Feuchtgebiete und die Bitburger Poker Tour – Götz Schrage im Interview Part I

schrageEr war Musiker, Fotograf, Pokerprofi, arbeitete in Privatcasinos und hat einen Roman geschrieben, der sogar bei Treffpunkt Kultur besprochen wurde. Mittlerweile ist er wohl eine der bekanntesten Figuren des deutschsprachigen Pokerjournalismus und auch wenn er es selbst nicht gerne hört, wohl einer der besten seines Faches. Die Rede ist natürlich von Götz Schrage. Zwei Jahre lang war er der Chefredakteur der Pokerfirma, seit kurzem ist er es nicht mehr und da er laut eigenen Angaben seit seinem Abgang über jede Menge Freizeit verfügt, trafen wir uns mit ihm auf einen Kaffee in der Wiener Innenstadt. Anfangs zierte er sich ein wenig, schließlich steht auch er, wie die meisten Journalisten, lieber hinter als vor dem Mikrofon, doch Dank unserer Überredungskünste brachten wir ihn dann doch zum Sprechen. Und ein jeder, der Götz kennt weiß, dass wenn er einmal loslegt, im Vorbeigehen praktisch alle wichtigen Themen der Pokerwelt aus seinem ganz eigenen Blickwinkel behandelt. Doch allen, die jetzt auf ein skandalöses Interview warten, in dem Götz mit seinem ehemaligen Arbeitgeber abrechnet, sei gesagt, dass Götz – ganz Gentleman – uns darum bat, nicht über die Pokerfirma zu sprechen.

Du bist ja so etwas wie der Doyen des deutschen Pokerjournalismus, wie muss deiner Meinung nach ein Pokermedium funktionieren?

Das ist fast schon zu viel der Ehre. Generell glaube ich, dass es zwei große Aufgaben gibt. Zum einen, die vorhandenen Spieler zu informieren und zu amüsieren und so etwas wie ein Wir-Gefühl zu vermitteln. Zum anderen glaube ich, dass es mindestens genau so wichtig ist, qualitativ hochwertigen Journalismus zu machen. Wir müssen alle, die sich mal zufällig zu uns verirren, so gut informieren, dass sie dazu bereit sind, Vorurteile abzubauen und Poker als das zu akzeptieren, was es ist: Ein schöner Sport.

Glaubst du das Poker mittlerweile im Sport angekommen ist und als solcher akzeptiert wird?

Aus der Sportdiskussion will ich mich raushalten. Ich sag es halt, weil ich weiß, dass es einige Leute ärgert. Über die Definition kann man streiten, aber ich bin davon überzeugt, dass Poker am richtigen Weg ist. Vor allem deswegen, weil es Pokeranbieter gibt, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und sich darum bemühen, an der gesellschaftlichen Akzeptanz zu arbeiten. Diese denken langfristig und arbeiten auch am Geschäft vom nächsten Jahr, oder dem vom übernächsten Jahr. Das respektiere ich sehr. Im Gegensatz dazu verachte ich Unternehmen, die einfach nur kurzfristig denken. Vor kurzem hab ich dazu ja einen bösen Artikel über Anbieter geschrieben, die sich an Pornoseiten dranhängen und jedes Wort davon war gemeint, wie ich es geschrieben habe.

Stimmt, den habe ich gelesen. Glaubst du, dass es beim Poker die Gefahr gibt, dass die Welle wieder bricht? Wir hatte ja den ganz großen Boom, als Poker plötzlich in aller Munde war und auf einmal ein jeder zu Hause Home Games gezockt hat. Irgendwie scheint es so, als wäre das jetzt wieder vorbei. Glaubst du das Poker jemals wieder auf das Niveau vor dem großen Boom zurück schrumpfen könnte? Welchen Weg muss Poker einschlagen?

Ganz sicher nicht. Ich sag es mal ganz plakativ: Es hat nie einen Pokerboom gegeben. Wenn ich Boom so definiere, dass ein jeder der Karten halten kann Poker spielt, hat es für mich nie einen Boom gegeben. Im Verhältnis zu dem absoluten Mauerblümchendasein, das Poker zuvor geführt hatte, hat es natürlich einen Aufschwung gegeben, aber zum Beispiel in den konservativen Kreisen ist Poker bei uns überhaupt noch nicht angekommen. Erst wenn es die „Bitburger Poker Tour“ gibt oder das „Becks High Roller Event und wenn sich die Auto- und Bierfirmen raufen, dann würde ich von einem eigentlich Boom sprechen. Wenn viele auf einen Zug ganz schnell aufspringen und dann wieder abspringen, ist das einfach so. Darüber darf man nicht jammern und hat auch nichts falsch gemacht. Aber es gibt überhaupt keinen Grund dafür, warum Poker in unserer globalisierten Welt in Österreich, Deutschland und der Schweiz weniger Stellenwert haben sollte, als in den USA. Es ist nicht zwingend eine amerikanische Kultur. Es ist ein faszinierendes Spiel. Pokerspieler sind hellere Köpfe und lernen ständig fürs Leben. Gerade ein Turnierspieler lernt, dass es sich immer auszahlt zu kämpfen, dass es nie gut ist zu verzweifeln, dass man auch mit einem Short Stack sich weiter bemühen muss und man nie aufgeben darf. Man lernt, dass das richtige Tun nicht immer automatisch zum Erfolg führt, aber dass langfristig die mit den vielen richtigen Entscheidungen am weitesten kommen. Man kann an seiner Disziplin arbeiten, man hat Lernerfolge. Es ist eigentlich eine großartige Lebensschule. Aber jetzt kommt das große ABER: Es gibt bei allen Dingen Menschen, die ein Dosisproblem haben, sag ich mal als Amateur. Es gibt Dinge, die neigen dazu, von einem Dosisproblem zu einem realen Problem zu werden. Wenn jemand sämtliche Rezeptoren im Hirn darauf einstellt, nur beim Holzhacken glücklich zu sein, bekommt er maximal Schwielen an den Händen, dicke Muskeln und hat ein Lagerproblem.  Wenn jemand Essen, Alkohol, schnell Autofahren, sanfte Drogen, schwere Drogen überdosiert oder sich in die Abhängigkeit begibt, hat er ein Problem. Und Poker ist in diesem Zusammenhang vergleichbar mit Marihuana, das man fünf Jahre in der Sonne im Handschuhfach vergessen hat. Also nicht hochgradig gefährlich, aber für labile Persönlichkeiten eine Sache, die ein Leben aus dem Gleichgewicht bringen kann. Das muss man als verantwortungsvoller Journalist tatsächlich auch ernst nehmen, leugnen ist zwecklos, aber Schuld ist Poker an einer Abhängigkeit nicht.

Wow, dass nenn ich mal eine Antwort. Schön formuliert! Da weiß ich gar nicht, wo ich nachhacken soll… Fangen wir mal da an: Was muss deiner Meinung nach passieren, damit es eine Bitburger Poker Tour gibt?

Ich komm da immer in die Gefahr, Pokerstars nach dem Mund zu reden. Aber die machen einfach genau das Richtige. Das Beste wäre wohl, wenn Charlotte Roche das Main Event gewinnen würde. Natürlich kann man fragen: Warum schiebt ihr Stars ein Main Event Ticket in ihre Feuchtgebiete? Das Geld hätte man auch nach Afrika schicken können… Aber genau dieser Crossover ist so wichtig. Das halte ich für die wichtigste Investition in die Zukunft. Mit den eigenen Stars kann man zwar den Boom aufrechterhalten, aber mit diesen Mainstream Stars sorgt man für Aufsehen. Das Besten wäre wohl Klaus Wowereit beim Main Event. Es ist höchst ungewöhnlich, dass die Pokerindustrie nicht in der Lage ist, sich zu einer strategischen Akzeptanzpolitik zu entscheiden. Manche saugen einfach parasitär das auf, was andere im deutschsprachigen Raum geschaffen haben…

Das war der erste Teil unseres großen Götz Schrages Interviews. Morgen erscheint der nächste Teil. Also, stay tuned!


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