Pro-Tipp Fabian Quoss – Wie erzählt man eine Pokerhand?

Pro-Tipp Fabian Quoss – Wie erzählt man eine Pokerhand?
„Hey Fabian, könntest du mir bitte mal deine Meinung zu folgender Hand sagen:

Ich hab Ass-Dame und erhöhe auf 300, zwei Leute bezahlen. Flop geht auf 589 mit zwei Herz … ähm ne, ich glaub rainbow … oder? Ach ist ja jetzt auch egal. Auf alle Fälle lauter kleine Karten. Ziemlich sicher 985 oder zumindest 9, klein, klein. Ich spiel erstmal an und der eine Spieler geht dann noch mal ziemlich groß drüber.

Was machst du da in dieser Situation?“

Fabian Quoss
Fabian Quoss

Auch wenn die Schilderung dieser Hand-History mit Sicherheit zu den extremeren Beispielen gehört und wohl einige erfahrenere Spieler zum Schmunzeln bringt, muss ich sagen, dass diese Art der Analyse einer gespielten Hand leider bei erschreckend vielen Spielern (oder wenn sie zu meinen regelmäßigen Gegnern gehören, vielleicht auch eher bei erfreulich vielen Spielern), die ich im Laufe der Zeit so kennengelernt habe, durchaus den Normalfall wiedergibt.

 

Auch wenn ich eine Person gerade erst kennengelernt habe, kann ich mir in den meisten Fällen schon ein relativ gutes Bild über ihre Pokerfähigkeiten machen, wenn ich ihn oder sie das erste Mal über eine Hand sprechen höre.

Für einen guten Pokerspieler gehören zu einer gespielten Hand eine Vielzahl an unterschiedlichen Faktoren, die zu der Art und Weise wie die Hand dann letztendlich gespielt wurde, beigetragen haben, wohingegen sich erstaunlich viele Spieler schon 10 Minuten nach der Hand nur noch daran erinnern können, dass der Flop „Ass, Banane, Banane“ war und man dann über die Contibet des Gegners mal irgendwie drüber gegangen ist.

Im Folgenden werde ich versuchen, die wesentlichen Faktoren zusammen zu tragen, die bei der Nacherzählung und Analyse einer gespielten Pokerhand entscheidend sind.

(Preflop)

Stacksize
Wenn mein Gegenüber beginnt, mir eine Hand zu erzählen und dabei gleich in die Preflop Betting Action einsteigen möchte, kommt es häufig vor, dass ich ihn noch während der ersten Sätze unterbreche, um mich nach der genauen Stacksituation am Tisch zu erkundigen.

FabianGerade MTT Poker stellt einen als Pokerspieler immer wieder vor neue, sehr spezifische Problematiken, die man so vorher noch nicht wirklich vorgefunden hat.

Beispielsweise könnten in einer bestimmten Situation zwei aggressive Shortstacks mit Stacks von ca. 20 BB am Button und im Small Blind verhindern, dass man eine Hand, die man sonst gerne vom Cut-Off aus openraisen würde, um gegen den schwachen Spieler im Big Blind, der – wie man selbst – ca. 70 BB vor sich stehen hat, eine Hand in Position zu spielen.

Sich zu jeder Zeit der verschiedenen Stacksizes am Tisch bewusst zu sein oder sich zumindest vor jeder Hand, die man eventuell spielen möchte, noch einmal ein Bild davon zu machen, gehört für jeden guten Turnierpokerspieler zum Handwerkszeug. Es sollte nie vorkommen, dass man z.B. vom Reraise des Gegners total überrascht wird und nun auf einmal nicht weiß, was man mit seiner Hand, die zwar zum Eröffnen stark genug war, aber nicht geeignet ist, um bei den aktuellen Stacksizes irgendetwas gegen das Reraise zu unternehmen, tun soll. Man sollte zu jeder Zeit auf alle möglichen Szenarien vorbereitet sein.

Betsizes

Hat der Spieler nur geminraised oder z.B. auf 4 BB erhöht? Nicht nur für die Ermittlung der Potgröße ist auch diese Information entscheidend für eine bessere Nachvollziehbarkeit der Hand.

Dynamik am Tisch und eigenes Table Image

Es ist immer hilfreich, dem Zuhörer ein möglichst detailliertes Bild der spezifischen Situation am Tisch zu verschaffen. Waren wir in den letzten Orbits sehr aggressiv? Wie wurden wir an dem Tisch wahrgenommen? War die Atmosphäre am Tisch relaxed oder sogar feindselig? Gab es sonstige Besonderheiten, die die Hand in irgendeiner Art beeinflusst haben könnten?

Turnierphase (Bubble, Antes, etc.)

Natürlich spielt es eine entscheidende Rolle, zu welchem Zeitpunkt im Turnier sich die Hand abgespielt hat. Zwar werden einige dieser Faktoren schon durch die Stacksizes beantwortet, allerdings ist es weiterhin natürlich auch entscheidend, ob schon Antes im Spiel waren oder ob die Hand sich z.B. nahe der Bubble abgespielt hat.

Vor allem am Final-Table kommen dann zusätzlich noch Überlegungen vor dem Hintergrund des Independent Chip Model (ICM) hinzu.

Position aller Spieler oder zumindest der Spieler, die in die Hand eingreifen

Gerade für die akurate Abschätzung der Handranges der beteiligten Spieler ist es sehr wichtig, die genauen Positionen am Tisch zu kennen.

Jeder halbwegs passable Spieler sollte beispielsweise zum Button hin deutlich looser openraisen als aus den früheren Positionen. Dieses Wissen gilt es in die Bewertung der Hand natürlich mit einzubeziehen.

Vor allem für Live-Poker relevant:

Charakterisierung und Kategorisierung der beteiligten Spieler anhand von Äußerlichkeiten, Verhaltenstendenzen, Tells und bereits gespielten Händen

Fabian_QuossSind einem bisher schon Dinge aufgefallen, die für die Bewertung der Hand relevant sein könnten? „UTG+1 raised auf 5 BB“ und „der übergewichtige Italiener, der zehn Minuten zuvor den Kellner für das versalzene Essen beleidigte und in der Folge um die 70% seiner Hände auf 2-10 BB openraiste, raised aus UTG+1 auf 5 BB. Drei Minuten zuvor brachte er J6s zum Showdown, das er aus MP auf 7 BB geopened hatte“ unterscheiden sich im Informationsgehalt doch deutlich.

Vor allem für Online-Poker relevant:

Average Buy-In und ROI, Holdem Manager, HUD-Stats wie VPIP, PFR, 3bet-Wert, etc.

In welcher Größenordnung bewegen sich die Buy-Ins des zu betrachtenden Spielers? Wie erfolgreich war er hierbei auf welche Anzahl an Turnieren?

Wie viel Prozent seiner Hände spielt der Spieler und wie aggressiv ist er hierbei?

Viele dieser Fragen lassen sich durch die Verwendung von Pokersoftware wie z.B. Holdem Manager leicht beantworten.

(Postflop)

Pot-, Stack- und Betsizes

Gerade bei einer größeren Anzahl an Spielern, die sich den Flop ansehen oder wenn bereits Antes im Spiel sind, ist es hilfreich, die Größe des Pottes und der gegnerischen Stacks noch einmal explizit anzugeben und natürlich auch wieder die Höhe aller Einsätze korrekt wiederzugeben.

Genaue Boardtextur

Jedes Detail zählt. Hatten wir mit unserer Hand einen Backdoorflushdraw oder nicht? Bringt die Turn-Karte einen möglichen Flushdraw oder liegt nach dem Rainbowflop jetzt eine Karte von jeder Farbe und Flushes sind unmöglich?

Plan für alle möglichen Gegneraktionen, Turn- und Riverkarten bzw. Plan für den Rest der Hand kommunizieren

 Einen großen Fehler, den vor allem viele unerfahrene Spieler zu begehen pflegen, ist es, für den weiteren Verlauf der Hand noch keinen Plan zu haben. Beispielsweise wird der Flop angespielt, ohne genau zu wissen, wie man auf ein Raise reagieren würde. Wird man dann wirklich geraist, wird drei Minuten überlegt und die (völlig unerwartete) neue Situation bewertet.

Gute Pokerspieler überlegen sich vor jeder eigenen Aktion alle theoretisch möglichen Folgeaktionen und das mögliche eigene Vorgehen bei verschiedenen Turn- oder Riverkarten.

Dies gilt es auch dem Zuhörer mitzuteilen: Warum habe ich die folgende Aktion gemacht und welche weiteren Absichten hatte ich für den weiteren Handverlauf?

 Mit den nun zu Verfügung stehenden Details zu der gespielten Hand wird es beiden Seiten um einiges leichter gemacht, konstruktiv und mit gleichem Informationshintergrund darüber zu sprechen.

Fazit:

Poker ist ein Spiel mit unvollständigen Informationen. Ein kompetenter Spieler kann und sollte also versuchen, immer alle ihm zur Verfügung stehenden Informationen wahrzunehmen und diese dann in die Entscheidungsfindung einfließen zu lassen.

Um nun einen anderen Spieler um Rat fragen zu können, muss man diesem auch die gleichen Informationen zu Verfügung stellen. Denn wenn dieser nur wenige/nicht alle der oben aufgeführten Details kennt, könnte seine Bewertung vollkommen anders ausfallen.

Autor: Fabian Quoss

Bild Quelle: PokerStars, Neil Stoddart

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