Schräge Gedanken – Nichts über Schrödingers Katze – Nichts über Nietzsche – Neues über Socken

Nichts über Schrödingers Katze – Nichts über Nietzsche – Neues über Socken

„Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren findet, der ihn versteht.“

(Friedrich Nietzsche)

schrageDies ist eine der legendären Kolumnen von dem Wortakrobaten Götz Schrage. (04/2010)

Keine Sorge, über Dinge von denen ich rein gar nichts verstehe, werde ich selbstverständlich auch weiterhin nichts schreiben. Schrödingers Katze ist mir zu hoch, oder zu schnell – jedenfalls zu kompliziert. Widmen wir diese Kolumne den einfachen und lauschigen alltäglichen Themen wie Paralleluniversum und dem SSPh (Single-Socks-Phänomen).

Wir kennen das alle – das sonderbare Verlieren des zweiten Sockens. Niemals verschwindet der Erste. Niemals verschwinden beide auf einmal. Einer ist weg, der Zweite bleibt da und verspottet uns quasi aus dem Wäschetrockner. Theorien gibt es zuhauf. Von sockenfressenden Waschmaschinen, industriellem Betrug durch wasserauflösendes Garn und banale Erklärungen, wie etwa einzelne Socken würden sich in Kissen und Deckenbezügen verstecken, um dann quasi beim Wäscheausschütteln von der Veranda in den Dschungel der Großstadt geschleudert zu werden.

Selbstverständlich ein ausgemachter Schwachsinn, weil dann müsste es ja Socken regnen und man könnte sich bei Bedarf auf der Straße mit Frischgewaschenem bedienen.

Ich hingegen gehöre zur kleinen Gruppe, die das Paralleluniversum für den scheinbaren Schwund der Strümpfe verantwortlich macht. Wahrscheinlich kann ich in diesem Artikel den Beweis meiner These erbringen, und wenn es mir dann noch gelingt, die Kurve zur Pokerthematik zu bekommen, wird mir nicht nur in Fachkreisen der längst verdiente Respekt sicher sein. Die Sache ist nämlich die: Wenn man etwas verliert, dann ist es eben weg. Das umschreibt grob umrissen den Kern des Problems. Wenn etwas hingegen einfach nicht da, aber tröstlicherweise und parallel woanders ist, bleibt die Hoffnung auf einen weiteren Transfer ins eigene Universum.

Bitte jetzt nicht an den uralten Börsenwitz denken: Dein Geld ist nicht verloren, es hat jetzt nur wer anderer. Das ist banal, unwissenschaftlich und stimmt nicht mal an der Börse sonst gäbe es keinen Schwarzen Freitag, sondern einen schwarzweiß gestreiften.

Große Geister sind mitunter auf die Gnade des Zufalls angewiesen. In meinem Fall war es ein Karrieresprung und der eitle Drang meine Garderobe einer kritischen und standesgemäßen Prüfung zu unterziehen. Grob kalkuliert hatte ich in den letzten drei Jahren 17 Paar fabrikneue und originalverpackte Socken geklärter Herkunft erstanden und bar bezahlt. Bei meiner Inventur kam ich dann auf 20 Einzelstücke, wobei ich eidesstattlich ausschließen kann auch nur einen Socken freiwillig und kaltherzig im Nirwana des Hausmülls entsorgt zu haben. Noch ist mir – auch beim besten Bemühen – kein amouröses Abenteuer erinnerlich, bei dem ich Hals über Kopf, aber entsprechend asymmetrisch besockt, das verruchte Liebeslager verlassen musste.

Als stolzer Kolumnist wollte ich ein standesgemäßes Zeichen setzen und begann jede auch nur im Ansatz fehlerbehaftete Socke bewusst und konsequent wegzuwerfen. Es musste kein sichtbares Loch sein. Schon eine kleine lichte Stelle mit hoher Durchreißwahrscheinlichkeit bedeutete das Ende unserer Socken-Mann-Beziehung. Weg damit! Gnadenlos und ohne Skrupel – nun was soll ich jetzt schreiben? Sie als scharfer Geist ahnen es ohnedies längst. Bei einer neuerlichen Inventur besaß ich weiterhin exakt zwanzig stolze Einzelstücke. Ungläubig und ein wenig furchtvoll wurde ich die folgende Woche noch brutaler. Was nicht ganz schwarz war, musste weichen. Auch völlig lochfreie Exemplare. Ab in den Müll! Dann atemlose Nachschau am späten Sonntagabend – richtig geraten: an der Bestandszahl zwanzig ändert sich auch bei der zweiten Sockeninventur nichts.

Damit ist für mich die Existenz eines Paralleluniversums evident. Es verschwindet nichts, es gehen die Dinge nur woanders hin und kommen dann eben auch gerne mal wieder zurück. Scheinbar bin ich nun mal ein Zwanzig-Socken-Mann. Egal ob ich mich auflehne und zukaufe oder glaube durch strategisches Wegschmeißen Qualitätssteigerung des Bestandes erreichen zu können. Es ist wie es ist und man bekommt, was man verdient. Quasi die Theorie des versöhnlichen Fatalismus und wer versteht, was Nietzsche meint, ist selber schuld. Ich bin froh, wenn ich fehlerfrei den Namen tippen kann (meine persönliche Eselsbrücke „Nie ohne tz“).

Jetzt der angekündigte kühne Gedankenbogen zu Poker. Ich meine zu wissen, dass auch Geld nicht verschwindet, sondern eben entschwindet. Dies heißt noch lange nicht, dass irgendwann jeder bekommt, was er verdient. Jedenfalls hoffe ich das, weil von dem, was mir zustände, könnte ich ja niemals meine gewaltigen Fixkosten bezahlen. Da muss schon mehr gehen.

Wenn ein wirklich schlechter Spieler mit schlechten Calls am River die großen Pots zieht, fluchen die Beschädigten mit fest zusammengepressten Lippen oft ein: „Ist ja nur geliehen – kommt alles wieder retour.“ Falsch und wahr zugleich. Das mit dem „retour“ mag generell stimmen, nur ist Geld ein untreuer Hund und geht dann faktisch mit jedem anderen mit. Am Ende ist der Freier flach gebürstet und man selbst sieht auch mehr Filz als Chips.

Vor Kurzem hatte ich eine dieser wirklich schlimmen Sitzungen. Alles, was nicht passieren darf, passierte. Nie eine Hand und wenn dann mal was Spielenswertes dabei war, bin ich gleich frontal gegen Monster gerannt. Draws waren nur für die anderen da und hätten wir „running twenty times“ vereinbart, hätte ich den Pot halt twenty times verloren. Egal, jeder kennt das, höre schon auf bevor es noch zu einer der üblichen gefürchteten Bad Beats in Cinemascope Storys verkommt. Und das werde ich meinen getreuen Lesern selbstverständlich ersparen – außer Sie sind so unvorsichtig und fragen mich persönlich danach.

Jedenfalls am Ende war ich der flach Gebürstete. Weg war das Geld und gleich alles. Ob verschwunden oder entschwunden interessierte mich in dem Moment auch nicht wirklich. Der weißen Fliesenwand im Waschraum einen gestreckten Schwinger verpasst (keine gute Idee) und ein Taxi geentert und nach Hause gefahren (sehr gute Idee).

Am nächsten Morgen mit brummendem Kopf und jammernden Gedanken aufgewacht. Ein wenig aufräumen, ein wenig duschen und frühstücken war der Plan. Alles, was nach Rauch und Niederlage roch, stopfte ich in die Waschmaschine und dann tat ich das, was man als Mann am besten kann: Sich selbst leidtun und das Schicksal verfluchen.

Ganz leise fing es an. Rhythmisch, klopfend, sich immer mehr steigernd. Ein sonderbares dumpfes Geräusch mit scharfen Spitzen und irgendwo herkommend aus den Untiefen meiner geräumigen Abstellkammer. Klack, klack – klack, klack – klack, klack.

Irgendwann war dann die Maschine fertig (40 Grad ohne Vorwäsche und ohne Weichspüler). Um wieder in Schwung zu kommen und um etwas Sinnvolles zu tun, tat ich das, was ich sonst nie tue und erledigte tatsächlich gleich, was zu erledigen war.

Die Hemden auf den Bügel, Hosen über den Wäscheständer (zwei Reihen) und am Ende die Unterwäsche und – als ob ich es geahnt hätte in spannender Erwartung – die Socken. Angenehm feucht, lochlos und sonderbar hart an der Spitze. Da war was, was nicht gehörte. Da war ein Teil in meinem Socken, das rund und laut war. Der Grund für das hämmernde Geräusch beim Schonschleudern. Mit hastigem Finger tastete ich mich vor bis tief hinein und ganz nach vorne in die Sockenspitze. Ein echter Fünf-Euro-Jeton. Völlig unerklärlich und garantiert nicht von dieser Welt. Einfach ein Zeichen und zwar gleich ein Zeichen vom Paralleluniversum. Mein Geld war nicht verschwunden (meine Socken auch nicht) und es kommt alles zurück. Die Schnittstelle kenne ich jetzt auch – oder besser formuliert: eine der möglichen Schnittstellen. Quasi der Checkpoint Charly des parallelen Universums. Ich bin bereit! Der Rest kann kommen. Ich will mein entschwundenes Geld zurück, und wenn es nicht zu viel verlangt ist, auch die vierzehn fehlenden Socken.

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