
Seit 2021 gelten in Deutschland deutlich strengere Regeln für Online-Glücksspiele. Einsatz- und Einzahlungslimits, Spielpausen und Sperrsysteme sollen Spieler schützen und problematisches Spielverhalten frühzeitig begrenzen.
Doch fünf Jahre nach Einführung des Glücksspielstaatsvertrags stellt sich eine entscheidende Frage: Sind pauschale Schutzmaßnahmen tatsächlich der richtige Weg für alle Spieler?
Die aktuelle Forschung liefert darauf keine einfache Antwort. Eine neue Studie der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) zeigt zudem, dass Spielerschutz und die Bekämpfung des Schwarzmarktes nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.
Pauschale Limits haben ihre Grenzen
Die Grundidee hinter Einsatz- und Einzahlungslimits ist nachvollziehbar. Wer weniger Geld einsetzen oder einzahlen kann, soll auch weniger riskieren können.
Allerdings reagieren Spieler nicht gleich auf solche Vorgaben. Während ein Freizeitspieler ein Limit möglicherweise einfach akzeptiert, kann ein Spieler mit problematischem Spielverhalten versuchen, bestehende Grenzen gezielt zu umgehen.
Besonders deutlich wird das bei mehreren Anbietern. Wer seine Einzahlungen auf verschiedene Plattformen verteilt, kann eine einzelne Begrenzung teilweise umgehen. Auch vorgeschriebene Spielpausen bremsen das Spiel zwar aus, führen aber nicht automatisch zu einer nachhaltigen Veränderung des Verhaltens.
Damit rückt eine andere Frage in den Mittelpunkt: Sollte der Spielerschutz stärker am individuellen Risiko ansetzen?

Forschung sieht Potenzial bei personalisiertem Spielerschutz
Eine Untersuchung des Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) und des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg hat 42 Fachpublikationen bis 2025 ausgewertet.
Die Ergebnisse sprechen dafür, verschiedene Schutzmaßnahmen stärker miteinander zu kombinieren. Dazu gehören beispielsweise Sperrsysteme, personalisiertes Feedback, individuelle Limits, Pop-up-Hinweise, Selbsttests und Responsible-Gambling-Tools.
Auch digitale Frühwarnsysteme könnten künftig wichtiger werden. Sie könnten ungewöhnlich lange Spielzeiten, steigende Einzahlungen oder andere Veränderungen im Spielverhalten erkennen.
Damit würde der Spielerschutz einen Schritt weitergehen: Nicht jeder Spieler erhält automatisch dieselbe Einschränkung. Stattdessen könnte das System reagieren, wenn sich tatsächlich ein auffälliges Muster entwickelt.
Selbsttests zeigen, dass nicht jede Maßnahme gleich wirkt
Dass solche Systeme allerdings sorgfältig entwickelt werden müssen, zeigt eine Untersuchung des Tools „PlayScan“ in Schweden und Norwegen.
65,4 Prozent der Teilnehmer nutzten den angebotenen Selbsttest. Anschließend spielten Teilnehmer mit einer roten Risikoeinstufung an weniger Tagen. Spieler mit einer grünen Einstufung spielten dagegen häufiger und erlitten sogar größere Verluste.
Das Ergebnis ist wichtig, weil es eine einfache Gleichung widerlegt: Mehr Information führt nicht automatisch zu weniger problematischem Spielverhalten.
Spielerschutzmaßnahmen müssen deshalb nicht nur eingeführt, sondern auch darauf überprüft werden, was sie tatsächlich bewirken.
Der Schwarzmarkt verändert die Rechnung
Für die deutsche Regulierung kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Spieler können auf nicht lizenzierte Angebote ausweichen.
Die aktuelle GGL-Studie „Die Vermessung des Schwarzmarktes für Onlineglücksspiel in Deutschland“ liefert dazu erstmals eine wissenschaftlich berechnete Größenordnung. Für 2024 kommt die Untersuchung auf einen Anteil von 22,97 Prozent des Marktvolumens für nicht reguliertes Online-Glücksspiel. Daraus ergibt sich eine Kanalisierungsquote von 77,03 Prozent. Mehr als drei Viertel des Marktes entfallen damit auf regulierte Angebote.
Wichtig ist dabei die Einordnung: Die 22,97 Prozent bedeuten nicht, dass 23 Prozent der Deutschen illegal spielen. Die Studie ermittelt den geschätzten Anteil des nicht regulierten Online-Marktes.
Für die Untersuchung wurden 2.000 aktive Online-Spieler befragt. Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass 22,38 Prozent der Gesamteinsätze und 22,97 Prozent der Gesamtverluste auf nicht lizenzierte Plattformen entfielen.
Besonders interessant: Spieler bei nicht lizenzierten Anbietern wiesen im Durchschnitt höhere Einsätze und Verluste auf. Das macht den Schwarzmarkt auch aus Sicht des Spielerschutzes relevant.
Strengere Regeln allein sind deshalb keine Lösung
Genau hier entsteht ein Konflikt. Auf der einen Seite sollen Limits und andere Vorgaben Spieler schützen. Auf der anderen Seite müssen legale Angebote für Spieler attraktiv genug bleiben, damit diese nicht auf unregulierte Plattformen ausweichen.
Die GGL verfolgt deshalb einen kombinierten Ansatz. Neben der Regulierung des legalen Marktes soll auch der illegale Online-Glücksspielmarkt konsequenter bekämpft werden. Dazu gehört die gesamte Wertschöpfungskette, von Anbietern und Spieleherstellern bis hin zu Zahlungsdienstleistern und Marketingstrukturen.
Die aktuelle Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags betrachtet deshalb beide Seiten: Wie gut funktioniert die Kanalisierung in den legalen Markt und wie wirksam sind gleichzeitig die Spielerschutzvorgaben?
Wie sieht der Spielerschutz der Zukunft aus?
Die bisherigen Erkenntnisse sprechen nicht dafür, Limits oder Sperrsysteme abzuschaffen. Vielmehr geht es um eine gezieltere Kombination verschiedener Instrumente.
Denkbar wären beispielsweise:
- dynamische Limits bei auffälligen Veränderungen
- Frühwarnsysteme bei ungewöhnlichen Spielmustern
- personalisierte Reality-Checks
- automatisierte Hinweise bei steigenden Einsätzen
- einfacher zugängliche Pausen und Selbstsperren
- individuelle Beratungsangebote
Auch KI könnte langfristig helfen, Veränderungen im Spielverhalten frühzeitig zu erkennen. Entscheidend bleibt dabei, dass solche Systeme nicht einfach möglichst viele Einschränkungen auslösen, sondern gezielt auf tatsächliche Risikosignale reagieren.
Fazit: Spielerschutz muss gezielter werden
Deutschland hat mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 einen deutlich stärker regulierten Online-Markt geschaffen. Die aktuelle GGL-Studie zeigt gleichzeitig, dass der überwiegende Teil des Online-Glücksspiels inzwischen im regulierten Markt stattfindet. Trotzdem bleiben rund 23 Prozent des Marktvolumens außerhalb der deutschen Regulierung.
Die Zukunft des Spielerschutzes dürfte deshalb nicht allein in immer strengeren pauschalen Limits liegen.
Entscheidend wird sein, drei Ziele miteinander zu verbinden: wirksamer Spielerschutz, ein attraktiver legaler Markt und eine konsequente Bekämpfung illegaler Anbieter.
Personalisierte Schutzmaßnahmen und datenbasierte Frühwarnsysteme könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. Denn am Ende sollte nicht die Frage stehen, wie viele Regeln ein Spieler erfüllen muss, sondern ob die Regulierung problematisches Spielverhalten rechtzeitig erkennt und dort eingreift, wo tatsächlich ein erhöhtes Risiko besteht.











