Schräge Gedanken – Der Straßenpinkler und der verwaschenene Pullover

schrageGöttin Fortuna kümmerte sich wie gewöhnlich um andere Patienten. Alle waren gegen mich und auch der Dealer lächelte verschlagen. Vor dem Geld hatte niemand Respekt in der Partie. Einfach putzig bunt-bedrucktes Papier, das man in ebenso bunte Plastikscheiben wechseln musste, weil es der Floorman so wollte. Alles war erlaubt, nur keine Scheine am Tisch. Nichts gelang mir, und immer wenn ich mal was riskierte und mich in den Pot meldete, schoß der verschlagen-grinsende Araber mit dem ausgewaschenen Plastikpullover und Monster-Stack zurück. Es war zum Verzweifeln!

Und dabei hatte der Abend schon so schlecht angefangen. Vielleicht sollte ich nach Mitternacht einfach ins Bett gehen und nicht ins Casino. Kaum war ich auf der Straße hätte ich es eigentlich erkennen können, ja quasi irgendwie wissen müssen. Nur dazu sollte ich ein weniger schlauer sein – und beherrschter sowieso.

Um es wirklich in gebotener Kürze zu erzählen, müsste ich mich jetzt konzentrieren. Dazu fehlt mir nach der gestrigen Session die entsprechende geistige Frische. Wie auch immer, kaum war ich aus meinem Haus draußen sah ich den Straßenpinkler am nachbarlichen Haustor sein Geschäft verrichten. Geleitschutz hatte er dabei von seinem Freund, der quasi Schmiere stand und konzentriert und abwechselnd in beide Richtungen der menschenleeren Straße starrte. Ich wurde ignoriert und das kann ich sowieso nicht leiden und pinkelnde Männer am Nachbarshaustor noch weniger.

„Jungs, es gibt genug Lokale in der Nähe. Muss das sein?“, sagte ich. „Was willst du von uns?“, war die wenig konstruktive Antwort des schmierestehenden Assistenten. Ich sah mir mein Gegenüber genauer an: knapp ein Metersiebzig groß, Strohut (wir hatten draußen minus zehn Grad), weißes Hemd offen, dünnes Jäckchen ebenfalls geöffnet und ein Teint wie Peter Doherty an einem schlechten Tag.

„Was ich will, spielt keine Rolle“, antwortete ich. „Was ich nicht will ist, dass ihr auf meine Straße pinkelt“. Der Verursacher der urbanen Stoffwechseldiskussion hatte seine Hose inzwischen notdürftig geschlossen und kam näher. Ebenfalls schmächtig, kein Riese vor dem Herrn, Hemd und Jacke geöffnet trotz der erwähnten eisigen Temperaturen, eine Brille wie Kurt Krömer und hut- aber keineswegs sprachlos. „Wenn ich könnte, würde ich ihn wieder auspacken und dir hier direkt vor die Füsse pissen.“

Ich war ratlos und vor allen Dingen maximal verwirrt. Kurz zu meiner Person, damit sie das ganze Bild im Kopf haben. Knapp zwei Meter groß, hundert Kilo, einen leichten Hang zur Hässlichkeit, wenn ich mich aufrege und trotz dutzender Therapiesitzungen immer noch diesen psychotischen wütenden Ausdruck im Gesicht, der mir schon viel Ärger erspart hat (oder verursacht hat – je nachdem wie man es betrachtet).

HGP Goetz SchrageBebrillte suhlte sich in der augenscheinlichen Wirkung seiner Worte und ich gebe zu, ich war ob der überraschenden Unverschämheit für einen Moment sprachlos: „Junge“ setzte ich an, zugegeben ohne zu wissen, wohin mich dieser Satz führen würde: „Junge, jetzt höre einmal zu …“. Und dann war wieder diese Leere im Kopf und vor allen Dingen diese latente Verwirrung. Ich habe mehr Gewicht als die beiden Jungs nach einem Wochenendeinkauf zusammen und überhaupt. Vielleicht hatte ich mit den regierenden Thaikickboxweltmeistern zu tun und ich wusste es nur nicht? Irgendwas muss man können, wenn man so frech und unerschrocken ist. Und während ich das alles gleichzeitig dachte und obendrein danach rang meinen Satz würdevoll zu beenden, schob sich der strohbehutete Peter Doherty zwischen uns, packte seinen Freund beim Arm und zischte mir zu: „Sag jetzt besser nichts mehr!“Ab jetzt war alles Routine. Alte Reflexe ließen die Antworten nach üblichem unbewährten Muster sprudeln: „Weil was sonst?“ Ich mochte meine Frage, die ist phonetisch immer schick und eine der besten Fragen, die ich seit Jahren drauf habe. Jetzt hatte ich gleich mehrfach die Gelegenheit dazu. Es kam zu folgendem Dialog:

„Sag jetzt besser nichts mehr!“

„Weil was sonst?“

„Sag jetzt besser nichts mehr!“

„Weil was sonst?“

Usw., usf.

Und das wäre wahrscheinlich noch ewig so weiter gegangen, wenn sich der bebrillte Pinkler nicht mit einem „Lass die Schwuchtel, gehen wir“ eingemengt hätte. Der Strobehutete hielt kurz inne, nickte mir zu und in einem Moment der Unachtsamkeit küsste er mich auf die Schulter! Unglaublich, ich weiß, aber es war so. In einem Bruchteil einer Sekunde schnellte sein Kopf nach vorne und schmatzte mir auf die Jacke.

Was hatte das alles zu bedeuten? Wie reagiert man adäquat und angemessen? Was machte diese Jungs so sicher? Drogen? Oder haben die sich gerade die große Bruce Lee DVD-Box reingezogen und glauben, dass können sie jetzt auch? Oder steckte was Reales dahinter? Vielleicht unangenehm aufmunitioniert oder eben in ein Waffengeschäft eingebrochen und auf der Suche nach einem Dummie?

Wie auch immer, ich fuhr dann ins Casino. Saß da immer noch verwirrt – und zugegeben ob dieser Verwirrung – ein wenig teilnahmslos und kampfunkräftig. Dann kam dieser sonderbare Pot. Ich hatte das große Blind, mein linker Nachbar macht ein Minraise auf zwei Big Blinds. Der verschlagen-grinsende Araber sah angewidert in sein Blatt, nahm die Karten, um sie andeutungsweise – und ebenso angewidert – zu entsorgen. Schien sich das im allerletzten Moment nochmal zu überlegen und zahlte dann doch. Fold, fold, fold bis zu mir. Zwei Jacks, kein Plan und ein sofortiges Raise auf satte zehn BB. Mein linker Nachbar schmiss in einer Zehntelsekunde weg und in einer weiteren Zehntelsekunde schob der Araber seinen ganzen Stack in die Mitte. Viel Geld, vielleicht nicht viel Geld für die German Highrollers. Aber für mich viel Geld und für den Araber mit dem ausgewaschenen Plastikpullover sicher auch.

Was hatte das alles zu bedeuten mit dem angedeuteten Fast-Fold und der ganzen Show von eben gerade. Sollte ich einfach wegschmeissen und weiter über den Schulterküsser und den Sraßepisser nachdenken? Hielt mich die ganze Welt irgendwie für jemanden, den man rumschubsen konnte, wie es einem passte? Stand da irgendwo auf meiner Stirn: „Der Mann wird dieses Jahr 50, dem zeigen wir es jetzt?“ Oder was war los?

Goetz Schrage„Bezahlt“, sagte ich mit meinen zwei zittrigen Jacks. Der verschlagene Araber machte seine Hand nicht auf und ich auch nicht. Vorerst nicht zumindestens. Flop, Turn, River. Karten auf. Ich zeigte meine Jungs, er warf die Zehner in den Muck. Ich gewann den Monsterberg an Jetons! Großartig! Und was ist jetzt die Moral der Geschichte oder – besser gefragt – der beiden Geschichten? Nun, Moral gibt es selbstverständlich keine, aber der keineswegs neue Erkenntniszuwachs bestätigt sich. Irgendwie hängt alles zusammen. Irgendwie verursacht alles was einem so passiert, dass dann wieder was passiert, was anders läuft, als es wohl gelaufen wäre. Hätte mir der Junge nicht in meine Straße gepinkelt, hätte ich meine beiden Jacks gefoldet. Garantiert. Dann hätte der Araber den Pot gewonnen und sich am nächsten Tag einen unverwaschenen neuen Plastikpullover kaufen können. So gesehen fast schade, dass ich das Geld eingesackt habe. Apropos, sollte ich die beiden schmächtigen Nachtvögel wieder treffen, werde ich mich selbstverständlich bedanken. Nur das mit der Schulterküsserei muss aufhören. Irgendwo sind Grenzen.

Autor: Götz Schrage

 

 

 

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