
Die Frauen haben bei der World Series of Poker 2026 einige der bemerkenswertesten Geschichten des Sommers geschrieben. Vier gewonnene Live-Bracelets, davon drei in offenen Events, ein neuer Teilnehmerrekord im Ladies Championship und so viele Frauen wie nie zuvor im Main Event sprechen eine deutliche Sprache.
Gleichzeitig zeigt die WSOP aber auch, wie schnell außergewöhnliche Leistungen wieder aus dem Blickfeld verschwinden können. Während Kristen Foxen inzwischen dauerhaft im Scheinwerferlicht steht, reicht bei anderen Spielerinnen bereits ein ruhigerer Sommer, um in der Berichterstattung kaum noch vorzukommen.
Dabei ist Sichtbarkeit besonders wichtig. Denn erst wenn Frauen sehen, dass andere Frauen auf der größten Pokerbühne erfolgreich sein können, erscheint dieser Weg auch für sie selbst realistisch.
Kristen Foxen triumphiert im $25.000 High Roller
Dass Kristen Foxen Turniere gewinnt, ist längst keine Überraschung mehr. Ihr Triumph im $25.000 No-Limit Hold’em High Roller war dennoch ein Meilenstein.
Die Kanadierin setzte sich in einem der stärksten Felder der Serie durch und sicherte sich ihr sechstes Bracelet sowie ein Preisgeld von $1.773.083 – den größten Turniergewinn ihrer bisherigen Karriere. Damit war Foxen die erste Frau seit Leo Margets im Jahr 2021, die ein offenes Live-Bracelet bei der WSOP gewann.
Mit inzwischen fast $19 Millionen an Live-Turniergewinnen führt Foxen außerdem die All-Time Money List der Frauen an. Ihr Erfolg zeigte erneut, dass Frauen auch in den teuersten und spielerisch anspruchsvollsten Turnieren der WSOP ganz oben stehen können.
Foxen befindet sich allerdings in einer besonderen Position. Durch ihre langjährige Konstanz hat sie sich einen festen Platz im Rampenlicht erarbeitet. Bei vielen anderen Spielerinnen scheint die Aufmerksamkeit wesentlich stärker vom jeweils letzten Ergebnis abzuhängen.

Michelle Chin gewinnt – und kritisiert die Pokerkultur
Das nächste Bracelet einer Frau folgte im $1.500 Limit 2-7 Lowball Triple Draw. Michelle Chin, die bereits vor elf Jahren als erste Frau ein Main Event auf dem WSOP Circuit gewonnen hatte, holte in Las Vegas ihr erstes WSOP-Bracelet.
Nach ihrem Sieg sprach Chin allerdings nicht nur über ihren sportlichen Erfolg. Sie nutzte die Aufmerksamkeit, um auf die weiterhin schwierige Atmosphäre für Frauen an vielen Pokertischen hinzuweisen.
Abwertende Formulierungen und vermeintlich harmlose Sprüche würden noch immer dazu beitragen, dass sich Frauen unwohl oder nicht willkommen fühlten. Viele Spieler meinten solche Aussagen möglicherweise nicht persönlich. Weniger unangenehm oder problematisch würden sie dadurch aber nicht.
Chins Botschaft war eindeutig: Einzelne Erfolge von Frauen dürfen nicht mit echter Gleichstellung verwechselt werden.
Rekordfeld und DACH-Erfolg im Ladies Championship
Eines der Highlights des Sommers war das $1.000 Ladies Championship. Insgesamt 1.475 Entries sorgten für einen neuen Teilnehmerrekord und einen Preispool von $1.298.000.
Den Sieg holte Skye Chen, die Aubrey Williams in einem spektakulären Heads-up bezwang. Chen erhielt für ihren ersten WSOP-Cash direkt das Bracelet und $194.630. Williams durfte sich als Zweite über $129.692 freuen.
Überschattet wurde Williams’ Lauf von zahlreichen beleidigenden und feindseligen Reaktionen im Internet. Diese kamen überwiegend von Männern, während sie von den Teilnehmerinnen im Ladies Championship große Unterstützung erfuhr.

Aus deutschsprachiger Sicht sorgte Jessica Teusl für das beste Ergebnis. Die Österreicherin erreichte den Finaltisch und belegte den neunten Platz für $16.668.
Damit erinnerte Teusl einmal mehr daran, dass sie zu den erfolgreichsten Spielerinnen des DACH-Raums gehört. Bereits 2022 hatte sie das Ladies Championship gewonnen. Damals setzte sie sich gegen 1.074 Entries durch und sicherte sich ihr erstes Bracelet sowie $166.975.
Vier Jahre später gelang ihr nun erneut der Sprung an den Finaltisch dieses prestigeträchtigen Events. In der allgemeinen Berichterstattung über die WSOP ging diese Leistung allerdings beinahe unter.
Shiina Okamoto und das kurze Gedächtnis der Pokerwelt
Wie schnell selbst außergewöhnliche Leistungen aus dem Fokus geraten können, zeigt das Beispiel Shiina Okamoto.
Noch im vergangenen Sommer gehörte die Japanerin zu den größten Geschichten der gesamten WSOP. Tatsächlich hatte ihr bemerkenswerter Lauf bereits zwei Jahre zuvor begonnen.
2023 wurde Okamoto im Ladies Championship Zweite und gewann $118.768. Ein Jahr später kehrte sie zurück, holte das Bracelet und $171.732. Doch damit nicht genug: 2025 verteidigte sie ihren Titel gegen 1.368 Entries und kassierte weitere $184.094.
Dreimal hintereinander erreichte sie im selben WSOP-Turnier mindestens das Heads-up. Zwei dieser drei Austragungen gewann sie. Eine solche Konstanz ist selbst bei den größten männlichen Stars des Spiels nur äußerst selten zu beobachten.
Auch außerhalb der WSOP setzte Okamoto ihren Lauf fort. Im Juli 2025 gewann sie ein offenes High Roller bei der Taiwan Millions Tournament Series. Wenige Wochen später setzte sie sich gegen 126 Entries im €550 Ladies Event der EPT Barcelona durch und erhielt €15.510. Es war bereits ihr dritter Turniersieg innerhalb weniger Monate.

Bei der WSOP 2026 endete ihre Jagd auf den dritten Ladies-Titel in Folge dagegen bereits an Tag 1. Zwar verbuchte sie im weiteren Verlauf der Serie noch einige Cashes, die ganz großen Ergebnisse blieben diesmal jedoch aus.
Und plötzlich war Okamoto kaum noch ein Thema.
Genau darin liegt ein grundsätzliches Problem. Spielerinnen werden häufig erst dann ausführlich wahrgenommen, wenn sie gerade Geschichte schreiben. Bleibt der nächste große Sieg aus, wandert das Rampenlicht sofort weiter. Bei vielen etablierten männlichen Stars reicht dagegen bereits die Teilnahme an einem Turnier, um regelmäßig in der Berichterstattung vorzukommen.
Yanting Jiang gewinnt mehr als $1,1 Millionen
Den vierten Live-Bracelet-Sieg einer Frau bei der WSOP 2026 feierte Yanting Jiang.
Die überwiegend aus Cash Games bekannte Spielerin hatte vor der Serie erst wenige nennenswerte Turnierergebnisse vorzuweisen. Im $3.000 Mid-Stakes Championship setzte sie sich jedoch an einem starken Finaltisch durch, an dem unter anderem Roberto Romanello, Maurice Hawkins und Punnat Punsri saßen.
Jiang gewann ihr erstes Bracelet und mit $1.159.182 das mit Abstand größte Preisgeld ihrer bisherigen Turnierkarriere.

Neben den vier Live-Siegen gingen außerdem zwei Online-Bracelets an Frauen. Sasha Mahabir und Krista Gifford holten jeweils einen Titel. Gifford verpasste ein zusätzliches Live-Bracelet nur knapp, als sie im $3.200 NL/Live Hybrid den zweiten Platz hinter Martin Kabrhel belegte.
Leo Margets durchbricht eine 30 Jahre alte Barriere
Ein Blick auf den vergangenen Sommer zeigt allerdings, dass selbst ein historischer Erfolg auf der größten Bühne des Pokers schnell von einer noch größeren Geschichte überlagert werden kann.
Leo Margets erreichte 2025 als erste Frau seit Barbara Enright im Jahr 1995 den Finaltisch des WSOP Main Events. Die Spanierin war damit erst die zweite Frau in der Geschichte, der dieser Sprung gelang.
Margets belegte schließlich den siebten Platz und gewann $1.500.000. Es war das höchste Preisgeld, das bis dahin eine Frau im WSOP Main Event erhalten hatte.

Dennoch wurde ihr Meilenstein schnell von Michael Mizrachis historischem Triumph überschattet. „The Grinder“ gewann nicht nur das Main Event und $10 Millionen, sondern hatte wenige Wochen zuvor bereits das $50.000 Poker Players Championship für sich entschieden. Noch nie zuvor hatte ein Spieler beide prestigeträchtigen Turniere im selben Jahr gewonnen.
Dass Mizrachis Leistung die Schlagzeilen dominierte, war nachvollziehbar. Trotzdem geriet dadurch beinahe in den Hintergrund, welche Barriere Margets durchbrochen hatte. Drei Jahrzehnte lang hatte keine Frau den Finaltisch des Main Events erreicht. Ein solcher Erfolg verdient mehr als nur einige Tage Aufmerksamkeit.
Im Main Event bleibt der nächste Durchbruch aus
Bei der WSOP 2026 wurde mit 431 Teilnehmerinnen erneut ein Rekord im Main Event aufgestellt. Das entsprach 4,68 Prozent des gesamten Feldes und bedeutete einen deutlichen Anstieg gegenüber den 369 Frauen im Jahr 2025.
Trotzdem schaffte es diesmal keine Spielerin unter die letzten 60. Die letzte verbliebene Frau schied auf Rang 61 aus, während der Finaltisch wieder ausschließlich aus Männern bestand.
Jen Shahade ordnete das Ergebnis statistisch ein. Bei dem erreichten Frauenanteil habe die Wahrscheinlichkeit, dass unter den letzten 60 Spielern keine einzige Frau mehr vertreten ist, nur bei ungefähr sechs Prozent gelegen. Bei vergleichbaren Teilnehmerzahlen müsste eine Frau rechnerisch etwa in jedem zweiten Jahr den Finaltisch erreichen.
Dass es 2026 nicht gelang, macht den Lauf von Leo Margets im Vorjahr noch bemerkenswerter. Es zeigt aber auch, wie falsch es wäre, ihren Finaltisch im Nachhinein als selbstverständliche Folge steigender Teilnehmerzahlen abzutun.
Sichtbarkeit kann weitere Erfolge ermöglichen
Die WSOP 2026 war ohne Zweifel ein starker Sommer für Frauen. Vier Live-Bracelets, zwei Online-Titel, mehrere Finaltische und neue Teilnehmerrekorde sind keine Randnotiz.
Gleichzeitig zeigen Michelle Chins Aussagen, die Anfeindungen gegen Aubrey Williams und das schnelle Verschwinden Shiina Okamotos aus der Berichterstattung, dass Erfolg allein noch keine Gleichbehandlung schafft.
Genau deshalb ist es wichtig, die Leistungen von Spielerinnen sichtbar zu machen – nicht aus Höflichkeit und auch nicht, um sportliche Ergebnisse künstlich aufzuwerten. Sondern weil Vorbilder beeinflussen, was andere Menschen für möglich halten.
Wenn Frauen Kristen Foxen ein $25.000 High Roller gewinnen sehen, Jessica Teusl erneut am Finaltisch des Ladies Championship erleben oder sich an Leo Margets im Main Event erinnern, wird der Weg auf diese Bühnen vorstellbarer. Und wenn etwas sichtbar möglich ist, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Spielerinnen versuchen, es ebenfalls zu erreichen.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht nur, dass Frauen bei der WSOP erfolgreich sind. Ihre Erfolge müssen auch lange genug im Rampenlicht bleiben, um etwas verändern zu können.










