Schräge Gedanken – Streiten für die gute Sache – Puffgeschichten als letzte Hoffnung – der nächtliche Brand!

Streiten für die gute Sache – Puffgeschichten als letzte Hoffnung – der nächtliche Brand

Dies ist eine der legendären Kolumnen von dem Wortakrobaten Götz Schrage. (03/2011)

schrageEine weitere planlose und gedankenschwere Kolumne. Mit Herzblut und Leichtigkeit zubereitet und frisch serviert aus der schrägen Schreibfabrik. Der geschätzte Hochgepokert-Leser will schließlich amüsiert und unterhalten werden. Die Abteilung Strategie und Information ist bei den Kollegen bestens besetzt, ich kümmere mich weiterhin um Feinsinn, der auch am Pokertisch nicht wirklich schaden kann. Über irgendetwas sollte man sich doch auch unterhalten können. Manchmal wird es spät, die Reihen sind gelichtet, man selbst ist maximal im Brand und will eigentlich nichts lieber als schweigend und schnell zurückgewinnen. Pari sein und dann ab ins Bett, weil das zweite Mal kriecht kaum wer aus dem Loch. Doch was tun, wenn alle müde werden, die Frequenz der Blicke auf Uhren und Handys stetig zunimmt und man bei jedem großen Pot die Angst haben muss, dass es gleich vorbei ist? Natürlich weiß man tief in seinem Inneren, dass das Spiel rechnungstechnisch eine unendliche Wurst ist und man ja das Geld, was heute fehlt, ohne Weiteres morgen zurückgewinnen könnte, aber im Brand geht man ungern ins Bett. Besonders wenn man das Gefühl hat, die Nacht, der Gegner und das Spiel sind einem noch etwas schuldig und das möglichst sofort.

Auf die Dealer sollte man sich nicht verlassen, auch wenn sie einem in solchen Nächten wie Satans Höllenhund mit Gilet und Krawatte erscheinen, es sind doch Menschen und Menschen lassen sich oft, von einer allgemeinen Stimmung leicht einmal anstecken. Ist der Tisch müde, gähnt auch bald der Dealer und wird so zum finalen Totengräber. Was also soll man tun? Sich willenlos ergeben und akzeptieren, dass die Schlacht für heute Nacht zu Ende geht? Hat ja auch seine Vorteile. Wahrscheinlich spielt man angesichts des desaströsen Standes keinesfalls auch nur annähernd sein A-Game und schlimmer geht´s immer. Niederlagen sind nach unten offen und was jetzt schon teuer ist, kann noch richtig teuer werden. Aber wie erwähnt, es entspricht einfach nicht der Natur des Spielers in den ganz großen Zusammenhängen zu denken. Man wird da ein wenig von archaischen Instinkten geleitet. Die Gegner haben etwas und dieses etwas hat einmal mir gehört. Meine Chips, mein Geld und das will ich zurück und das bitte sofort!

Wie immer gilt es, aktiv zu werden. Agieren statt reagieren. Nehmen Sie das Heft selbst in die Hand und halten Sie Ihre Gegner bei Laune. Solange die Hoffnung lebt auf unmittelbare Refundierung des Schadens, müssen Sie den Tisch entsprechend in Stimmung bringen. Betrachten wir die Optionen im Einzelnen und beleuchten wir die Vor – und Nachteile.

Streiten Sie mit dem Personal – Grundsätzlich eine gute Methode, allerdings müssen Sie die Feinheiten beachten. Tonfall und Angriffsgeist müssen abgestimmt und gut dosiert sein, sonst werden Sie noch vom Tisch gewiesen, oder riskieren eine längere Casinosperre. Bitte niemals mit dem Dealer anlegen, der kann sich am wenigsten wehren und das wäre dann doch unsportlich. Erste Wahl ist selbstverständlich der Floorman. Der wird für diesen Job bezahlt und muss sich quasi von Berufswegen mit Ihnen auseinandersetzen. Wenn der Floorman fachlich gut ist und Sie selbst regeltechnisch nicht über die entsprechende Kompetenz verfügen, streiten Sie über Raumtemperatur und die unzureichende Belüftung. Da liegt man nie ganz falsch. Der scheintote Tisch entdeckt auch zur fortgeschrittenen Stunde frische Vitalität, sobald Sätze fallen wie: „Floorman! Ich zahle da tausende Euros Rake und als Belohnung werde ich hier tiefgekühlt. Hat der Chef kein Geld für ein wenig Raumwärme, dann leihe ich ihm welches.“ – Spätestens dann haben Sie Verbündete am Tisch und niemand wird nach Hause gehen, schon alleine aus Neugier und Hang zur Sensationslust.

Starten Sie Sidebets – In seriösen Häusern selbstverständlich nicht gerne gesehen und mehr oder minder verboten. Nur wen interessiert das schon um halb Fünf in der Früh? Die banalen rot/schwarz Spiele sind Ihnen sicher geläufig. Zwei schwarze beziehungsweise zwei rote Karten im Flop und man hat gewonnen (oder verloren). Bei reinen schwarzen (bzw. roten) Flops gibt es dann einen extra Bonus. – Ich habe da mehr den Hang zur individuellen Dealer-Wette mit Perspektive. Voraussetzung dafür ist gewisses Grundwissen über das Personal und das Durchblicken der hauseigenen Rotation. Wenn Sie jetzt schon wissen, wer als Nächstes die Karten gibt (und der aktuelle finanzielle Schaden diese Investition rechtfertigt) formulieren Sie Wetten wie: „Wenn der blonde Glatzkopf, der da gleich kommt, seine halbe Stunde ohne Missdeal übersteht, zahle ich eine Tischrunde“. – Spieler mögen Getränke für lau und wenn jeder Austeilung eine gewisse Spannung verspricht, geht auch keiner so rasch nach Hause. PS: Unsportlich und absolut unfein wäre es, aktiv zum Missdeal beizutragen. Selbstverständlich ein No Go!

Packen Sie das große Geld aus – Nun eine Methode mit Kalkül und Risiko. Geld ist der Magnet. Deswegen sind alle noch wach und vor Ort. Voraussetzung natürlich, es muss ein Spiel ohne Maximum sein. Erinnere mich da an die goldenen Limit-Zeiten – für die jüngeren Leser sei erwähnt, dass es bei Limit-Tischen logischerweise kein Maximum gibt. Ein sehr guter Omaha-Spieler hatte sich entgegen seiner Vorsätze und Schwüre wieder einmal in die Untiefen eines Limit Holdem Tisches gewagt und wurde prompt vom Schicksal, und sicher auch vom eigenen Unvermögen, bestraft.

Das Limit war 50/100 € und um Fünf in der Früh war besagter Pro geschätzte 6000.-€ im Brand. Der Tisch war schon ziemlich dünn besetzt. Die Gegner waren satt und jeder schien nur auf einen Impuls zu warten, um sich gähnend und halbwegs höflich aus dem Staub zu machen. Mein Kollege hatte absolut genug Chips vor sich stehen. Keine Gefahr All-In zu sein und damit eine Chance zur Schadensminimierung zu verpassen. Trotzdem fasste er in die Tasche und wechselte 70 000.-€. Aus der Masse der 100er Chips bastelte er dann folgenden Schriftzug: „ICH HASSE MICH“. Deutlich lesbar und hinter dieser Chipburg des öffentlichen Selbsthasses, hatte er anfänglich immer noch genug Munition, um die Pots zu spielen. – Gegangen ist übrigens keiner. Alle blieben sitzen und im Laufe des Vormittags füllte sich der Tisch wieder entsprechend. Finanziell genutzt hat es meinem Kollegen allerdings gar nichts. Nach meiner Erinnerung stand am Ende nur noch „ICH HASS“. – Gefällt mir eigentlich auch viel besser so. Hat etwas von experimenteller Lyrik.

Erzählen Sie Geschichten aus dem Puff – Voraussetzung selbstverständlich Sie haben eine entsprechende verlotterte Vita zu bieten. Man kann ja manchmal ein wenig schummeln bei den zeitlichen Angaben. Was gestern erst passiert ist, hört sich in der Erzählung viel milder an sobald Sie es historisch ein wenig nach hinten rücken: „Damals in der Nacht, als die Mauer gefallen ist, lag ich mit zwei Weißrussinen im Bett und auf einmal …….“ – Entsprechend gut vorgetragen und konsequent geschickt im Aufbau, läuft Ihnen kein Gegner davon. Nicht empfehlenswert ist diese Strategie für Spieler, deren Privatleben ebenfalls eng mit dem Biotop Casino verknüpft ist. Wer außer seiner Mutter nur Dealerinnen und Casinokellnerinnen kennt, läuft da in höchste Gefahr, nachhaltig zu vereinsamen.

Manchmal hat man auch wirklich Glück. Es gab früher in Wien eine legendäre Spielerin, die zu den ungewöhnlichsten Zeiten im Casino auftauchte. Im Brotberuf selbständige Prostituierte und per Handy quasi rund um die Uhr – und somit selbstverständlich auch am Spieltisch – erreichbar. Faszinierend ihre zwei völlig verschiedenen Stimmfarben. Einmal in zivil bei den Kommandos am Tisch und dann mindestens eine Oktave höher am Telefon mit den potentiellen (und hoffentlich potenten) Kunden. „Ja Schatzi, das mach ich besonders gerne“ – „Gerne Schatzi“ – „Das auch“ – „Das auch“ – „Auf Busen oder Bauch sehr gerne“ – „Das auch“. Allerdings, wenn es dann darum ging, einen Termin zu vereinbaren, siegte dann meistens doch das Spielfieber. Mich hat diese Variante von reizvollem und kostenfreiem Telefonsex oft über die Nacht ins Plus gerettet. Nur Kunde wurde ich nie, schon alleine um unsere doch so wertvolle Beziehung am Pokertisch nicht zu gefährden.

So, ich hoffe ein wenig praxisnah helfen zu können. Oberboss Jan-Peter Jachtmann bat mich darum „pokernahe Themen“ zu behandeln und ich hoffe dem hiermit wieder einmal prächtig genüge getan zu haben. Wie man K J suited in mittlerer Position spielt, kann ich Ihnen nicht verraten. Bei solchen Fragen fehlt mir einfach der Durchblick und Sie würden mich rasch als Hochstapler entlarven, sollte ich versuchen, da nicht vorhandene Gescheitheit vorzutäuschen. In diesem Sinne viel Vergnügen und viel Glück an den Spieltischen und auch in der nächsten Kolumne dürfen Sie fix mit weiteren ungewöhnlichen Casinoweisheiten aus meiner Feder rechnen.

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