Pro-Tipp Jan Heitmann – Aggressivität ist der Schlüssel zum Erfolg beim Poker!

Autor Jan Heitmann
Autor Jan Heitmann

Jeder weiß es. Schon seit Super System ist sich der ambitionierte Pokerspieler bewusst, dass Aggression beim Poker von entscheidender Bedeutung ist.

Es ist wesentlich schwieriger, einen aggressiven Gegner zu spielen, als einen passiven. Selbst ein geldverbrennender Maniac macht zumindest kurzzeitig den passiveren Leuten am Tisch das Leben schwer.

 

Aber warum eigentlich?

Der aggressive Spieler gewinnt alle Pötte, die keiner will. Wenn keiner etwas getroffen hat, oder mit einer mittelmäßigen Hand nur wenig Druck standhalten kann, dann zahlt sich Aggressivität direkt aus. Indirekt führt das Image aber auch zu mehr Profit. Zum einen bekommt man mehr Action und eine bessere Auszahlung mit seinen starken Händen. Zum anderen haben die Gegner im Idealfall Angst und spielen durchschaubarerer und suboptimal.

Soweit die einleuchtende Theorie.

Wie aber setzt man das in die Praxis um?

Anfänger, aber auch gestandene Spieler, fühlen sich oft überfordert in den modernen, hyperaggressiven Games. Wie kann man sich Aggressivität antrainieren? Wie kann man sich gegen aggressive Spieler verteidigen? Das sind Fragen, die immer wieder auftauchen. Ich werde versuchen, hier einige Grundregeln aufzustellen. Wir gehen mal von No-Limit Holdem aus, immer noch das beliebteste Spiel. Die Konzepte sind aber auf alle Varianten anwendbar. Spezielle Situationen werden als solche beschrieben.

Erfolgreiche Aggressivität ist nicht wahllos

Man kann nicht jeden Pot gewinnen. Vor allem sollte man nicht versuchen, jeden Pot unnötig aufzublähen, nur um unbedingt aggressiv zu wirken.

Tight-aggressive ist immer noch eine gewinnbringende Strategie. Loose-aggressive gewinnt an manchen Tischen aber mehr, wenn man weiß, wann man den Fuß vom Gas nehmen muss. Blinde Aggressivität gewinnt viele kleine Pots, oft auch große, aber ist langfristig nicht profitabel, da sie gute Spieler ausnutzen werden.

Starke Spieler versuchen nicht, andere Spieler von guten (oder sogar sehr guten) Händen runterzudrücken. Sie sind dann aggressiv, wenn der Gegner Schwäche zeigt.

Dazu gehört natürlich gutes Hand Reading. Je mehr ich über die Tendenzen meiner Gegner weiß, desto besser.

Tipp: Aggressivität lohnt sich in Situationen, in denen der Gegner selten stark ist!

Faktoren, die Aggressivität begünstigen:

Jan_HeitmannPosition, Position, Position

Die Position in der Hand

Ich will so oft wie möglich als letzter agieren.

Wie immer. Position macht den Unterschied. Es ist WESENTLICH leichter in Position aggressiv zu spielen. Ich habe einfach mehr Infos, es wird oft zu mir gecheckt, ich kann auch mal eine freie Karte nehmen und alle Hände, ob stark oder schwach, lassen sich profitabler spielen.

Hand Reading in Position ist um einiges einfacher. Auf vielen Boards müssen sich starke Hände zu erkennen geben, um sich gegen Draws oder Action Killer Karten zu verteidigen. Wenn der Gegner hier keine Stärke zeigt, dann ist er meistens schwach.

In früher Position suche ich nach Gründen, die Hand nicht spielen zu müssen. In später Position (vor allem natürlich am Button) suche ich nach Gründen, die Hand spielen zu können.

Die Position am Tisch

Sitze ich hinter den aggressiven Spielern, kann ich mit Aggressivität meinerseits kontern. Sitze ich vor den Aggros, sollte ich öfter trappen, aber auch check-raisen. Sitze ich zwischen zwei Hyper-Aggros, sollte ich, wenn möglich, den Tisch wechseln. Grundsätzlich möchte ich auf die besten oder auf die schlechtesten Spieler am Tisch Position haben. Am liebsten habe ich mindestens einen tighten (und durchschaubaren) Spieler direkt zu meiner linken. Ich versuche, die trickreichen, aggressiven Spieler zumindest nicht zu meiner Linken zu haben.

Warum? Man ist oft mit seinen direkten Nachbarn im Pot. Je trickreicher die Spieler, desto öfter werden sie in Pots einsteigen. Mein linker Nachbar hat immer Position auf mich, es sei denn, ich habe den Button. Wenn es ein tighter, durchschaubarer Spieler ist, dann ist es relativ einfach. Er spielt seine Hände, macht mir aber das Leben nicht besonders schwer. Fein.

Anders der gute Aggro. Der wird oft vor dem Flop dreibetten, auf dem Flop floaten oder bluffraisen, mich auf Turn oder River vor schwierige Entscheidungen stellen. Ekelhaft. Ein guter Spieler zu meiner Linken schränkt meine Möglichkeiten stark ein. Also vermeide ich diese Situation wenn es geht.

In einem Cash Game, ob online oder live, habe ich schon sehr oft den Platz (oder den Tisch) gewechselt, wenn mir die Situation nicht gefiel. Im Turnier kann man da oft leider nichts machen.

Die relative Position in Multiway Pots

Cash Game, 100 BBs deep, NL Holdem.

Findet den Unterschied:

1.Situation:

Aggro UTG erhöht auf 3BBs, ich calle direkt danach, der Button callt.

2. Situation

Aggro UTG erhöht auf 3BBs, Button callt, ich calle im Big Blind.

Im ersten Beispiel habe ich eine schlechte relative Position. Der Preflop Raiser wird die meisten Flops anspielen, dann bin ich dran. Danach kommt aber noch ein Gegner hinter mir.

Im zweiten Beispiel habe ich eine gute relative Position. Der andere Gegner sitzt zwischen mir und dem Preflop Raiser und muss sich quasi zuerst zu erkennen geben.

Tipp: In guter Position spielt es sich leichter aggressiv!

Die Gegner

Wie fast alles beim Poker, so sind auch die Aggression und der Grad der Aggression von meinen Gegnern abhängig.

An einem Tisch, wo alle der Meinung sind, ich bin der stärkste Spieler am Tisch (kommt selten vor) und wo sich keiner wehrt, kann ich natürlich viel aggressiver spielen. Solange meine Gegner gegen meine Raises und Bets weiter folden oder callen (also passiv spielen), kann ich ohne Probleme aggressiv bleiben.

Sobald sie sich aber wehren, muss ich mich anpassen.

Gegen Calling Stations sollte man nicht bluffen, dafür aber groß valuebetten.

Gegen ängstliche Gegner sollte man zur Aggressivität neigen.

Bluffer sollte man kommen lassen, auch wenn sich das Board immer Angst einflößender entwickelt.

Tipp: Aggressiv gegen die richtigen Gegner!

Ein Plan

Man sollte einen Plan für jede Hand entwickeln. Und zwar nicht nur auf dem Flop, sondern auch für Turn und River.

Dazu gehört Wissen über den Gegner, gutes Hand Reading und Ruhe bewahren.

Viele Anfänger lassen sich aus der Ruhe bringen, wenn ihre Continuation Bet keinen Erfolg hat. Sie geben den Turn auf. Dabei ist es inzwischen allgemein bekannt, dass der Preflop Raiser meistens auf dem Flop noch einmal feuert. Daher werfen viele Gegner noch nicht unbedingt auf dem Flop weg. Aber vielleicht auf dem Turn?

Wann sollte man den Turn noch mal feuern, wann sollte man aufgeben? Wann lohnt sich eine Second Barrel?

Die Formel:
Pot Equity + Fold Equity = Aggressivität

Jan HeitmannSoll heißen: Wenn wir viel Pot Equity haben, also eine starke Hand, oder wenn wir viel Fold Equity haben, d.h. unser Gegner wird oft wegwerfen, dann sollten wir aggressiv werden, bzw. bleiben.

Pot Equity zu erkennen traue ich allen Lesern zu. Man schaut sich seine Hand an, überlegt, ob es die momentan Beste ist (und vor welchen Karten man Angst haben sollte) oder schaut, wie viele Outs man gegen die Range vom Gegner hat. Soweit so gut.

Fold Equity ist ein bisschen schwieriger einzuschätzen. Da kommen Reads und gutes Hand Reading ins Spiel. Je mehr man über den Gegner weiß, desto besser. Ist das jemand, der seine starken Hände auf dem Flop raised oder lieber trappt? Was heißt es, wenn er nur callt, etc.

Wichtiger ist noch: wie verändert der Turn das Board? Hilft die Karte eher meiner Range oder eher der des Gegners? Ist die Turnkarte eine Scare Card für meinen Gegner?

Wenn der Turn unsere Fold Equity erhöht, sollten wir noch mal feuern. Klassisches Beispiel: Wir contibetten auf einem J84 Flop, der Gegner callt. Der Turn bringt einen König und unser Gegner checkt. Gute Karte zum barreln. Der König kann uns gut geholfen haben, der Gegner wird sich schwer tun, mit Händen wie 66-TT oder Jx noch einmal zu bezahlen.

Schlechte Barrelkarten: Der Turn paired die Topcard. z.B.: Flop J84, Turn J. Hat das Board nicht verändert. Top Pair ist jetzt Top Trips, 66-99 haben jetzt weniger Angst vor einem J, wir können weniger Hände repräsentieren. Guter Zeitpunkt für eine Value Bet, aber ein schlechter für einen Bluff.

Andere gute Turnkarten, um weiter aggressiv zu bleiben: Wir nehmen auf dem Turn Equity auf, zum Beispiel durch nun mögliche Backdoor Draws.

Ideal sind natürlich Karten, die beide Kriterien, also mehr Fold Equity UND mehr Pot Equity mit sich bringen.

Tipp: Vor der Contibet schon überlegen, auf welchen Turnkarten man weiter setzt!

Aggressivität muss weder SOFORT noch IMMER gewinnen

Viele Anfänger denken, jede aggressive Aktion muss den Pot gewinnen, oder sie macht keinen Sinn. Dem ist nicht so. Wie schon beschrieben, ist Aggressivität auf dem Flop oft nur eine Vorbereitung für mehr Aggressivität auf Turn und River. Wenn wir auf dem Flop die Hand nicht gewinnen, dafür aber auf dem Turn umso besser. Dann gewinnen wir sogar mehr Geld, da der Gegner auf dem Flop noch bezahlt. Und wenn es sein muss, haben wir ja noch den River, auf dem wir die ultimative Frage an den Gegner stellen können.

Natürlich verliert man durch gesteigerte Aggressivität auch manchmal mehr Chips als in einer Hand nötig. Aber das wird in der Gesamtstrategie locker ausgeglichen. Zum einen gewinnt man wesentlich mehr kleinere und mittlere Pots, zum anderen gewinnt man viele größere Pots, wenn man mal eine starke Hand hält.

Die Lösung zu aggressiverem Spiel liegt in der Wahl des richtigen Zeitpunkts. Wenn man alle Faktoren berücksichtigt, ergeben sich viele Spots, in denen man seine Aggression und seine Winrate steigern kann.

In diesem Sinne: Stay aggressive.

Autor: PokerStars Pro Jan Heitmann

Bild Quelle: PokerStars, Tomas stacha, Neil Stoddart

 

 

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