Sebastian Langrock und seine Million – Schlaue Reads und ein kluges Pferd – Vorsicht vor Morphium

Wahnsinn. Dass ich das noch mal erleben durfte! Endlich mal ein Pokerspieler mit positiver Presse. Von BILD.de bis SPIEGEL Online, alle jubeln, alle berichten und überall steht es in fetten Lettern: ein Pokerspieler – also einer von uns – holt sich die Million bei Günter Jauch. Respekt und Gratulation. Wir haben uns das verdient und wir haben auch mal wieder gebraucht. Sonst sonnt sich der Boulevard höchstens Mal in unserem düsteren Licht. Wenn irgendein durchgeknallter Freak mit tausend Problemen und zwei Dutzend üblen Angewohnheiten nach einer Bankraubserie verhaftet wird, beginnt das große Recherchieren. Einmal vor acht Jahren bei irgendeinem Wald und Wiesen-Turnier am Finaltisch aufgeschlagen und schon wird das Ehrenprädikat „Pokerspieler“ verliehen in Form von dubiosen Schlagzeilen: „Pokerspieler mit Schreckschuss Pistole verblufft sich am Bankschalter.“ Und wenn wir wirklich viel Pech haben, schreibt dann auch noch Hochgepokert.com darüber. – Diesmal ist alles Friede, Freude und Millionenkuchen. Sebastian Langrock als Lichtgestalt der notwendigen Pokerrenaissance. Wir haben zwei Päpste verloren in diesem Jahr, freuen wir uns über einen neuen Millionär und freuen wir uns über einen neuen authentischen Botschafter der Pokersports. 

Das grandiose dabei, Sebastian Langrock hat ja sich da Million ostentativ als Pokerspieler geholt. Soll heißen, ausgestattet mit sozialer Intelligenz, strategischem Kalkül und den  charmanten Talenten der leisen Manipulation, hantelte er sich bis ganz nach oben. Zugegeben, Pech hat er auch nicht gehabt, aber wer kann das schon brauchen und mit Pech hat auch noch niemand ein Turnier gewonnen wie man weiß. Besonders gut gefallen hat mir zugegeben der offensive Ansatz. Günter Jauch wurde nicht in Zuckerwatte gepackt   – für einen richtigen Pokerspieler wäre das sowieso ein erbärmlicher Ansatz – sondern er wurde humorvoll vorgeführt. Die Idee, Jauch auf den Kopf zuzusagen, man habe einen „Read“ auf ihn, einfach grandios. Wobei ich gehe davon, dass Langrock viel zu schlau gewesen wäre, einen wirklich eindeutigen „Read“ preiszugeben, vielmehr hat er ihn – um in unseren Termini zu bleiben – geleveled. Spätestens, wenn sich Jauch besonders bemüht hätte, wäre er besonders anfällig für kleine verräterische Gesten und sprachmelodische Auffälligkeiten gewesen. Um ein wenig aus meiner alten Schule zu plaudern. Als mittelmäßiger Mathematiker mit Hang zur Undiszipliniertheit musste ich ja seinerzeit irgendetwas richtig gemacht haben, sonst wäre sich das ja nicht jahrelang ausgegangen. Immer ausgestattet mit einem kleinen Notizbuch habe ich Informationen zu allen regelmäßigen Gegnern gesammelt und analysiert. Wahrscheinlich hätte ich mir die entscheidenden Dinge auch merken können, aber mit so einem kleinen orangenen Heft in der Hand war es einfach eindrucksvoller. Fast jeder Gegner wollte wissen, was ich denn notiert habe und der Trick lag darin, durchaus etwas zu verraten, weil es interessanterweise erst dann zur wirkungsvollen Waffe wurde. Sobald man dem Gegner einen „Read“ verraten hatte, konnte man beobachten, wie er wiederum aktiv dagegen ankämpfte, oder – Achtung doppelter Boden – versuchte falsche Informationen zu vermitteln. Quasi die manipulative Gegenmanipulation. Nicht gerade leicht zu dechiffrieren, aber immerhin mal eine Basis für eine Analyse abseits der Chips und Karten. 

Nur was wird in Zukunft passieren? Werden Pokerspieler zukünftig ausgeschlossen, jetzt wo der Beweis angetreten ist, dass sie auch bei „Wer wird Millionär“ bessere Karten haben? Muss man da seine Talente verschweigen? Wäre eine Datenbank der Top Günter-Jauch-Reads verboten wie EPO und Anabolika? Muss man nach dem Gewinn zum Urintest und wenn sich da Spuren vom bekannt schlechten Casinokaffee finden, hat man die fette Beute zu retournieren? Fragen über Fragen. Fest steht auf jeden Fall, dass auch der beste Read nichts nützt, wenn die Person nicht weiß, was sie hat. Für die Wissbegierigen empfehle ich da die Lektüre zum „Klugen Hans“, einem Pferd, das immer dann richtig „rechnen“ konnte, wenn die Personen im Raum das entsprechende Ergebnis wussten. Grob vereinfacht erklärt, klopfte das Pferd so lange mit einem Huf, bis es auf Grund seiner sozialen Talente merkte, dass es besser sei aufzuhören. Es hatte einen „Read“ auf Mimik und Atmung der Beobachter und deswegen spielte es auch keine Rolle, ob es nun dividieren, multiplizieren oder lediglich addieren musste. Die Strategie des Pferdes war einfach so lange mit einem Huf zu klopfen, bis es merkte, dass die Spannung im Raum abrupt anstieg. Dann hörte es auf und bekam ein Stück Zucker und alle waren glücklich. Sobald niemand im Raum die richtigen Antwort wusste, war das Pferd auch verloren und damit wären wir wieder elegant bei der unabsichtlichen Kommunikation von Günter Jauch. Was hätten dem Sebastian Langrock all die guten Reads auf Günter Jauch genutzt, wenn dieser selbst daneben gelegen wäre.  – Aber was soll man sich im Nachhinein noch Sorgen machen. Die Million ist gesichert. Tausend neue Freunde wird er auch bekommen bei Facebook. So mancher Schnorrer unter den Pokerspielern  wird sich wohl mit Turnierbeteiligungen andienen und meine serbischen Freunde haben immer die eine oder andere „wasserdichte“ Fußballwette im Angebot.  – Als Pokerspieler muss amn stolz sein auf Sebastian Langrock und hoffen, dass er jetzt auch die zweite Halbzeit gut meistert und sich das Geld nicht wieder wegnehmen lässt. Meine Daumen sind jedenfalls gedrückt.

Götz Schrage

PS: Weil es mir gerade einfällt und irgendwie hier her passt. Es muss einmal gesagt werden, Morphium ist eine verdammt gefährlich Droge und zwar nicht nur für den Konsumenten, sondern auch für uns gemeine Pokerspieler. Was in dem Teufelszeug auch drin sein mag und welche Glücksgefühle es dem User auch geben mag, ist mir mal schnuppe. Verwirrend ist auf jeden Fall die völlige Fehleinschätzung der eigenen Stärke (und wohl auch Blattstärke). Unter den orientalischen Highrollern früher Modedroge Nummer 1 und an den alten Stud-Tischen durchaus täglich anzutreffen. Maximales Überspielen der eigenen Hand gehört dann zum Standard. Da ist kein Bluff, da ist keine Unsicherheit. Der Gegner hält sich in dem Moment für den König der Welt und ein Paar Neun für eine komplett unschlagbare Hand. In solchen Momenten, alle „Reads“ ausschalten, nie lange nachdenken und auszahlen. 

 Bildquelle: Bild.de, Wikipedia 

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