Schräge Gedanken – Kleiner Leitfaden für die hohe Kunst des Geldverleihens!

schrageWerter Leser meiner bescheidenen Kolumne. Seit langer Zeit habe ich das Privileg, für Hochgepokert zu texten, und seit ebenso vielen Jahren bemühe ich mich, quasi ein wenig für alle zu schreiben. Eine universelle Kolumne mit allgegenwärtigem Nutzwert für den modernen Pokerspieler. Selbstverständlich auch für den weniger modernen und ebenso selbstverständlich für Dealer, Floorpersonal, Casinogastronomie und nicht zu vergessen, meine Freunde von der Security. Diesmal ist aber alles anders und ich möchte eine Warnung aussprechen. Der folgende Text behandelt das heikle Thema: „Geld verleihen, im Casino leicht gemacht.“ Wenn Sie also ausschließlich Onlinepoker spielen, oder aus religiösen oder sonstigen Gründen niemals in die Verlegenheit kommen auf Sätze wie: „Du hast du einen Moment Zeit, es wäre nur bis …….“ zu reagieren, dann nützen Sie lieber die schöne Zeit draußen in der Natur und hören bitte ab sofort auf, weiterzulesen. Vielen Dank!

Schön, dass Sie noch da sind, aber Sie haben es noch wirklich geschafft. Die prinzipielle Bereitschaft, Geld im Casino zu verleihen, zeigt mir, dass Sie ein mutiger Mensch mit Ambition sind, und dafür gibt es schon einmal ein fettes „RESPEKT“ als kleine Anerkennung. Allerdings fühle ich mich verpflichtet, explizit auf den schwierigen Teil dieser dubiosen Transaktionen hinzuweisen. Die Sache mit dem Kassieren. Ihre Tauglichkeit zum Inkassanten gehört überprüft, und das können Sie aus der doch recht oberflächlichen Autoren-Leser Beziehung letztlich nur selber tun. Der Blick in den Spiegel reicht dafür nicht aus, und auch die Zahl Ihrer täglichen von Ihnen absolvierten Liegestützen interessiert mich wenig. Sie müssen einfach „Kassierer-Gen“ haben, dann spielt es auch keine Rolle, ob Sie dicke Brillen tragen müssen, oder Allergiker oder Asthmatiker sind. Sollten Sie jemals vom Facharzt eine grenzwertige Persönlichkeitsstörung, oder zumindest Ansätze des Borderline-Syndroms diagnostiziert bekommen haben, wäre das schon einmal ein guter Start. Meine persönliche Diplomprüfung hatte ich bereits im jungen Erwachsenenalter. Im Hochsommer am Flohmarkt, Hitze, und tausende Menschen drängeln sich durch den schleppenden Personalverkehr der viel zu engen Gänge zwischen den Verkaufsständen. Da war dieses mir unbekannte, junge Punk-Mädchen. Schwarze Lederjacke, darunter ein schwarzes, ärmelloses T-Shirt, enge schwarze Hose, schwarze Schnürstiefel, schwarz gefärbte Haare, zirka 160 cm groß. „Gibst du mir mal Kohle. Ich habe Hunger und möchte mir einen Döner kaufen.“ Ich packe einen Geldschein aus der Hemdtasche und gab ihn ihr mit den Worten: „Kauf dir auch was zu trinken, aber bring mir das Restgeld!“. Im Wissen, dass es nicht besonders viel an Restgeld sein würde, bei den stolzen Preisen dort. Jedenfalls sah ich das Punk-Mädchen zuerst noch aus den Augenwinkeln am Dönerstand, und dann war sie auf einmal verschwunden und mit ihr mein Restgeld. Traditionell gibt es sicher hundert Mädchen dieser Art auf jedem Flohmarkt dieser Welt, und wie erwähnt, es war heiß, eng und voll an diesem Tag. Trotzdem bin ich wie ein wütender Psycho losgezogen. Gang für Gang, Stand für Stand, und ich habe sie nach mehr als einer Stunde gefunden. Beinahe hätte ich noch gesagt: „Das Restgeld kannst du behalten. Das wollte ich nur klarstellen.“ Jedoch wäre damit bewiesen gewesen, dass ich nicht habe, was man eben haben sollte. Das so wichtige „Kassierer-Gen“. – Ich hoffe, Sie haben diese kleine Story in Bezug auf die eigenen Talente verstanden und nur wenn Sie glauben, mindestens so gut (oder hoffentlich noch besser) zu sein, wenn es darum geht, die verliehene Kohle wieder zu holen, sollten Sie auch weiterlesen. Sonst trennen sich unsere Weg genau hier! – Danke für Ihr Interesse.

Jetzt sind wir also unter uns. Die Auserwählten! Die Jungs mit der Lizenz zum Kleinkreditgeber unter besonders erschwerten Bedingungen. Die Motive des Antragstellers sind klar. Er will das Geld und zwar so schnell wie möglich. Den genannten Zahlungszielen wird unmittelbar und mit dem Brustton der Überzeugung zugestimmt. Diese glaubwürdig vorgetragene Zusicherung schließt einen späteren zähen Zahlungsfluss allerdings keineswegs aus. Ganz im Gegenteil, umso häufiger geschworen wird, oder der schlimme Begriff: „Ganz sicher morgen! Ganz sicher!“ fällt, desto schwerer wird es mit dem Kassieren. Aber, da Sie und ich ja zu den wahren Casinohelden gehören, schreckt uns diese Perspektive nicht weiter. Und streng unter uns, kommen wir jetzt endlich zu den fünf möglichen Gründen, Geld im Casino zu verleihen.

CCC Million Goetz SchrageGeld verleihen, um der Einsamkeit zu entfliehen – Man kennt das. Neue Stadt, oder zumindest neues Casino. Jeder kennt jeden. Es wird geplaudert und gescherzt. Nur man selbst bleibt alleine. Das schmerzt, besonders wenn man einen großen Pot verliert und niemand auch nur das geringste Bedauern, zumindest ansatzweise, vortäuscht. Was man braucht, sind neue Casinofreunde und mit €500 ist man meist gut dabei. Das ist der internationale Tarif. Warten Sie einfach auf ihre Chance. Wenn der größte Fisch am Tisch All-In gegangen ist und seine beiden Nachbarn auf wundersame Weise synchron in Richtung Toilette marschiert sind. Während alle anderen der tapferen Dagebliebenen den Blick beharrlich senken, halten Sie Ihr Kinn hoch und warten auf den ersten Blickkontakt. Ein Griff Richtung Hosentasche reicht dann meist, und Sie haben (mindestens) einen neuen Freund inklusive Totalbetreuung. Ihre – und leider auch seine – Bad Beats werden ausführlich besprochen. Die Luckbox von Gegner beschimpft und verhöhnt und das die ganze Nacht für schlappe €500. Ich kenne Lokale, da gibt man dasselbe in einer Stunde für eine „Totalbetreuung“ aus. – Das Kassieren wird allerdings eine Herausforderung. Aber ich glaube an Sie!

Dem Freier Geld leihen, um es dann wieder zu gewinnen. – Hört sich verführerisch an, ist aber dann oft in der Umsetzung schwieriger, als man glaubt. Gehen wir davon aus, dass es sich beim Kreditnehmer um einen liquiden Ehrenmann handelt. Am besten einen, der fünfmal in der Woche kommt und sich nur manchmal bei der mitgebrachten Munition verschätzt. Das Risiko liegt also ganz woanders. Reiche Ehrenmänner irren unerschrocken durch die großen Pots und selbstverständlich auch in Pots, in die Sie selbst verwickelt sind. Drei Outs sind einfach zu verführerisch und mit vier Outs werden Sie den Edelfreier auch bis zum River nicht los. Jahrzehntelange Erfahrung lässt mich zu dem Schluss kommen, dass sich auf mysteriöse Art und Weise die Trefferquote eklatant erhöht. Am Ende der Session bekommen Sie zwar das Geld freudestrahlend retourniert. Vielleicht gibt es noch einen Single Malt Whisky als Geste der Dankbarkeit. Den können Sie auch in Ruhe trinken, bevor Sie das Casino broke und scheinebefreit verlassen.

Leihen Sie Lästigen freiwillig kleine Summen, um ihn lebenslang loszuwerden.

Goetz SchrageIch leihe jemandem Geld, mit dem ich nie mehr etwas zu tun haben möchte. Auf diese Methode bin ich besonders stolz. Möglicherweise habe ich darüber vor Jahren schon einmal geschrieben, aber der Trick ist so großartig, den will ich auch den jungen, neu dazugekommenen Lesern des ehrwürdigen Pokerblatts, auf keinen Fall vorenthalten. Das System ist schnell erklärt. Man muss einfach auf eine günstige Gelegenheit warten und günstig definiert sich über die zu investierende Summe. Als mögliche Begünstigte dieses Darlehens (Schenkung?), kommen nur Spieler in Frage, die Sie absolut nicht leiden können und mit denen Sie den Kontakt auf ein Minimum reduzieren möchten. Sobald der Auserwählte den bescheidenen „Ich-möchte-nur-€100-Blick“ aufgesetzt hat, zücken Sie den entsprechenden Schein. Vereinbaren die Fälligstellung für den folgenden Abend, und dann müssen Sie fest die Daumen drücken, dass dieser Termin platzt. Wenn Sie wirklich viel Glück haben, wird sich der Schuldner ab diesem Zeitpunkt immer vor Ihnen verstecken. Wie zufällig, das Casino verlassen, oder sich zumindest immer am entgegengesetzten Ende der Spielhalle aufhalten. Quälen Sie den Armen nicht zu sehr mit bösen Blicken. Genießen Sie den neuen Status, und betrachten Sie die €100 als Einmalzahlung für Ruhe und Entspannung. – Sollte der Rückzahlungstermin jedoch pünktlich eingehalten werden, dann haben Sie ein großes Problem. Ihr neuer Freund wird zum gefühlten „Triple-A-Schuldner“, und das nächste Mal wird es dann teuer. In dem Fall wäre mein Rat, hören Sie auf zu spielen, oder verlassen Sie zumindest für ein paar Jahre die Stadt.

Verleihen Sie Geld gegen Zinsen – Das ist natürlich streng verboten, dafür aber sehr lukrativ. Wenn Sie das vorhaben, verrate ich Ihnen – gegen angemessenes Consulting-Honorar – alles was Sie wissen müssen. Bitte kontaktieren Sie mich persönlich, oder zumindest per Facebook.

Leihen Sie Ihrem Angstgegner Geld – Macht nach meinem Konzept nur Sinn, wenn Sie mit ihm am selben Tisch sitzen. Auch dem Stärksten geht mal das Geld aus. Vor der Artillerie der Bad Beats ist niemand gefeit. Wenn es dann soweit ist, dass derjenige, vor dem Sie spielerisch am meisten Respekt haben, ein Kleindarlehen braucht, kommt Ihre Stunde. Unter Gentleman haben Sie dann einen eklatanten Vorteil. Mit geliehenem Geld, wird man nun mal Heads-Up nicht „gecheckraist“. Während niemand von Ihnen erwarten wird, dass Sie Ihr Spiel umstellen, wird der sonstige Angstgegner – zumindest für diese eine Nacht – für Sie persönlich zum offenen Buch. Wenn Sie wirklich viel Glück haben, und der Kollege schafft dann mit Ihrem Geld noch ein Comeback, hält dieser Friedensvertrag über einige Sitzungen an. – Somit, unter allen fünf Gründen, jemanden im Casino Geld zu leihen, wahrscheinlich der mit Abstand beste.
Autor: Götz Schrage

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen, zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich Hochgepokert.com vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.

Einen Kommentar schreiben