Eine Hand – zwei Meinungen: Thomas Mühlöcker vs. Martin Finger

„Poker nach Lehrbuch“ ist ein geflügeltes Wort. Wieso spielen Profis Hände dennoch so unterschiedlich? Um Einblick in die Denkweise des Profis zu bekommen, haben wir zwei Pros mit der gleichen Konstellation konfrontiert. Dass die verschiedenen Poker-Spieler die Hände zum Teil sehr unterschiedlich spielen, beweisen wir wieder einmal in unserer Rubrik „Eine Hand – zwei Meinungen“. Wir befragten mit Thomas Mühlöcker (AUT) und Martin Finger (GER) zwei erfolgreiche High Roller der Poker-Szene.

Handanalyse der Pros

Eine Hand – zwei Meinungen

Handbeschreibung:

Die folgende Hand spielte sich am Tag 3 des WSOP Main Event 2013 ab. Die drei in der Hand involvierten Spieler waren zugleich die Bigstacks am TV-Table. Die Hand ereignete sich im Level 11 bei Blinds 800/1.600 und einer Ante von 200. Zu diesem Zeitpunkt waren noch ca. 1.600 Spieler im Turnier. Der Average lag bei ca. 119.000.

Hier ist die Hand als Video:

Handanalyse Thomas Mühlöcker

Thomas Mühlöcker (AUT)
Thomas Mühlöcker (AUT)

Preflop

Preflop spielt jeder der Drei die Hand standardmäßig. Okeloa könnte hier auch gut mit seiner Hand 3-betten, aber ohne zusätzliche Informationen, wie loose Mader bis dato gespielt hat, ist der Flat so deep wohl die beste Option. Iveys Defendingrange würde ich gegen zwei Amateurspieler in diesem Spot sehr weit einschätzen, da er sich sicherlich eine große Postflopedge gibt.

Flop

Mader macht eine standardmäßige Continuation Bet mit seinem Toppair und Okeloa callt mit seinem Middle Pair und Backdoor Flush Draw. Jetzt check-raist Ivey sein Set for Value, um den Pot aufzubauen und die Initiative in der Hand zu übernehmen. Ich sehe hier in Iveys Range neben einem Set Vierer und Siebender auch viele Two Pair Kombinationen, da er meiner Meinung nach auch Q7s, Q4s und 74s im Big Blind defenden wird. Zusätzlich könnte er hier AQ und KQ für Value raisen, um die Initiative zu übernehmen und die Hand nicht out of Position gegen zwei Gegner weiterspielen zu müssen. In Iveys Semibluffrange sehe ich neben 65 für den OESD auch noch einige Gutshots wie 86 oder 85. Einen totalen Bluff würde ich in dieser Situaton gegen zwei Spieler ausschließen. Maders einzige Option ist zu callen, da folden auf jeden Fall zu weak wäre und er sich mit einem Reraise nur gegen bessere Hände isolieren würde.

Turn

Der Jd am Turn ist mehr oder weniger eine Blank. Obwohl jetzt ein Flush Draw liegt, sind die Straight Draws vom Flop nicht angekommen. Trotzdem könnte Ivey 65 weiterbarreln, um Hände wie 88-TT zum Folden zu bringen mit denen Mader wohl oft auf dem Flop callen wird. Deshalb würde ich an Maders Stelle auch am Turn callen.

River

Auf den ersten Blick verbessert sich Maders Hand auf dem River, aber im Grunde schlägt ihn (bis auf 74) weiterhin jede Hand aus Iveys Valuerange. Zusätzlich kommt noch der Backdoor Flush an, sodass uns jetzt neben 6d 5d auch noch Hände wie zum Beispiel 8d 5d und 8d 6d schlagen. Ivey wird seinem Gegner nach zwei Calls eine starke Hand geben und davon ausgehen, dass ein Amateurspieler hier nicht im Stande ist eine Dame zu folden. Deshalb overbettet er den River, um maximale Auszahlung zu bekommen. Dennoch hätte ich hier an Iveys Stelle kleiner gebettet, um einen sicheren Call zu bekommen, da die Bet fast Maders Turnierleben bedeutet und Amateurspieler generell sehr vorsichtig sind, wenn ihr Turnierleben auf dem Spiel steht.

Obwohl Mader hier Trips hält ist seine Hand nur ein Bluffcatcher, da Ivey mit kaum einer schlechteren Hand All-In gehen würde. Ich gehe nicht davon aus, dass Ivey beim Main Event für sein Turnierleben versuchen würde, einen Amateurspieler in einem solchen Spot zu bluffen, wo dieser allem Anschein nach eine starke Hand hält. Deshalb würde ich genauso wie Mader am River folden.

 

Meinung Martin Finger

Martin Finger (GER)
Martin Finger (GER)

Marder ist UTG +1 an einem 9-handed Tisch. Es sind noch 1.600 Spieler mit dabei, somit befindet sich das Turnier noch nicht wirklich in der langsam näher rückenden Bubble-Phase. Für einen Amateurspieler hat er in meinen Augen am Tag 3 bis dahin ziemlich solide gespielt. In der folgenden Hand bekommt er KQo. Mader entscheidet sich mit seinem 125BBs großen Stack für ein 2,2x faches Openraise, was ziemlich standard ist. Seine Range wird sich hier als doch eher tighter Spieler preflop relativ gut eingrenzen lassen. Ich gehe davon aus, dass er wohl einige Pockets wie 77+, einige Suited Connectors wie 78s+, ein paar Broadway Combos (KQ, KJs) ventuelll KTs und auch Ax Combos wie ATs, AJo openraisen wird, was auch völlig gerechtfertigt ist. In Middle Position sitzt Ola Okeloa mit A7s und entscheidet sich zu callen. Aus meiner Sicht ist dieser Call grenzwertig, da noch einige Spieler nach ihm dran sind und Maders Range ziemlich stark ist. Allerdings sind beide sehr deep, er hat Position und wird sich wohl eine gewisse Postflopedge geben. Es wird gefoldet bis zu Phil Ivey im BB, welcher mit Sicherheit einer der gefürchtetsten und bekanntesten Spieler in der Pokerszene ist. Er hat ebenfalls noch weit über 100BBs und entscheidet sich mit Pocket 44 zu callen. Ivey ist bekannt dafür, dass er seinen BB sehr gerne verteidigt. Bei so deepen Stacks gegen zwei Spieler, wo er sich sicher sein wird eine große Edge Postflop zu haben macht das auch durchaus Sinn. Demzufolge kann Iveys Range hier wirklich sehr weit sein. Ich würde sogar soweit gehen, dass er in dieser Situation selbst Hände wie 74 nicht folden wird.

Jetzt kommt der Flop 47Q rainbow, welcher von keinem der Spieler komplett verfehlt wurde. Ivey trifft Bottom Set, Marder Top Pair mit secondbest Kicker und Okeloa Middle Pair mit Backdoor Nutflushdraw. Ivey entscheidet sich, ohne Initiative zu checken. Man könnte das Board sicher auch leaden, weil Mader und Okeloa den Flop fast nie zusammen komplett verfehlt haben und so wohl eher selten auf Iveys Bet folden werden. Ivey sollte mit seinem Set bemüht sein einen großen Pot aufzubauen, da er ganz klar auf einer Valuehand sitzt. Das Problem, welches sich entwickeln könnte wenn Ivey den Flop checkt ist, dass wohl meistens einer der beiden eine Bet für Value (unabhängig von ihrer tatsächlichen Hand, sondern auf ihre eigentliche Range bezogen) machen wird und Ivey dann exakt zwei Optionen hat. Aktion A: Check/Raise, Aktion B: Check/Call. Beide Lines haben ihre Tücken. Wenn Ivey Variante B wählt und vorhätte nur zu check/callen, dann hätte er das Problem, dass der Aggressor oft auf dem Turn Hände mit Showdownvalue wie TT,JJ,QT,QJ für Potcontrol behind checkt. Somit wandert kein weiteres Geld in den Pot. Lediglich Top Pair mit starkem Kicker oder KK und Aces würden wohl auf dem Turn gesecondbarrelt, aber dann auf dem River oft behind gecheckt werden, weil Ivey mit schlechteren Händen noch auf dem River wohl kaum ein drittes Mal bezahlen würde. Wenn Ivey aber Variante A wählt und sich für ein Check/Raise entscheidet, ist das Problem, dass es auf einem rainbow Board viel zu stark aussieht und er es schwer haben wird gegen eine extrem starke Hand wie beispielsweise Aces von Marder über alle Streets Auszahlung zu bekommen Man darf nicht vergessen, dass Marder aus UTG+1 geopenraised hat. Gegen ein Check/Raise auf dem Flop und zwei weitere Bets kann er selbst mit Aces nicht mehr davon ausgehen vorne zu sein, weil er kaum eine Hand schlagen kann, außer ein paar 56 Combos, wenn keine weitere 8 oder 3 auf Turn oder River kommt. Ivey würde niemals versuchen mit einer einfachen Qx-Combo hier einen größeren Pot aufzubauen, weil er weiß, dass er dann niemals von schlechteren Händen ausbezahlt wird. Ivey’s Gedanken, dass er sich für ein c/r entschieden hat, werden sicherlich gewesen sein, dass er den Amateurspielern weniger „Credit“ gegeben hat und somit vermutet, dass sie wohl nicht in der Lage sind die Range von ihm, bei der Line Check/Raise, Bet, Bet zu bestimmen und somit ihre starken Hände wie AQ, KK, AA nicht folden können. Obwohl diese eigentlich gar nicht in der Range von Ivey sind. Wenn Ivey davon ausgeht, dann muss er entweder den Flop check-raisen oder er entscheidet sich nur zu callen, um dann den Turn zu check-raisen und somit einen größeren Pot aufzubauen. Letztendlich check-raist Ivey den Flop auf 18.000, was eine ziemlich große Betsize ist, da er davon ausgeht, dass Marder seine Toprange nicht folden kann und wahrscheinlich keine Betsizereads auf Ivey haben wird. Marder callt und Okeloa entscheidet sich zu folden, da sein Middle Pair nach dieser Action eindeutig nicht mehr gut sein kann. Im Pot befinden sich nun 54.400. Der Turn ist ein Bube in Karo und Ivey ist first to act. Er betet 35.000, was grob 60% des Pots sind. Wieder eine verhältnismäßig große Bet. Ivey wird sich sicher sein, dass Marder mindestens eine Q mit starkem Kicker oder KK, AA hat, aufgrund seiner Openraiserange Preflop und dem Bet/Call von ihm auf dem Flop. Da Ivey ebenfalls davon ausgeht, dass Marder sich nur schwer von seiner Range am Turn trennen kann betet er erneut groß für Value, was auch völlig richtig ist, wenn er Marder als eher schlechteren Spieler einordnet. Der Bube am Turn verändert nicht wirklich viel, da Marder höchstens Two Pair gemacht haben kann und Ivey somit immer noch die beste Hand hält. Das zweite Karo bringt einen Flush Draw. An dieser Stelle sollte Marder eigentlich bewusst werden, dass er hier kaum noch eine Hand aus Iveys Range schlagen kann, außer eventuell 56, allerdings hält er immer noch Top Pair mit einem starken Kicker, was ihn wohl einfach dazu bewegt hat nochmal zu callen. Der River bringt die Queen in Diamonds. Eine sehr interessante Karte, denn sie bringt sowohl den Backdoorflush, als auch Trips für Marder. Ivey geht All-In für 138.800 in einen Pot von 124.400 und stellt Marder damit vor eine schwierige Entscheidung. Letzterer entscheidet sich schließlich dafür zu folden, weil ihm jetzt klar wird, dass er im Endeffekt keine einzige Hand aus Iveys Range schlagen kann. Rein theoretisch würde Ivey mit 56 und 74, was die einzigen Hände wären die Marder schlagen würde, sich hier nicht aus dem WSOP Main Event rausbluffen, weil sein Stack von 138.800 immer noch sehr solide ist und er damit noch eine große Edge im Turnier hätte. Beide spielen die Hand supoptimal. Iveys Overbet auf dem River ist aus meiner Sicht nicht gut, da sich selbst ein Amateurspieler in dieser Situation fragen muss, was er denn noch schlagen kann und vor allem geht es um das Turnierleben von Marder. Es hat sich über die Jahre klar gezeigt, dass Amateurspieler sehr oft toughe Folds beim WSOP Main Event machen, je deeper die Turnierphase ist. Deshalb würde ich an Iveys Stelle den River eher klein beten, so etwas wie halben Pot, weil ein Amateurspieler mit einer äußerlich wirkenden Premiumhand in dem Spot eher selten einen Fold finden wird.

Fazit der Hand: Was beide hätten besser machen können wäre ein Fold von Marder am Turn und eine wesentlich kleinere Riverbet von Ivey gewesen.

Autoren: Thomas Mühlöcker, Martin Finger

Bild Quelle: PokerNews

 

 

 

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