Schräge Gedanken – Die knallharte Homegame-Reportage – Viele Pizzas, keine Frauen und sonderbare Zigaretten

Dies ist eine der legendären Kolumnen von dem Wortakrobaten Götz Schrage. (02/2014)

Nach Jahren des Schweigens habe ich mich wieder einmal auf Recherche begeben. Sind die Homegames noch das, was sie einmal waren, oder hat sich etwas verändert, oder gar verbessert? Kein Weg war mir zu weit, keine Kellerstufen zu steil. Wie einst die großen Entdecker habe ich mich den düstersten Herausforderungen gestellt. Quer durch die Stadt und darüber hinaus. Mut kann man nicht kaufen und die Salamipizza bringt der Botendienst und die zu essen, dafür braucht man wederum viel Mut. Jede Partie ist in gewisser Weise eine Dschungelprüfung. Nur leider ohne Larissa. Soviel sei schon in der Einleitung verraten, Homegames sind und bleiben frauenfrei. Einmal, es muss weit nach Mitternacht gewesen sein, habe ich das Rauschen einer Dusche gehört. Nur gehört wohlgemerkt, weil ich in einem dieser Hobbykeller saß und angeblich war das eine Frau, nämlich die Freundin des Gastgebers, die da zwei Stockwerke höher geduscht haben soll. Ich möchte mich nicht dafür verbürgen, aber es war das einzige weibliche Lebenszeichen auf meinen gesammelten Exkursionen und deswegen möchte ich es dem geneigten Leser nicht vorenthalten.

Apropos reine Männergesellschaft. Immerhin outen sich ja jetzt auch Fußballer. Nur Pokerspieler halten sich weiterhin bedeckt. Zumindest solange sie aufrecht am Tisch sitzen. Spätestens nach Mitternacht, wenn die Gratis-Biere einfahren und die unbequemen Sitzgelegenheiten ihren schmerztechnischen Tribut fordern, verrutscht schon mal Hemd und T-Shirt und man lümmelt den einen oder anderen Pot bauchfrei. Nach wie vor im Trend ist der Hang zum schuhbefreiten Zocken. Selbstverständlich eine absolut unvertretbare Unart. Dabei nehme gerade ich es sonst gar nicht so genau, obwohl ich mir schon meiner Verantwortung bewusst bin, wenn es darum geht auf die junge Generation einzuwirken. Sätze wie: „Wir spielen nicht mit Menschen aus dem Rotlicht“, oder „Wenn die Zigarette von meinem Nachbarn sonderbar süßlich riecht, verlasse ich sofort den Tisch und verständige das nächste Polizeikommissariat“ wird man von mir niemals lesen. Eine gewisse Grundtoleranz und Offenheit sollte man schon mitbringen. Allerdings, niemals und ich meine damit, wirklich NIEMALS, spielen wir in Socken um Geld. Schuhlose Sockenträger haben ihre Berechtigung in den Pornos der 80er-Jahre, aber damit hat es sich auch schon. Wer das Vorzimmer des Homegames seiner Wahl betritt und sieben Paar Schuhe in verschiedenen Größen lachen einem zur Begrüßung an, dann wäre mein Rat, auf der Stelle umzudrehen und das Weite zu suchen. Im konkreten Fall wurde mir allerdings erlaubt „ausnahmsweise“ das Schuhwerk anzulassen. Quasi eine Sonderregelung, die ich mir gar nicht so wirklich erklären kann. Vielleicht aus Respekt wegen meines fortgeschrittenen Alters, oder doch auf Grund meines Rufes als exzeptioneller schlechter NL Hold’em Spieler. Weiters muss ich fairer Weise betonen, dass es am dortigen Pokertisch keinerlei wahrnehmbaren üblen Geruch gab, was für die exzellente Hygiene der Anwesenden spricht. Vielleicht haben auch die erwähnten süßlich duftenden Zigaretten des Kollegen auf Platz 3 dazu beigetragen, aber dieses Thema möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.

Bitte verwechseln Sie mich jetzt nicht mit Putin. Man kann mir eine Menge vorwerfen, aber schwulenfeindliche Witze, oder sonstige homophobe Tendenzen stehen nicht in meiner Akte. Aber eines muss endlich mal gesagt werden, hätten Chips eine Sexualität, dann wären die Keramikchips die schwulsten Oberschwuletten. Unfassbar, welcher Wärmling hat diese Seuche am Pokertisch zu verantworten? Und wieso zur Hölle geben Homegame Betreiber für diese gar nicht so kostengünstige Variante Geld aus? Fasst sich hässlich an, sieht hässlich aus und kann gar nichts! Man kann Keramikchips weder stapeln noch ordentlich zählen. Gastgeber, die sich ihre Turnschuhe im Supermarkt kaufen, glauben scheinbar ihrem Leben mit diesem Dreck ein wenig Klasse zu geben. Dafür kaufen sie dann den Mini-Dealerbutton für 49 Cent, den man bei großen Pots unter den dauerstürzenden Keramikchips erst einmal wieder finden muss. Ja es stimmt, man kann sie selbst gestalten, aber mal ganz ehrlich, wer will schon jemanden, der sich für sein Wohnzimmer extragroße ockerfarbene Fliesen aussucht, etwas gestalten lassen? Also ein klares No-Go. Allerdings würde ich nicht so weit gehen einen Bannfluch für solche Partien auszusprechen. Nicht zu vergleichen in seiner Dimension mit dem Schuhverbot. Solange alle ihre Schuhe anbehalten können Sie also ruhig ein wenig zocken. Lassen Sie sich nur nicht für Facebook-Fotos in Chipnähe fotografieren. Es könnte der Tag kommen, da schämen Sie sich dafür. Machen Sie es vielleicht wie ich, verlieren Sie Ihr Buy-In in Windeseile, dann hat es sich wenigstens mit dem Zurückwechseln erledigt.

Kommen wir zur Kulinarik. Der Pokerspieler an sich ist ja ein Allesfresser, solange es viel und fettig ist. Per Hauszustellung wird geordert, was das Internet hergibt. Es wird kalkuliert und gerechnet und es werden Treuemarken gesammelt. Wer fünf Salamipizzas überlebt bekommt bei seiner sechsten Bestellung eine 1,5 Liter Flasche Sangria aufs Haus. Die „original italienische“ Pizza liefert ein Ägypter, sein Schwager bäckt sie im Elektro Ofen und der spanische Sangria kommt aus Bulgarien. Fuck the Globalisierung fällt mir da nur ein. Schlimmer geht es immer und schlimmer heißt: Chinesischer Glutamatdreck. Das kocht wahrscheinlich auch der Ägypter, so schmeckt es zumindest. Aber peinlich wird es dann bei der Abrechnung. Old School is my school. Wir haben seinerzeit gemeinsam bestellt und gemeinsam bezahlt. Einfach pro Nase geteilt und die Geldscheine in die Tischmitte geschmissen, oder besser noch einen „Fresspot“ deklariert. Soll heißen, es wurde eine hohe aber realistische Potsize bestimmt und der Glückliche, der diesen Pot dann ziehen durfte, hat für alle bezahlt. Heute gibt es Smartphones samt Apps. Heute rechnet der Junge, der gerade kalt in einem gepairten Board €180 mit einem Flushdraw bezahlt hat genau aus, was er konsumiert hat und kramt aus seiner bauchfreien Jeanstasche entsprechende Münzen hervor. Trinkgeld muss der Gastgeber geben, deswegen sperrt sich dieser tendenziell im Klo ein, wenn der Zustelldienst zweimal läutet und er hofft darauf, dass sich ein Blöder findet. Kurzes Teilgeständnis: Ich wollte ja als stolzer Pokerblatt-Kolumnist der ersten Stunde auch dorthin gehen, wo es weh tut. So wie es sich für einen harten Hund wie mich eigentlich gehört. Allerdings den tiefgekühlten „Original American Doppel-Cheeseburger“ (12 Stück für €14.99) wollte ich dann doch nicht ausprobieren. Eingeschweißt in trübes Plastik und, wenn ich es richtig beobachtet habe, wird der auch samt Plastik in die Mikrowelle geschmissen.

Abschließend könnte ich noch über volle Aschenbecher, mangelnde Belüftung, und fettige Karten (richtig die Salamipizza) jammern, aber das wäre mir zu billig. Ich besinne mich auf meine von Gott und Jan Peter Jachtmann zugeteilte pokerpädagogische Verantwortung. Liebe Homegame-Betreiber, bitte lasst euch von einem alten Mann einfach einen Ratschlag geben, den ich leider nicht einmal wirklich begründen kann obwohl ich weiß, dass ich Recht habe (zugegeben ein wenig peinlich für einen Autor, aber ich hoffe die geschätzte Leserschaft sieht mir das nach.) Es ist nichts und niemals etwas egal! Das war schon der Rat im groben. Man muss drei Karten verbrennen und wenn sich Platz 5 unabsichtlich die Karten von Platz 6 nimmt, der gerade auf dem Klo sitzt, dann ist die Hand tot. Wenn man den Turn zu früh aufgibt, dann kann man nicht einfach weiterspielen, bloß weil es niemanden stört. Und ja, eine Schneidekarte macht Sinn und es ist nicht egal, dass man ja maximal die untere Karte sieht, weil die sowieso niemand braucht. Es ist auch nicht verboten das Board halbwegs gerade hinzulegen und nein, man legt den Flop keinesfalls schräg und quer auf die linke Tischseite, wenn die rechte Tischseite gepasst hat. Und nein, man wirkt nicht cool, lässig oder verwegen, wenn man alle traditionellen kartentechnischen Abläufe ignoriert. Es ist auch absolut nicht spießig mit Engagement zu mischen. Und überhaupt, wir alle zusammen lieben und hasslieben doch unsere Leidenschaft. In diesem Sinne, machen wir die Homegames doch etwas sauberer und schöner, lassen die Schuhe an und wechseln den Zustellservice. Dann klappt es irgendwann auch mal mit den Frauen am Pokertisch. – Ich hoffe Hermann Pascha liest diese Kolumne (ausnahmsweise) mal nicht, sonst wäre er wegen dem letzten Satz wahrscheinlich ziemlich enttäuscht von mir.

HGP Gotz Schrage

Götz Schrage

 

 

2 Kommentare zu “Schräge Gedanken – Die knallharte Homegame-Reportage – Viele Pizzas, keine Frauen und sonderbare Zigaretten

  1. Ich bin ebenfalls ein langjähriger Fan von Götz Schrage und seinen „Schrägen Gedanken“! Mehr davon…

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