Eine Hand zwei Meinungen – Robert Haigh vs. Gregor Derkowski

„Poker nach Lehrbuch“ ist ein geflügeltes Wort. Wieso spielen Profis Hände dennoch so unterschiedlich? Um Einblick in die Denkweise des Profis zu bekommen, haben wir zwei Pros mit der gleichen Konstellation konfrontiert. Dass die verschiedenen Poker-Spieler die Hände zum Teil sehr unterschiedlich spielen, beweisen wir wieder einmal in unserer Rubrik „Eine Hand – zwei Meinungen“. Wir befragten mit Robert Haigh und Grzegorz Derkowski zwei bekannte Poker-Profis der Poker-Szene.

Handanalyse der Pros

Eine Hand – zwei Meinungen

Handbeschreibung:

Die folgende Hand spielte sich am Final Table des WSOP Main Events 2012 ab. Noch waren alle neun Spieler mit dabei. Die Payouts für die Plätze Neun bis Sechs waren, $754.798, $971.252, $1.257.790 und $1.640.461. Die Shortstacks am Tisch waren Jeremy Ausmus 10.150.000 und Michael Esposito 9.525.000.

Russel Thomas (USA)
Russel Thomas (USA)

Russell Thomas (USA) (Button) Stack: 20.525.000 (Fünfter in Chips) Qd Qc

Steven Gee (USA)
Steven Gee (USA)

Steve Gee (USA) (UTG) Stack 17.150.000 (Siebter in Chips) 8c 8d

 

Hand 30 (Blinds 200.000/400.000 Ante 50.000)

Steve Gee eröffnete die Hand mit einem UTG Raise auf 900.000. Chipleader Greg Merson callte von (UTG+1) und Russell Thomas callte ebenfalls vom Button.

Potsize: 3.750.000

Flop: 7c 4h 5d

Steve spielte 1.600.000 an. Greg foldete und Russell machte den Call.

Potsize: 6.950.000

Turn: Jc

Steve setzte nun 3.250.000 und Russell callte erneut.

Potsize: 13.450.000

River: 3s

Steve ging jetzt für 11.350.000 All-In.

Nach gut fünf Minuten Bedenkzeit machte Russell den Call und gewann die Hand mit einem Paar Damen. Steve nahm Platz 9 für $754.798.

 

Meinung Robert Haigh

Robert Haigh (GER)
Robert Haigh (GER)

In dieser Hand ist zu berücksichtigen, dass sie sich am Final Table der WSOP ereignet hat und jede einzelne Platzierung den jeweiligen Spieler in eine deutlich höhere Preisstufe bringt. Zwar ist anzunehmen, dass alle Spieler auf Sieg spielen werden, aber jeder an diesem Final Table sollte sich bewusst sein, wie viel Geld seine Chips im Moment wert sind.

Blinds 200k/400k/50k, UTG raised auf 900k (7. in Chips, 43BB) und wird vom Chipleader UTG+1 geflattet. Wir finden am Button QQ und sind mit unseren 51BB aktuell 5. in Chips. Die Shortstacks sind nicht involviert, aber dennoch erwähnenswert, da beide um die 25BB haben und niemand extrem short ist.

Ich kenne die Gegner nicht und habe leider keine weiteren Informationen über deren Spielweise. Dennoch würde ich die Range des UTG-Raisers aufgrund seiner Position, der Anzahl der Spieler (Fullring, es ist noch keiner gebustet) und weil es erst die 30. gespielte Hand am Final Table ist, etwas tighter einschätzen. Diese beinhaltet hauptsächlich Pocket Pairs (eher höhere als niedrige), suited Broadway Cards, AQo AKo und vielleicht noch einige Suited Connectors. Dadurch reduziert sich seine Range bei diesem Flop auf 88+ und Hände wie 44, 77, 55, 66, 76s, 56s, 54s. Der Chipleader hat aufgrund seines Stacks einen großen Vorteil gegenüber allen anderen Spieler, deswegen denke ich, dass er trotz seines Flatcalls in UTG+1 eine weite Range hat und viele Flops sehen will, um nach dem Flop Druck auf seine Gegner ausüben zu können.

Nachdem der Rest der Spieler zu uns gefolded hat, halte ich Preflop einen Overcall für die beste Variante. Die Hand wird dadurch gut verschleiert und der Pot wird klein gehalten. Mit einer 3Bet würden wir dem UTG-Raiser die Chance zur 4Bet geben. Diese könnte uns vor eine schwierige Entscheidung stellen, da wir nichts über seine 4Bet Bluff Range oder Frequenz wissen. In dieser speziellen Situation würde ich es Preflop nicht auf einen Coinflip gegen AK anlegen, oder meine Chips gar 20/80 gegen KK und AA Preflop reinbekommen wollen.

Der Flop bringt uns mit 7c4h5d ein Overpair und der UTG-Raiser setzt mit 1,6 Mio. in den 3,75 Mio.großen Pot etwas unter halber Potsize. Da sich unser Gegner Preflop mit einem Call von zwei Gegnern konfrontiert sieht gehe ich davon aus, dass seine Contibettingrange nicht so hoch ist, wie vielleicht anzunehmen. Ich denke, dass er mit Overpairs sehr häufig bettet, um zu sehen, wo er steht und um das Feld auszudünnen. Sets bettet er definitiv auch for Value, Draw + Pair Kombinationen wie 56s oder 76s würden mit einer Cbet den Turn sehen und hätten zusätzlich auch noch Fold Equity. Die einzigen Hände, mit denen er wahrscheinlich nicht anspielt und checkt, wären nonpair Hands wie AK, AQ, AJs, KQs, KJs, QJs, JTs, usw. Ein Call ist hier die beste Option, da ein Raise fast nur von besseren Händen gecallt wird und Hände gegen die wir aktuell vorne sind, vertrieben werden könnten.

Der Turn verändert mit einem Jc relativ wenig, außer, dass uns jetzt auch JJ schlägt. JT-AJ Hände würden zwar Top Pair machen, aber wie bereits erwähnt, denke ich nicht, dass er mit diesen Händen in UTG+1 sehr oft contibetten würde. Unser Gegner setzt jetzt 3.250.000 in einen Pot von 6.950.000 und hat noch zirka 11.000.000 für den River behind. Falls er eine Hand wie TT, QQ, KK, AA hält, könnte er ebenfalls eine zweite Bet ansetzen, jedoch denke ich, dass er diese Kombinationen durchaus zu einem gewissen Teil am Turn zwecks Potcontrol checken würde. Es wäre wichtig zu wissen, wie er 88 und 99 weiterspielt. Er könnte zum Beispiel 88 in einen Bluff turnen, um somit einige bessere Hände wie 99, TT und QQ zum folden zu bekommen.

Meinung Gregor Derkowski:

Gregor Derkowski (GER)
Gregor Derkowski (GER)

Der WSOP Final Table. Endlich ist es soweit! Die Spieler werden die wahrscheinlich teuersten Entscheidungen ihres Lebens treffen müssen, da es für den Sieger um über acht Millionen Dollar geht. Dass diese Entscheidungen durchaus knifflig sein können wird in der nächsten Hand sehr deutlich.

Preflop openraised Steve Gee sein Paar Achten auf 2,25 Big Blinds und wird von Greg Merson gecallt. Letzterer spielte am Final Table sehr viele spekulative Hände in Position, weil er sich seinen Gegnern gegenüber im Vorteil sah und diese Postflop ausspielen wollte. Jetzt kommt die Action zu Russel Thomas am Button und dieser entscheidet sich mit Qd Qc nur zu callen, um die Potgröße kontrollieren zu können und seine Hand etwas zu verstecken.

Am Flop spielt Gee eine standardmäßige Continuation Bet von etwas unter halbem Pot wie er es fast immer tun sollte, weil man davon ausgehen kann, dass sowohl Merson als auch Thomas eher große suited Karten haben als kleine. Außerdem hat Gee auch noch einen Gutshot und häufig die beste Hand, die er natürlich schützen möchte. Merson foldet eine uns unbekannte Hand, Thomas hat dagegen einen easy Call mit Queens.

Am Turn kommt der Bube und Steve setzt erneut. Diese Bet macht meiner Meinung nach nicht viel Sinn, da ich nicht glaube, dass er hier noch von einer schlechteren Hand gecallt wird. Außer von 6x 6x , und dem eher seltenen 67s kann er hier von nichts schlechterem als 88 Value bekommen. So tight es aussehen mag würde ich an Gees Stelle am Turn Check-Fold spielen, da Thomas, falls er betten sollte, meist ein Set oder ein Overpair hat und nur sehr selten blufft. Steve entscheidet sich jedoch zu betten und wird wiederum gecallt. Thomas hat hier immer noch einen einfachen Call, weil Steve auch Hände wie Ass-Bube am Flop gebettet haben kann und nun glaubt die beste Hand zu halten. Genauso kann er einen Flushdraw haben gegen den er natürlich ebenfalls vorne ist. Geschlagen wird er hier nur von Sets, Königen und Assen.

Bislang hatte Thomas zwei recht einfache Calls, da die Range seines Gegner ziemlich weit war, doch ab hier ist es leider nicht mehr so einfach für Thomas. Nachdem die 3 am River auftaucht und die Straße komplettiert, geht Steve Gee für fast Pot All-in. Der Flushdraw ist aber gebustet. Steve Gee, der sich hier wohl nicht mehr vorne sieht geht All-in, um Thomas von seinen besseren Paaren herunterzubluffen.

Das All-in schränkt seine Valuerange jedoch enorm ein. Würde er in dieser Situation jemals One Pair Hände wie J::x oder Kings valuebetten? Ich denke nicht, also kann Thomas diese schon ausschließen. Da Steve ja Hände wie 9x 9x,10x 10x, Qx Qx + zum folden bringen will, kann er selbst ein Set 4er kaum für Value betten, weil ihn theoretisch nicht viel callen kann. Was übrig bleibt sind also nur noch Jacks, eine Sechs und pcket Sevens, die am Flop beide Sets schlagen, die Thomas hätte haben können. Als Bluff kann er immer noch alle Kx Qx, Ax 10x, Ax Qx, Ax Kx Kombos haben, die am Turn einen Flushdraw aufgepickt haben und nun mit nichts dastehen. Genauso kann er ein Paar 8er bis 10er in einen Bluff verwandeln um, wie Steve Gee uns im Interview nach seinem Ausscheiden verrät, den Buben auf den er Russel gesetzt hat (warum auch immer?) zum folden zu bekommen. Ich denke Thomas hat hier den besten Bluffcatcher, da er alle in einen Bluff verwandelten Paare schlägt. Auch wenn es hier um sehr viel Geld geht und man wirklich nur einen Bluffcatcher hat ist das ein klarer Call.

Steve ist durch sein Betsizing so polarisiert, dass es einfach zu unwahrscheinlich ist, dass er eine sehr starke Hand hält.

Thomas hat die Nerven bewahrt und die richtige Entscheidung getroffen, Nice Hand!

Bild Quelle: FABfotos, Neil Stoddart, PokerNews

 

 

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