Eine Hand zwei Meinungen – Vladimir Geshkenbein vs. Fabian Holling

„Poker nach Lehrbuch“ ist ein geflügeltes Wort. Wieso spielen Profis Hände dennoch so unterschiedlich? Um Einblick in die Denkweise des Profis zu bekommen, haben wir zwei Pros mit der gleichen Konstellation konfrontiert. Dass die verschiedenen Poker-Spieler die Hände zum Teil sehr unterschiedlich spielen, beweisen wir wieder einmal in unserer Rubrik „Eine Hand – zwei Meinungen“. Wir befragten mit Vladimir Geshkenbein und Fabian Holling zwei bekannte Poker-Profis der deutschsprachigen Poker-Szene.

Handanalyse der Pros

Eine Hand – zwei Meinungen

Handbeschreibung:

Full Tilt Million Dollar Cash Game in London

Blinds: 300 $/ 600 $ Ante 100 $ (8-handed)

Phil Iveys Stack: 648.000 $                    Holecards: Jd Js           Position: Cut-Off

Patrik Antonius Stack: 489.000 $         Holecards: Ah Tc       Position: Button

Phil eröffnet den Pot mit einem Raise auf 2.000 $. Patrik callt und auch Brian Townsend callt aus dem Small-Blind mit 8::s 8::c. Potsize: 7.400 $

Flop: Ac As Jc

Phil bettet 5.000 $ und Patrik erhöht auf 15.000 $. Brian gibt seine Hand auf. Phil macht die 3-Bet auf 50.000 $, die von Patrik bezahlt wird. Potsize: 107.400 $.

Turn: 5d

Phil bettet 100.000 $ und Patrik bezahlt wieder. Potsize: 307.400 $

River : Qh

Phil überlegt gut 2 Minuten und spielt dann 250.000 $ an. Nach langem Überlegen callt Patrik. Potsize: 807.400 $.

Vladimir Geshkenbein (SUI/RUS)
Vladimir Geshkenbein (SUI/RUS)

Meinung Vladimir Geshkenbein (SUI/RUS):
Phil bekommt also Jacks im Cutoff. Er eröffnet fuer 3,4 BB, was ein ziemlich hohes Raise ist. Normalerweise eröffnet man kleiner im Cutoff, aber da es ein Live-Game war und die Leute eher bereit sind mit schlechteren Karten zu callen, auch verständlich.

Patrik entscheidet sich die Hand nur zu flat-callen.

Ein guter Flop zum Contibetten und Phil spielt 2/3 des Pots an.

Patrick floppt Trips mit einem relativ guten Kicker und raist jetzt aufs Dreifache. Bis dahin alles ziemlich Standard. Mit solch einer starken Hand und so deep lohnt es sich nicht sie zu slowplayen. Nun kommt aber die 3-Bet auf 50’000 $. An Patricks Stelle hätte ich jetzt die Hosen voll. Nach seinem starken Reraise kommt die 3-Bet. Hier ist das Betsizing speziell zu beachten. Würde Ivey bluffen, könnte (und würde wahrscheinlich) er kleiner raisen. Es hat ja keinen Sinn für einen Bluff soviel Geld rauszuballern, wenn man auch weniger investieren könnte. Ein Raise von 15’000 auf 50’000 ist außerordentlich hoch (nicht wegen des Geldbetrages, sondern um wieviel mal mehr erhöht wurde). Gute Spieler bemerken sofort, dass da etwas nicht stimmen kann.

An Patricks Stelle würde ich jetzt schon über einen Fold nachdenken. Man sitzt 800 Big Blinds deep am Tisch, und wenn Ivey weiter ballert, geht fast der ganze Stack rein. Man nehme mal an, dass Ivey nie blufft, dann besteht seine Range aus folgenden Händen: AK, AQ, AJ, JJ (selten mal A10, KQc, KTc, QTc). Gegen diese Range ist man entweder weit hinten oder man nur ganz knapp vorne. Es gibt keine schlechtere Hand, die Phil für Value so spielen wird. Jetzt muss man sich fragen, wie oft Ivey bluffen muss, um da weiter zu spielen. Das kann ich nur schlecht beurteilen. Aber was ich sehe, ist die außerordentlich hohe 3-Bet, die eher auf eine Value Hand als einen Bluff schließen lässt.

Nun Patrick glaubt anscheinend, dass Ivey auch Bluffs in seiner Range hat und callt deshalb die 3-Bet am Flop (hier nochmal drüber zu gehen wäre purer Selbstmord und das sieht auch Patrick so). Der Turn bringt eine Blank und Ivey ballert fast Potsize rein. Patrick glaubt ihm wieder nicht und bezahlt.

So, jetzt ballert Ivey also 250’000 $ am River rein. Das ist fast Potsize. Bei Blinds von 300/600 sind das mehr als 400 Big Blinds! Ivey muss wissen, dass Patrick eine starke Hand hält, sonst hätte er nicht davor schon soviel investiert. Ich finde Iveys Betsizing in der ganzen Hand sehr stark. Er versucht das Maximum an Value zu extrahieren. Er hat am Flop bemerkt, dass Patrick eine gute Hand halten muss, und versucht durch seine hohen (sehr nahe an Potsize-) Bets möglichst viel Geld zu extrahieren. Sowas muss Antonius einfach auffallen.

Am River hat Antonius nur noch einen Bluff-Catcher. Die Hand sieht zwar schön aus, aber bei der Action schlägt man nichts außer einem reinen Bluff und muss das einfach weglegen, wenn nicht vorher, dann spätestens am River. Klar ist Ivey ein Spieler, der bluffen kann, aber ob man ihm zutraut 600 Big Blinds einfach so rauszuballern für einen Bluff?

 

Fabian Holling (GER)
Fabian Holling (GER)

Meinung Fabian Holling (GER):

Preflop wurde von allen drei Spielern standardmässig gespielt: Iveys Openraise auf etwas über drei BB ist von der Grösse her der Position enstprechend gut gewählt und Antonius folgender Call mit ATo ist gut, weier so dominierte Ax Hände in der Hand behält. Auch Townsends Call auf Setvalue ist Standard.

Am Flop continuationbettet Ivey 5.000 in 7.400, also circa 2/3 Potsize – eine gute Betsize bezogen auf Stacksizes und Boardtextur. Daraufhin raised Antonious auf 15.000, aus meiner Sicht kein sinnvoller Zug, auch wenn die beiden Spieler sehr deep sind und Antonius Ziel ist, Value von schlechteren Händen zu bekommen. Das Problem an seinem Raise ist, dass er nach einer 3bet von Phil Ivey nicht optimal weiterspielen kann. Entweder müsste er den Flop auf eine 3bet folden, was ihn anfällig für Bluffs machen würde, oder er müsste sie sowie alle weiteren Bets auf den späteren Streets callen. Das würde allerdings bedeuten, dass Ivey perfekt for Value spielen könnte.

Er macht also genau das Gegenteil von dem, was er mit seinem preflop Call erreichen wollte: Er isoliert sich am Flop gegen bessere Ax. Würde Ivey Antonius Flopraise jetzt nur callen, dann liefe dieser Gefahr, dass Ivey den Turn oder River mit schlechteren Ax folded und Antonius in etwa so viele Chips in die Mitte bekäme, als wenn er Ivey selbst drei Streets lang betten lassen würde.

Ivey raised erneut am Flop, diesmal auf 50.000. Dieses Raise repräsentiert eine sehr starke Hand, da es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass Antonius an seiner Position im Sandwich – er hat noch Townsend behind – purebluffen wird. Vor diesem Hintergrund kann Ivey sich nicht allzu viel Foldequity geben. Antonius Hand wird also nur noch ein Bluffcatcher, denn Ivey wird keine schlechteren Valuehände mehr am Flop erhöhen.

Der Turn blankt und Phil Ivey bettet fast Potsize. Ich denke, hier kann Patrik Antonius kaum folden, wenn er den Flop callt, denn das Board ändert sich nicht.

Am River feuert Ivey die dritte Barrel, ein weiteres Mal for Value und – wie ich finde – in einer guten Höhe. Zum einen zeigt Antonius mit seinem Turncall, dass er seine Hand nicht aufgeben möchte und an diesem Punkt ist es einigermaßen wahrscheinlich, dass er erneut callt. Zum anderen könnte Antonius annehmen, dass Ivey auf diesem River AK, AJ oder JJ nicht mehr so groß valuebettet und seine Range aufgrund der großen Bet mehr aus Bluffs besteht.

Nun ist Antonius an der Reihe und muss überlegen, welche Hände er schlägt. Hier findet sich die gleiche Situation wie am Flop: Antonius ist Iveys kompletter Valuerange unterlegen und würde nur noch einen Bluff schlagen.

Es stellt sich also die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass Ivey in dieser Hand blufft. Sinn eines solchen Bluffs wäre Antonius mit Händen wie AT und AQ zum Folden zu bewegen.

Ich kenne die History und den aktuellen Gameflow der beiden nicht, aber es ist unwahrscheinlich, dass Ivey tatsächlich blufft. Hierfür gibt es mehrere Gründe:

  1. Durch die Flopaction repräsentiert Antonius starke Showdownvalue
  2. Eine Hand aus Antonius Handrange, nämlich AQ, verbessert sich am River zu den Nuts

3.Ivey bettet jedesmal fast Potsize, obwohl er als Bluff auch durchaus weniger betten könnte

Davon ausgehend hätte Antonius seine Hand spätestens am River folden sollen.
Autoren: Vladimir Geshkenbein, Fabian Holling

Bild Quelle: PokerNews, PokerStars, Neil Stoddart

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