung, sobald er seinen Job verliert und es tatsächlich probiert. Zeit hat er dann zwar genug, aber auch die Abfertigung reicht maximal bis zum dritten verlorenen Nut-Flush. Abgesehen davon, entpuppen sich auch so manche der Pros auf lange Sicht als Loser, die nur temporär von der Pokersonne bestrahlt waren und sich danach brav für die kleinen Tische und Turniere melden. Immer in der Hoffnung, nochmals den Aufstieg zu schaffen. Was einmal so gut geklappt hat, muss sich doch noch ein zweites Mal bewerkstelligen lassen. Meist bleibt diese Hoffnung allerdings unerfüllt. Die einstigen Emporkömmlinge der Varianz haben nämlich ihren unverfrorenen Optimismus verloren und genau das gab seinerzeit die Kraft, sich auch als Underdog in die großen Pots zu klemmen und diese dann auf irgendeine abstruse Art zu gewinnen. Das kommt – wenn überhaupt – nur einmal und dann leider nie wieder so. Wie ich mit leichter Wehmut und einem für mich untypischen Hauch von kritischer Selbstbeschau feststellen musste. Wobei   die Betonung liegt schon auf „leicht“ vor Wehmut. Schließlich würde ich die Taschen voller Geld nicht eintauschen gegen den besten Job der Welt und das ist immer noch Kolumnist bei Hochgepokert.com. –  In meiner nächste Kolumne (mit ungeklärtem Erscheinungsdatum) werde ich mich der Zunft des dealenden Personals widmen. 

Götz Schrage

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