Harmlose philosophische Gedanken zu Scotty Nguyen, Markus Golser und meiner Goldkette.

„Du hast jetzt einen neuen Kollegen bei  deinem Hochgepokert habe ich gelesen.“ Irgendwie tappe ich auch in jede Falle. Ich kenne mich auf den kleinen NLH-Tischen nicht wirklich aus. Verstehe die Moves nicht und die Witze sowieso. „Ja stimmt“ sagte ich deswegen ohne Ahnung und in der Hoffnung irgendwie aus dem Gespräch fliehen zu können. Aber er sprach noch weiter: „Scotty Nguyen schreibt jetzt auch eine Kolumne bei euch und das auf Deutsch!“ Ich hasse Menschen, die Worte so sonderbar lang gestreckt betonen, wenn sie besonders witzig und wichtig sein wollen. Koluuuuuuuuuuumne“ – so muss man sich das vorstellen. Und nach dem „auf deuuuutschhh“ gab es wieder eine eitle Kunstpause.  – Warum darf man nicht wenigstens einen Gast pro Monat umhacken? Besonders wenn man einen guten Grund hat? Aber es war noch nicht Schluss mit lustig. „Wer schreibt als nächstes bei euch eine Kolllluuuuuuummmmneee? Mickey Mouse oder doch Roberto Blanco?“ 

Unvorstellbar, aber trotzdem wahr. Keine Ahnung von nichts und keinen Respekt vor dem Rest. Mir gehen diese schlechten Manieren mit der Zeit doch mehr auf die Nerven als ich dachte. Grob eingeteilt gibt es in Casinos meine Freunde und Bekannten, die behandeln mich gut und entspannt wie immer und alles ist normal und bestens. Dann gibt es eine zunehmende Gruppe von jungen Spielern, die mehr als höflich sind und mir einen Altersbonus gestehen, den ich ganz sicher noch lange nicht haben will. Trotzdem nette Jungs und kein schlechtes Wort in diese Richtung. Nach ein paar Stunden zusammen gibt es sich dann auch mit dem übermäßigen Respekt und alles läuft entspannt.  – Mehr Probleme mit den LAGs (Lebensabschnittsgewinnern). Oft erst zwei Jahre dabei, jetzt sechs Plusmonate am Stück und schon Weltmeister. Zumindest wenn es nach dem Auftreten und dem entschlossen hohen Kinn geht. Will jetzt nicht wieder den alten Indianer bemühen, der irgendwo am Fluss auf die vorbei treibenden Leichen seiner Feinde wartet. Aber so manchen der Oberschlauen sieht man dann später in Casinos nach runtergefallen Chips beim Roulettetisch suchen, oder sie schreiben schäbige Bettelbriefe in denen sie die Tücken der Varianz bejammern und um kleine Beteiligungen für einen Neustart bitten. Gern vorgeschlagen wird das 50/50 Modell –  „spielen wir 50/50 aber meine 50% zum Start musst du mir leihen“.  – Tatsächlich sind diese Jungs reine Opfer der Varianz, aber nicht auf die Art, die selbst so gerne glauben möchten. Vielmehr waren sie die Profiteure der Varianz. Erst hat sie die Rolltreppe der großen Zahlen nach oben befördert, dann stolpern sie wieder hinunter in den Abgrund wo sie meiner Meinung nach auch hingehören. Wenn tausend  respektlose Jungs mit enormen Selbstbewusstsein dasselbe Spiel herunter trommeln, dann sind eben rein statistisch ein paar LAGs dabei. Und ironischer weise lernen welche auf dem Weg nach oben das Spiel auch tatsächlich und sind dann einfach starke Gegner. Die Gunst der Flops und River genutzt und nebenbei noch etwas gelernt. Warum nicht? Doch viele kratzen diese Kurve nicht und haben nur die grobe Trommel im Repertoire. Wenn die Sonne des Glücks nicht mehr scheint ist alles schnell vorbei. – Fantasten gab es immer schon, aber früher waren die irgendwie spannender und deutlich charmanter. 

 Vielleicht hat das aber auch alles mit dem großen Missverständnis zu tun, beim Poker spielen ginge es um Geld und Reichtum. So was kann man ja gerade noch als sekundären Benefit mitnehmen, aber Pokerspieler wird man doch, hoffe ich immer noch wegen dem Style und dem ganzen Rundherum. Drogenhändler und Zuhälter haben zwar meist auch eine spannende Vita, aber ihr Tun ist in meisten Ländern ziemlich verboten und moralisch ziemlich verwerflich.  – Markus Golser zum Beispiel ist definitiv cool. So meine Preisklasse cool – nur mit Geld und jetzt auch noch mit Cardcoaches.com. Von mir will das ja keiner wissen, aber Markus Golser wurde von meinem geschätzten Kollegen Tobias Falke gefragt, wie das alles anfing und so.  – Ich  persönlich erinnere mich genau, wie ich mich in die Vorstellung verliebt habe ein richtiger Spieler zu werden. Mich überhaupt so nennen zu dürfen, möglichst mit Fug und Recht und einem dicken Bündel Geld in der Hosentasche. Wobei mindestens so wichtig war der besagte Style. Mir hatte vor langer Zeit jemand mal eine Story erzählt von einem alten Heroen, der auch mal jung , hungrig und vor allen Dingen, eitel war. Sein Name tut nichts zur Sache. Es war jedenfalls in den 70ern des letzten Jahrtausends als die Männer die Haare halblang und gepflegt trugen wie Günter Netzer oder Ron Wood. Besagter Held meiner Jugend war auf dem Weg in die Provinz über eine böse vereiste Autobahn. Ein großes Spiel und nur hundert Kilometer entfernt. Keine Strecke für die Corvette mit den angeblichen 500 PS. Ein kleiner Fahrfehler vielleicht, ein zweifacher Überschlag und da lag die edle Schüssel verkehrt am Dach. Langsam rotierend auf der mittleren Spur. Mein Held hatte das Geld im Sack und ein dünnes Seidenhemd reicht auch wenn man genug Goldketten um den Hals hat. Trotzdem lief er noch mal zum Auto, weil ihm die Gefahr weniger gefährlich schien als Peinlichkeit der schlechten Frisur. Schnell nach hinten gegriffen und die kleine Reisetasche mit dem Haarföhn geschnappt. Man muss einfach Prioritäten setzen im Spielerleben. Lieber tot als ohne Style. – Wenn man jung ist schreckt einen das komischerweise wenig. 

Beinahe hätte ich dem dämlichen Jungen mit dem unangepassten Selbstbewusstsein diese Geschichte erzählt, aber ich habe es dann doch sein lassen. Und natürlich habe ich auch nicht erklärt, dass ein Scotty Nguyen immer gut ist für eine Seite wie Hochgepokert.com sein muss. Auch wenn er nur „baby, baby“ in ein Mail klopft ist meine Welt in Ordnung. Dem Dümmling wollte ich das nicht erklären. Stattdessen habe ich seine Frage beantwortet. „Mickey Mouse ist zu teuer und Roberto Blanco überlegt noch“. – Keine rasend coole Antwort zugegeben und nicht besonders pfiffig. Aber dann habe ich mich weit nach vorne gelehnt, dass er meine Goldkette blitzen sehen musste. Und dann war ich Sieger. – Zumindest in meiner Welt

Götz Schrage 

 

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