Eine Hand zwei Meinungen – Christopher Frank vs. Jonas Lauck!

„Poker nach Lehrbuch“ ist ein geflügeltes Wort. Wieso spielen Profis Hände dennoch so unterschiedlich? Um Einblick in die Denkweise des Profis zu bekommen, haben wir zwei Pros mit der gleichen Konstellation konfrontiert. Dass die verschiedenen Poker-Spieler die Hände zum Teil sehr unterschiedlich spielen, beweisen wir wieder einmal in unserer Rubrik „Eine Hand – zwei Meinungen“. Wir befragten mit Christopher Frank und Jonas Lauck zwei bekannte Spieler der internationalen Poker-Szene.

Handanalyse der Pros

Eine Hand – zwei Meinungen

Die folgende Hand spielte sich am Tag 3 des WSOP Main Event 2012 ab. Es war eine der letzten Hände von Tag3, im Turnier waren noch ca. 730 Spieler und 669 Plätze sollten bezahlt werden. Die Blinds lagen bei 2.000/4.000 Ante 500 und der Average betrug ca. 271.000.

Nghi van Tran (CAN) Stack 364,500 (Middle Position)

Benjamin Alcober (USA) Stack: 1.062.500 (Small Blind)

Hier ist die Hand als Video:

 

Meinung Christopher Frank:

Christopher Frank (GER)
Christopher Frank (GER)

Hier haben wir eine sehr eigenartige Hand vom WSOP Main Event 2012.

Van Tran und Alcober sind beides erfahrene Livespieler, und das macht die Hand sehr interessant. Beim Livepoker haben viele einen verrückteren Spielstil als online. Der Grund dafür ist, dass man nur ein Turnier auf einmal spielt, und mit seinen Kontrahenten an einem Tisch sitzt. In diesem Fall handelt es sich um das WSOP Main Event, welches das größte Pokerturnier des Jahres ist. Jeder träumt davon, es einmal zu gewinnen oder zumindest ins Geld zu kommen. Van Tran und Alcober werden also versuchen an der Bubble viel Druck zu machen, um sich eine gute Ausgangsposition für den weiteren Turnierverlauf zu verschaffen.

Van Tran raised 32o in dieser Situation aus mehreren Gründen: Wir nähern uns der Bubble, es ist die letzte Hand vor der Pause und der Bigstack sitzt im Small Blind, hat also keine Position.

Alcober macht daraufhin eine 3-Bet mit K8s, weil er van Tran eine sehr weite Bandbreite an Händen gibt, mit der dieser raisen kann. Er hofft, dass van Tran seine schwachen Hände einfach aufgibt und selbst wenn er einen Call bekommt, dann hat er immer noch eine spielbare Hand.

Beide Spielzüge sind also sehr gut nachvollziehbar, und ab jetzt wird es richtig interessant. Van Tran entscheidet sich nämlich für eine 4-Bet, die aber so klein ist, dass Alcober eigentlich nicht folden kann. Alcober wird out of Position zwar weit, aber keinen totalen Müll 3betten und die 18.000 immer nachzahlen, sogar mit schwächeren Händen wie K8s. Die 4-Bet gefällt mir deshalb gar nicht. Die Hand von van Tran ist einfach zu schwach, um einen 4betpot zu spielen. Ich hätte an seiner Stelle gefoldet und wenn ich 4betten wollte, dann so groß, dass mein Gegner keinen guten Preis auf einen Call bekommt.

Der Flop kommt mit 974 und Alcober macht eine Donkbet von etwas weniger als einem Drittel Pot. Dieses Play gefällt mit überhaupt nicht, da er out of Position gegen einen Spieler antritt, der nicht gerne foldet, er absolut gar nichts getroffen hat und es zudem so billig macht, dass van Tran im Prinzip eingeladen wird, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Letzterer entscheidet sich für ein Minraise, welches ich ebenfalls nicht verstehe. Er hat den Flop komplett verpasst und macht es trotzdem so billig für seinen Gegner, dass er den Pot an dieser Stelle fast nie mitnehmen wird. Alcober callt das Raise vermutlich aus dem Grund, weil der Pot schon relativ groß ist und er sehr gute Pot Odds bekommt.

Der Turn bringt eine weitere 9 und nun ist auch ein Flush Draw möglich. Alcober checkt und van Tran checkt behind. Wenn van Tran auf dem Flop den Plan hatte, viele Turns zu betten und denkt, dass die 9 eine schlechte Karte ist um zu setzen, dann würde es sein Spiel am Flop etwas besser machen.

Am River taucht eine 2 auf und Alcober macht eine sehr große Bet. Er hat es verpasst, van Tran vorher effektiv unter Druck zu setzen und startet einen letzten verzweifelten Versuch, den Pot zu gewinnen. Van Tran hat einen Bluffcatcher und entscheidet sich zu callen. Er hat vermutlich stundenlang mit Alcober gespielt und kommt zum Schluss, dass er oft genug gut ist. Nice Read!

 

 

Meinung Jonas Lauck:

Jonas Lauck (GER)
Jonas Lauck (GER)

Bevor ich auf die einzelnen Streets in der oben beschriebenen Hand eingehe, möchte ich noch ein paar Aspekte ansprechen, die in meinen Augen wichtig bzw. entscheidend für den Ablauf der Hand sind.

Da Alcober zu diesem Zeitpunkt einer der Chipleader im Turnier ist und sich die Hand am Ende des Tages abspielt, wird er oft versuchen den Druck auf die kleineren Stacks zu erhöhen, da sich ein Großteil der Spieler durch den Tag retten und knifflige Spots vermeiden möchte.

Hinzu kommt, dass sich das Turnier der Bubble nähert, wodurch er den Druck auf die Shorties noch mehr verstärken kann und daher auch viele Hände spielen wird.

Deshalb würde ich an van Tran´s Stelle 23o auch einfach Preflop folden. Er wird die Hand einfach zu oft out of Position spielen müssen und den Flop in den meisten Fällen verpassen. Allerdings entscheidet er sich mit seinem 90BB-Stack auf 10.000 zu raisen.

Alcober sitzt nun im SB mit K8s (250BB) und 3bettet auf 25.000. Ich würde in diesem Spot eher zu einem Call tendieren, da van Tran vom Spielertyp her viel zu selten auf die 3-Bet folden wird und Alcober die Hand in einem großen Pot ohne Position spielen muss. Da die beiden effektiv 90BB deep sind, würde ich K8s lieber passiv defenden und Postflop weiterspielen.

Da Alcober aber reraist geht die Action zurück zu van Tran, der dies mit einer 4-Bet auf 43.000 erwidert. Hierzu muss ich sagen, dass mir die Größe der 4-Bet nicht gefällt, weil Alcober als Chipleader nur 18.000 Chips nachlegen muss in einen Pot von bereits ca. 76.000 und das Ganze 90BB deep. Damit bekommt er ziemlich gute Odds für einen Call, was es sehr wahrscheinlich macht, dass er nicht auf die 4-Bet folden wird. Dies will man mit einer Hand wie 23o natürlich nicht erreichen. Mit einer sehr starken Hand wie z.B. AA oder KK könnte man eventuell etwas kleiner 4betten, um eine 5-Bet zu induzieren oder schlechtere Hände, wegen den guten Pot Odds, dabei zu behalten. Mit 23o würde ich hier auf jeden Fall immer größer 4betten (nämlich 55.000 bis 65.000).

Jedenfalls callt Alcober die 4-Bet, zum einen wohl wegen den guten Odds, zum anderen wird er die Hand, falls er nicht treffen sollte, oft durch einen Bluff gewinnen, da er van Tran gut unter Druck setzen kann.

Jetzt donkt Alcober einen recht trockenen Flop mit einer Bet in Höhe von einem Drittel Pot, was ziemlich ungewöhnlich ist, da normalerweise zum Aggressor gecheckt wird. Hier bin ich auch ehrlich gesagt überfragt, was er damit erreichen will. Möglicherweise hat er einen Read auf van Tran und Schwäche gespürt, vielleicht möchte er aber auch Hände wie AT+ zum Folden bringen. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Wenn er nämlich ein Paar getroffen hätte, würde er in der Regel Check/Call spielen, um den Gegner bluffen zu lassen. Nun minraist Alcober die 32.000 auf 65.000 und im Pot sind mittlerweile schon 180.000. Das Raise finde ich hier viel zu klein gewählt, ganz egal mit welcher Hand er dies tut, da er Draws oder irgendwelche Valuehände kaum zu einem Fold bewegt. Bei dieser Flop-Action kann ich nur davon ausgehen, dass hier keiner der beiden Spieler dem anderen eine starke Hand glaubt und sie sich einen gewissen Plan für die späteren Streets überlegt haben.

Alcober legt 33.000 Chips in einen Pot von 180.000 nach, vermutlich mit der Absicht den Pot am Turn oder River zu gewinnen. In meinen Augen macht die Spielweise beider Spieler am Flop nicht wirklich viel Sinn: Alcober würde mit einer Made Hand eher Check/Call spielen und van Tran die Donkbet nur callen oder größer raisen.

Am Turn kommt jetzt eine Blank und Alcober checkt zu van Tran. Wenn van Tran hier eine starke Hand wie z.B. ein Overpair halten würde, sollte er diese auch immer am Turn anspielen. Er checkt allerdings behind, was in meinen Augen eher nach Aufgabe aussieht bzw. möchte er mit Händen wie AT+ einen River sehen und abwägen ob er gegen verpasste Straight Draws dann vielleicht noch herocallt. Weshalb er dort nun mit 23o am Turn checkt, kann ich nicht ganz nachvollziehen, weil er in meinen Augen mit dieser Line den Gegner am River kaum zum Folden bringen wird, falls dieser mindestens ein Paar hat.

Nun trifft van Tran mit der letzten Karte die 3 und hält somit ein Paar. Wie erwähnt, ist er damit jetzt gegen verpasste Straßendraws und pure Bluffs gut, wobei ich bei dieser Spielweise einen totalen Bluffs so gut wie ausschließen würde.

Da Alcober den Pot am River mit einem Showdown fast nie gewinnen wird, muss er also setzen. Die Frage ist nun, wer hier was repräsentiert? Es besteht die Möglichkeit, dass Alcober eine One-Pair-Hand so gespielt haben könnte und den River aufgrund des Checks am Turn von van Tran für Value bettet. In meinen Augen sieht die Line aber eher nach einem verpasstem Draw aus.

Natürlich geht es hier für van Tran um einen Großteil seines Stacks, was ihm später an der Bubble das Turnierleben kosten könnte, falls er falsch liegt. Wenn man die Hand allerdings genau analysiert und die Spielweise von Alcober durchdenkt, finde ich den Call im Nachhinein gar nicht so spektakulär, wie er auf den ersten Blick aussieht. Nach meiner Analyse hätte ich in dieser Hand also am River gecallt; ob ich den Call beim WSOP Main Event in dieser Situation auch gemacht hätte, ist schwierig zu sagen, da man in so einer Lage nicht immer solch einen klaren Gedankengang hat. Allerdings hätte ich mich an van Tran´s Stelle mit 23o auch gar nicht erst in eine Situation gebracht, wo ich eine solch schwierige Entscheidung zu treffen habe 😉

Autoren: Christopher Frank, Jonas Lauck

Bild Quelle: WPT.com, PokerStars, Neil Stoddart

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