Der Patient Poker Teil 1 – Boom ohne Wiederkehr – Zwei neue Ideen zur Therapie

Exif_JPEG_PICTUREExif_JPEG_PICTUREKürzlich setzte der Hochgepokert.com-Leser „Huii“ folgenden bösen Satz unter meine Kolumne. „Nen halbes Jahr keine Poker spezifischen Berichte und immer noch nichts zu erzählen?“. Erst habe ich Nase rümpfend mit den Schultern gezuckt und das Ganze als kleine Provokation eines der üblichen „haters“ gesehen, die meist kurze provokante Fragen stellen und sich schneller wieder vertrollen, ehe man auch nur halbwegs antworten könnte. Leser, die irgendwann beschlossen haben mich nicht zu mögen und denen ich es sowieso niemals recht machen könnte, würde mir auch mal ein zweifelsfrei schlauer Gedanke kommen. Allerdings so ganz konnte ich diesen Satz nicht ignorieren, weil irgendwie hat „Huii“ ja recht. Ich drücke mich seit meinem Comeback vor dem Text, den ich schon längst hätte schreiben sollen. Die Worte brennen mir auf der Seele und die dunklen Gedanken drücken mir auf den Magen. In diesem Sinne, erfülle ich den Wunsch des „haters“ und schreibe, was ich mir wirklich aktuell denke. Beschwerden und böse Kommentare bitte an „Huii“. – Ich kann nix dafür. Er wollte es nicht anders.

Wenn man ein halbes Jahr weg war und nach dem halben Jahr kennt man praktisch immer noch jedes Gesicht, muss man sich wohl ein wenig Sorgen machen. In Zeiten des Booms erscheinen ständig neue Gegner, neue Nicks und vor allen Dingen kommt ständig neues Geld. Die böse Schwester des Booms heißt „Blase“ und wenn die platzt, wird es zappenduster im Schlitz. Hundert Spieler, die sich regelmäßig treffen und halbwegs auf einem Niveau spielen, können das ihr ganzen Pokerleben lang tun, so Lange sie sich entsprechend abschotten und das Geld im Kreis laufen lassen. Wenn die 100 Spieler allerdings mit der Zeit anfangen 10 hübsche Dealerinnen zu engagieren, vier Kellnerinnen und eine Putzfrau, dann wird es schon ein wenig komplexer. Ihr anfänglich so perfektes PPM (Poker Perpetuum Mobile) schlingert auf gefährlichem Terrain. Das paradiesische  Nullsummenspiel ist nur noch Nostalgie, es gilt frische Ressourcen zu erschließen, oder zumindest aus dem privaten Vermögen der Gruppe, die pekuniären Abflüsse, die durch die Personalkosten entstehen, auszugleichen. Habe ich schon das böse „R-Wort“ erwähnt? Noch nicht? Dann bitte anschnallen, weil jetzt wird es wirklich gruselig. Wenn es dann noch Rake gibt, weil sich jemand der einst privaten Veranstaltung auf unternehmerische Art annimmt, ist die Vertreibung aus dem Paradies abgeschlossen. Jetzt regiert die Spesensense gnadenlos. Wenn jetzt alle 100 Spieler gleich gut spielen, können sie sich gleich alle an den Händen fassen und bei Peter Zwegat melden.

imageFischers Fritz fischt zwar frische Fische, aber die Poker-Community braucht dringend frisches Geld! Für die Big Spender, der finanzstarke Schultern alles abfedern sollen, was im Hades der Casinospesen versickert hat die Szene den wenig schmeichelhaften Terminus „Fisch“ gewählt. Vielleicht nicht gerade ein höflicher Begriff, aber was soll´s? Das  Geschäft ist hart und für verlierende Weicheier hat die Evolution keinen Platz im großen Gefüge der Spieltische. Wobei Verlierer hat es immer schon gegeben. Große, reiche Sponsoren, die es sich auch leisten konnten lebenslang für ihre Passion abzudrücken. Und es gibt sie wohl immer noch, diese spendablen Walfische und das verlieren haben die Verlierer auch nicht verlernt. Das Problem liegt eher bei den Gewinnern. Die Gewinner haben das gewinnen mit Style verlernt. Früher war fast jeder Pro ein großer Entertainer. Man hatte seine Storys und man konnte diese eben auch gut erzählen. Man hatte seine Laster und man war bereit den Großteil des gewonnen Geld so spektakulär und spannend zu verprassen, dass die Verlierer zumindest erste Reihe fußfrei dabei sein konnten. Die großen Sieger von heute könnten ihre Gegner maximal in den Schlaf langweilen, sprechen ihre eigene Pokersprache und auch das exklusiv miteinander. Der Walfisch wird ignoriert, außer er erlaubt sich mal mit einer Folge von schlechten Calls einen Pot zu gewinnen, dann wird er belehrt und verlacht. Kein Wunder, dass die großen Freier wieder zurück zum Kessel ziehen. Am Roulettetisch sind alle Menschen gleich und wer wirklich schlecht Poker spielt, ist bei der Kugel langfristig besser aufgehoben. Den Tisch mit Nachteil zu bepflastern ist einfach günstiger, als seine Zeit mit einer Falange von langweiligen Pros zu verschwenden. 

In meiner nächsten düsteren Kolumne werde ich noch weitere Probleme der platzenden Blase beleuchten, aber ich habe auch Ideen, wie wir alle zusammen da wieder raus kommen. Bin nur nicht sicher, ob man mich und meine These ernst genug nimmt. Mit Spannung erwarte ich Reaktionen der weltweiten Online-Anbieter zu meiner Initiative „2014 wird das ganze Jahr rake-frei gespielt“. Außerdem mache ich mich auf die Suche nach einer Gruppe von exzellenten Programmierern für das Projekt: „der garantiert verlierende robot“. Das Geld aus den fetten Jahren muss raus aus dem Safe und zurück zu uns Spielern. – In diesem Sinne verspreche ich weiter spezifische Gedanken zu Poker. Demnächst in diesem Kino.

Götz Schrage

PS: Zum Stetson-Casting noch ein paar Worte. Vielen Dank für die vielen Zusendungen. Ich habe die kompakt und gesammelt an die Marketing-Abteilung von Stetson gesandt und erwarte für Montagnachmittag die Entscheidung. Absichtlich habe ich da keinerlei Empfehlung abgegeben und bin auch – trotz mehrmaliger Anfragen per Facebook – nicht bereit, in irgendeiner Form zu intervenieren. Stetson zahlt, Stetson soll entscheiden. 

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